Der Energieturbo

Der Ingenieur versteht nicht, warum in der Schweiz die gesetzlichen Hürden für neue, emissionsarme Technologien immer noch so gross sind – obwohl diese marktreif wären.

Die Sommerwärme im Winter nutzen: Hansjürg Leibundgut hat dieses Prinzip verfeinert. Foto: Tom Kawara

Die Sommerwärme im Winter nutzen: Hansjürg Leibundgut hat dieses Prinzip verfeinert. Foto: Tom Kawara

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Wenn er spricht, dann sprudelt es aus ihm heraus. Seine Ideen, seine Projekte – und neuerdings auch sein Plan. Sein Massnahmenplan, wie die meisten Gebäude der Schweiz vollständig CO2-frei werden können und die Energiewende bis 2050 zu ­schaffen ist.

Hansjürg Leibundgut ist kein Missionar, aber er hat eine Mission. Er redet ruhig, und doch spürt man seine Energie, die er seit Jahren in seine Idee investiert. Der emeritierte ETH-Professor debattiert gern, doch für ihn müssen alle Argumente stets wissenschaftlich belegt sein. Und wenn er im spartanisch eingerichteten Büro an der Bolleystrasse 35 im Zürcher Hochschulquartier von seinem «Plan Leibundgut» spricht, so nimmt man ihm dies ohne Bedenken ab. Denn sein Arbeitsplatz befindet sich in seinem Mehrfamilienhaus, das der emeritierte ETH-Professor für Gebäudetechnik vor wenigen Jahren aufwendig und kostspielig saniert und zum «Labor 35» gemacht hat. Er nannte sein Projekt «Expedition Viagialla». Seither testen und optimieren ETH-Ingenieure und Studenten sein Energiekonzept. Und jetzt, nach nur wenigen Jahren, ist das System marktreif. «Nur dank einer engen Vernetzung zwischen Forschung und Industrie war dies in so kurzer Zeit möglich.»

Das Prinzip seines Systems ist im Grunde ganz einfach und auch nicht neu: Im Sommer wird Wärme für die Nutzung während des Winters geerntet und im Boden gespeichert. Das Besondere ist jedoch das Gesamtkonzept mit Komponenten, die weiterentwickelt und verfeinert wurden: Hybridkollektoren liefern Strom und Wärme. Patentierte aufrollbare und sogenannte elastische Koaxial-Erdwärmesonden aus Polyesterzwirn können bis in eine Tiefe von 500 Metern reichen und laut Leibundgut auch am kältesten Tag noch über 15 Grad Wärme liefern. Dazu sei eine Wärmepumpe entwickelt worden, welche die herkömmlichen Produkte übertreffe. Das gesamte Paket funk­tioniert mit minimalem Stromverbrauch – und emissionsfrei, sofern der Strom aus erneuerbarer Energie stammt.

Hansjürg Leibundgut ist in einem forschen Tempo unterwegs, er ist ein Macher. Im letzten Jahr schickte er das Dokument zum «System 2SOL für die Schweiz» an die Akademie der Technischen Wissenschaften. Im September lancierte er seinen Plan in einem Vortrag vor grossem Publikum in der Umweltarena Spreitenbach. «Es ist ein Plan, den man ab sofort sehr breit umsetzen kann», sagt der Ingenieur.

Wie an einem Basar

Ihm geht alles zu wenig schnell. Mehr Bewegung erhofft er sich durch eine Einzelinitiative im Kanton Zürich, die er im August zusammen mit 43 Wissenschaftlern unterstützte. Sie verlangt, dass die CO2-Emissionen aus der Verbrennung von fossilen Brennstoffen zum Heizen von Gebäuden bis 2035 stufenweise auf null gesenkt werden. Leib­undgut steht dahinter, weil er marktreife Alternativen sieht, und für den Hauseigentümer gibt es dadurch Planungssicherheit. «Wir müssen die Raten für die energetische Sanierung der Gebäude steigern», sagt er. Alle 30 Jahre brauche es ohnehin eine neue Heizung, und wenn Öl- und Gasheizungen ver­boten sind, dann stünden heute Optionen zur ­Verfügung.

Leibundgut erinnert sich gut an die Zeit in den 1980er-Jahren. Er war damals Chef des Amts für technische Anlagen und Lufthygiene des Kantons Zürich. «Der Regierungsrat hatte mir die Leitung des Massnahmenplans Lufthygiene übertragen», erzählt er. Es sei fast wie an einem orientalischen Basar zu- und hergegangen. Die Chefs grosser Brenneranlagen wurden eingeladen und machten Vorschläge, wie «sauber» sie ihre Heizungen entwickeln könnten. So entstanden neue Technologien, die zum Beispiel deutlich tiefere Stickoxid-Emissionen produzierten. «Der Massnahmenplan kam damals ohne Referendum durch», erzählt Leib­undgut. Niemand habe nach der Wirtschaftlichkeit gefragt. Doch das Resultat war eindrücklich: «Heute ist die Luft sauber.»

Aber heute könne so etwas auf diese Art nicht mehr zustande kommen. Es gäbe keine Einigung mehr mit der Branche. «Alle Interessenvertreter haben ihre Lobbyisten und verteidigen ihre Pfründe», beklagt sich der emeritierte ETH-Professor. Der Minergiestandard für Gebäude zum Beispiel hat seiner Ansicht nach zu einer wahren Dämm-Ideologie geführt. In seinem System wird jedoch nur minimal in die Gebäudehülle investiert, weil genügend Wärme aus dem Untergrund vorhanden ist. «Natürlich würde das System mit einer Dämmung noch besser funktionieren, aber es ist ökonomisch nicht optimal», sagt Leibundgut. Doch das wolle einfach niemand hören.

Trotzdem bewegt sich etwas. Der ETH-Professor ist zum Unternehmer geworden. Seine Firma BS2 führte er erst zusammen mit einem Freund. Dann holte er seine Doktoranden an Bord. Die jungen Ingenieure industrialisierten die Innovationen, die Hansjürg Leibundgut und sein Forscherteam an der ETH entwickelt hatten. Im Februar 2013 wurde die Allianz 2SOL gegründet, der heute 15 führende Schweizer Unternehmen aus der Energie- und Baubranche angehören. Darunter die weltweit tätigen Solarzulieferer Meyer-Burger und die Schweizer Wärmepumpenfirma CTA. Seit diesem Herbst kann das 2SOL-System bestellt werden, Anfang nächsten Jahres soll geliefert werden.

Die Konkurrenz ist gross

Doch das Unternehmen steht auf wackligen Beinen. Es gibt zwar bereits zahlreiche Projekte. «Doch wir müssen Vorleistungen erbringen, und das kostet», sagt der Ingenieur. «Wir können nur überleben, wenn wir Erfolg mit der Erdsonde haben.» Er ist aber zuversichtlich, dass im nächsten Jahr 100'000 Laufmeter verkauft werden und die Firma überlebt. Doch die Konkurrenz im Erdsondenbereich ist stark. Und schon ist Leibundgut wieder im Element: «Lieber etwas mehr investieren, dafür einen langfristigen Ertrag.» Er ist überzeugt, dass die an der ETH entwickelte und patentierte Erdsonde 200 Jahre hält. «Die Wärmequelle ist dann wie ein Kanalisationsanschluss, sie gehört nicht mehr zum Haus, sondern gehört zum Grundstück und ist im Grundbuch festgeschrieben.»

Man glaubt Hansjürg Leibundgut, wenn er sagt, es gehe ihm nicht ums Geschäft. Sondern um ein Umdenken. «Wir haben eine marktreife Schweizer Technologie, weil ich ein Zeitfenster erwischte, in dem wir gute Forschung machen konnten.» Doch er ist auch Realist. Die Umsetzung seines Plans ­verlangt die Revision vieler Normen, und gesetz­liche Verordnungen müssten verändert werden, zum Beispiel die Wärmedämmvorschrift oder die Tiefenbegrenzung für Erdwärmesonden. Das hält den Macher jedoch nicht auf. Bereits hat er ein Projekt lanciert, um einen Bohrroboter zu entwickeln, der emissionsfrei und billiger Löcher für die Erdsonden bohren soll.

Erstellt: 23.10.2015, 23:12 Uhr

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