737-Absturz: Der Fehler liegt im System

Der Crash ist für Boeing ein Desaster. Grounding und Schuldzuweisung die Folgen. Der Blick auf die Fakten zeigt aber ein differenziertes Bild.

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Der öffentliche Druck auf den Flugzeughersteller Boeing ist enorm. Zwei Abstürze des neuen Modells 737 Max 8 innerhalb von weniger als fünf Monaten, insgesamt 346 Tote. Die Europäische Flugsicherheitsbehörde Easa und viele Länder wie Deutschland, Frankreich, Irland, Grossbritannien, Indonesien, Australien, China und Singapur verbieten den Einsatz des Jets, grosse Airlines verzichten freiwillig. Rund 40 Prozent der Flotte stehen am Boden. Eine neue Software gerät in Verdacht, eine wichtige Rolle bei den beiden Unfällen gespielt zu haben.

Kurz: Ein Desaster. Die Verunsicherung ist also verständlich, umso wichtiger ist deshalb der Blick auf die Fakten. Und der eröffnet ein differenziertes Bild. Die Untersuchungen zum Absturz der Lion-Air-Maschine vom 29. Oktober 2018 legen nahe, dass ein automatisches Steuerungssystem namens Maneuvering Characteristics Augmentation System (MCAS) eine Rolle beim Unfall gespielt hat.

Die Software war aber sicher nicht der einzige Grund für die Katastrophe. Und beim Absturz des Ethiopian-Fluges 302 am vergangenen Sonntag ist noch nicht klar, ob es überhaupt einen Zusammenhang mit MCAS gibt. Es gibt Indizien, die dagegensprechen.

Vor diesem Hintergrund ist nachvollziehbar, dass die US-Luftfahrtbehörden FAA die Boeing 737 Max 8 bislang weiterfliegen lassen und die Easa zunächst mit einer Entscheidung zögerte – bis sie dann doch noch ein Flugverbot für den europäischen Luftraum erteilte. Dies war mehr dem öffentlichen Druck geschuldet als einem tatsächlich nachvollziehbaren Sicherheitsrisiko.

Dennoch ist Kritik an Boeing berechtigt: Ein einzelner kaputter Sensor sollte nicht wie bei Lion Air eine solche Kettenreaktion auslösen können. Warum gibt es nicht zwei Sensoren, die das MCAS-System mit Daten füttern? Piloten vieler Airlines wussten auch gar nicht, dass die Software existiert. Warum wurde die Neuerung so schlecht kommuniziert? Und wer trägt für die schlechte Kommunikation die Verantwortung? Boeing sicher, aber auch die US-Luftfahrtbehörde und die Airlines.

Für alle Flugunfälle gilt: Sie passieren nie wegen eines einzelnen Fehlers.

Die eigentliche Lehre aus dem Desaster ist deshalb, dass die Industrie die Folgen von Automatisierung noch nicht ausreichend bedacht hat. Sie muss viel mehr investieren in die Schulung und alte Trainingskonzepte verwerfen. Piloten und Mechaniker müssen die komplexen Systeme besser verstehen lernen.

Für alle Flugunfälle gilt: Sie passieren nie wegen eines einzelnen Fehlers. Abstürze geschehen, wenn es nicht gelingt, eine Kette von Ereignissen rechtzeitig zu unterbrechen. Auch die mutmassliche Fehlfunktion von MCAS beim Lion-Air-Crash hätte harmlos ausgehen können, hätten die Piloten anders reagiert oder, noch besser, die Wartungstechniker der Airline die Maschine für eine gründliche Reparatur aus dem Verkehr gezogen.

Das System lässt sich ausschalten

Boeing hat die 737, die seit 1967 ausgeliefert wird, für die neueste Generation an einer Stelle entscheidend verändert. Die Maschine hat grössere Triebwerke, die am Flügel weiter oben und weiter vorne montiert sind, um genügend Abstand zum Boden zu gewährleisten.

Dadurch verändert sich das Flugverhalten: Im starken Steigflug tendiert die Maschine dazu, die Nase noch mehr nach oben zu ziehen. Um diesem Effekt entgegenzuwirken, kommt MCAS ins Spiel. Das System greift dann ein und reduziert den Anstellwinkel zwischen Luftströmung und Flügeln, damit genügend Auftrieb erhalten bleibt.

Beim Lion-Air-Absturz sprang MCAS offenbar aufgrund falscher Daten an, ein Sensor war defekt. Die Piloten versuchten dagegenzuhalten und die Nase nach oben zu ziehen, doch das System drückte in die Gegenrichtung. Die in Panik geratene Crew wusste nicht, dass und wie sie MCAS ausschalten konnte.

Das System wird erst aktiviert, wenn die Landeklappen, die auch beim Start und kurz danach benützt werden, ganz eingefahren sind. Daher stellt sich die Frage, ob das neue System beim Absturz in Äthiopien überhaupt ein Faktor war, denn die Probleme begannen wohl unmittelbar, nachdem die Maschine den Boden verlassen hatte.

MCAS sollte fraglos nachgebessert werden, Boeing will Neuerungen in den nächsten Wochen einführen. Künftig soll es die Steuerflächen des Flugzeugs nur in einem begrenzten Umfang lenken; die Piloten haben dann immer noch Raum, dagegenzuhalten, selbst wenn sie das System nicht abschalten.

Erstellt: 13.03.2019, 12:41 Uhr

Moderne Flugzeuge sind heute hochtechnisierte Arbeitsplätze: Ein Pilot sitzt im Cockpit einer Boeing 737 Max 8. (Bild: Reuters )

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