Der Herr der Smileys

Mark Davis bestimmt, welche Emojis den Weg auf unser Handy finden. Der Unicode-Chef sorgt aber auch dafür, dass Google-Programme einfach mit 75 Sprachen arbeiten können.

Mark Davis: Der Doktor der Philosophie liebt Computer, Sprache und die Schweizer Berge. Foto: Raisa Durandi

Mark Davis: Der Doktor der Philosophie liebt Computer, Sprache und die Schweizer Berge. Foto: Raisa Durandi

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«Wotsch än Kafi?», fragt Mark Davis und lässt sein Gegenüber staunen. Ein Amerikaner in Zürich, der Dialekt spricht? Davis hat ein Jahr lang einen Kurs besucht, offensichtlich mit Erfolg. «Ich finde es gmüetlich, Schwiizerdüütsch zu rede», sagt er mit charmantem US-Akzent und stellt eine leere Tasse unter die Kolbenmaschine. In der «Bibliothek» des Google-Entwicklungszentrums in Zürich-Enge fühlt man sich wie in Harry Potters Zauberschule, dank einer dunklen Trompe-l’Œil-Tapete, wuchtigen Sofas, künstlichem Kaminfeuer und ein paar Googlern, die Karten spielen. Mittendrin Oberzauberer Davis, gross gewachsen, mit schneeweissen Haaren und Bart; auf der Nase sitzt eine randlose Brille, hinter der zwei blaue Augen listig hervorblinzeln – der Herr der Smileys.

Mark Davis, 64 Jahre alt, bestimmt, welche Emojis den Weg auf unser Handy finden und welche nicht. Wenn wir plötzlich zwischen sechs Haut­farben wählen können, einen lächelnden Kackhaufen oder eine Frau mit Kopftuch in der Galerie finden, ist das Mark zu verdanken. Er ist Vorsitzender des Unicode-Konsortiums mit Sitz im Silicon Valley, das über Auswahl, Programmierung und Aussehen der beliebten Textsymbole entscheidet. Das dreiköpfige Gremium, das er 1991 mitgründete, wird von seinen Mitgliedern finanziert. Mit dabei sind mittlerweile alle grossen Softwarefirmen wie Adobe, Apple, Facebook oder Microsoft, aber auch Regierungen wie jene in Indien oder Pakistan. Sie alle sind daran interessiert, dass wir mit unseren elektronischen Geräten auf der ganzen Welt ohne Missverständnisse miteinander kommunizieren können. Denn Unicode definiert, wie Schriftzeichen und Symbole in allen Sprachen richtig dargestellt und ausgetauscht werden können.

Spass am Programmieren

Darin hat Davis eine Riesenerfahrung. «Internationalisierung» heisst sein Spezialgebiet, das ihn vor fünf Jahren auch zu Google in die Schweiz brachte. In einem 50-Prozent-Pensum schafft er mit seinem Team die Grundlagen, dass Google-Programme und -Dienste wie G-Mail oder Google Translate einfach an 75 Sprachen angepasst werden können. «Früher wurde ein Programm in einem Land entwickelt und musste dann, wollte man es auch in einem andern Land einsetzen, in andere Sprachen übersetzt werden», erzählt Davis. Er spricht jetzt englisch, langsam und geduldig, um die komplexe Materie auch Laien verständlich zu machen. Diese Methode sei aber sehr aufwendig und kaum skalierbar gewesen, weil jedes Programm viele versteckte Annahmen über eine Sprache enthalte und jede Sprache anderen Regeln folge. «Deshalb kamen wir auf die Idee, das Vorgehen zu ändern und ein einziges Programm zu bauen, das mit jeder Sprache zurechtkam. Wir nannten es Unicode.»

Um diesen Einheitscode bauen zu können, muss Davis nicht 75 Sprachen beherrschen, «aber ich muss verstehen, wie Hindi, Englisch oder Arabisch aufgebaut sind». Damit der Computer versteht, muss zunächst jeder Buchstabe einer Sprache in Unicode definiert sein, und er braucht Daten, die ihm sagen, wie die Buchstaben zueinander in Beziehung stehen. «Auf der nächsten Ebene müssen wir ihm sagen, wie eine Sprache funktioniert», wie man Wörter trennt, Mehrzahl, Zahlen oder das Datum bildet oder wie Wochentage funktionieren.

Das Ziel ist, Eigenschaften von Sprachen zu sammeln und sie über Regeln und Algorithmen so zu definieren, dass sich Software-Inhalte, die in Unicode geschrieben sind, leicht an jede Sprache anpassen lassen, die in Unicode aufgenommen wurde: «Das Programm funktioniert, egal in welcher Sprache eine Software geschrieben ist.»

Computer und Sprache sind zwei Dinge, die ­Davis schon seit vielen Jahren beschäftigen. Als Sohn einer Pflegerin und eines Physikers wuchs er in Kalifornien auf, machte einen Bachelor in Mathematik und Philosophie und kam während seines Philosophiestudiums in Stanford im Fach Logik erstmals mit dem PC in Berührung. Er lernte Programmieren: «Ich merkte, dass mir das Spass machte.» Den frischen Doktor der Philosophie zog es 1979 mit seiner ersten Frau nach Zürich – «wegen der Berge» –, wo er sich einen Job in einem Start-up als Computerwissenschafter ergatterte.

136'690 Zeichen, 130 Schriften

Vier Jahre später ging er zurück ins Silicon Valley zu Apple, «weil die etwas mit Sprache und Computer machten». Zusammen mit einem Kollegen entwickelte Davis das erste japanische Mac-System. Die Schwierigkeiten, die sich dabei zeigten, brachten ihn auf die Idee, so etwas wie Unicode zu schaffen. Vier Jahre später war die erste Version da: «Das Schwierigste war damals, IT-Firmen zu finden, die Unicode einsetzten». Heute ist praktisch jeder Text im Web, jede App und jedes Betriebssystem in Unicode verfasst.

Heute sind 136'690 Zeichen im Standard erfasst, insgesamt 130 Schriften, darunter auch historische wie die Keilschrift der Sumerer aus dem 3. Jahrtausend vor Christus. Die 2666 Emojis in der eben lancierten Version Unicode 11.0 sind also nur ein winziger Teil von Unicode, aber der, der am meisten öffentliches Interesse auf sich zieht. Täglich verschicken wir sechs Milliarden der kleinen Symbole, demnächst treten die Kerlchen im Kinofilm «Emoji» auf. Erfunden hat sie der Japaner Shigetaka Kurita für einen Telecomanbieter Ende der 90er-Jahre. Davis und seine Mitstreiter haben die Icons damals zuerst ­ignoriert, bis Google seinen G-Mail-Dienst in Japan anbieten wollte und «leichten Druck» auf das Konsortium ausübte. Denn die Symbole, die die Japaner schon kräftig in ihren Mails nutzten, konnten im Google-Dienst nicht dargestellt werden.

Nicht nur Google, alle dürfen dem Konsortium übrigens Vorschläge für neue Sujets unterbreiten. Ein Federer-Emoji wäre cool? Oder ­Kantonswappen? Es muss allerdings gut begründet sein, warum ein neues Emoji nötig ist. «Am besten weist man mit Statistiken nach, dass weltweit grosses Interesse am Luzerner Wappen besteht», lacht Davis, wohl wissend, dass dem kaum so ist. Auch ein ­Federer-Emoji wird es nie geben, denn Personen haben keine Chance, ebenso wenig Firmenlogos, Produkte oder solche, die Trends abbilden.

Dass die Emojis von Facebook oder Whatsapp anders aussehen als etwa bei Apple, erklärt Davis damit, dass «Emojis wie Fonts sind», also wie Schriftarten. Damit Computer Zeichen darstellen können, wird jedes Zeichen, jeder Buchstabe codiert. Damit aus «U+1F603» ein lachendes Smiley wird, muss auf dem Smartphone ein Font installiert sein, der dieses Zeichen enthält. Wie das Symbol letztlich aussieht, bestimmen die Anbieter selbst. «Sie gleichen ihre Emojis aber immer mehr an, um Missverständnisse möglichst zu vermeiden».

Und wie verbringt der Amerikaner den 1. August im Land, das er besonders wegen der Natur, des Regierungssystems und des ÖV schätzt? «Ich werde in Seattle in einem Quartalsmeeting die neuen Vorschläge prüfen», lacht er. Wir sind gespannt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.07.2017, 17:42 Uhr

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