Der Mann, der Atommüll anders lagern will

Marcos Buser war Experte für das nukleare Entsorgungskonzept in der Schweiz. Seit Jahren kritisiert er die offizielle Strategie. Und schlägt einen anderen Weg vor.

In der Debatte um die nukleare Entsorgung fehlt Marcos Buser eine Fehler- und Risikokultur. Foto: Sabina Bobst

In der Debatte um die nukleare Entsorgung fehlt Marcos Buser eine Fehler- und Risikokultur. Foto: Sabina Bobst

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Er zitiert Sloterdijk und Augustinus, den Philosophen oder den Kirchenvater. Marcos Buser bedient sich gerne ihrer Gedanken in seinen Expertenberichten und Vorträgen. Doch geht es ihm nicht um philosophisch-theologische Betrachtungen. Der Geologe ist seit über 40 Jahren Fachmann für Entsorgung und Deponien – vor allem für chemotoxische und radioaktive Sonderabfälle. «Das sind Generationenprojekte mit hochgradig gefährlichem Material», sagt Buser. Und deshalb ist ihm dabei eine rein technische Sichtweise zu eng. Es könne nie auf eine dauerhafte, stabile Gesellschaft gesetzt werden, entnimmt er den Erkenntnissen des deutschen Philosophen Peter Sloterdijk. Und in den Bekenntnissen von Augustinus findet Buser die Worte, um die Herausforderungen bei der Planung eines Endlagers für hoch radioaktive nukleare Abfälle zu beschreiben. «In der Gegenwart kreuzen sich Erinnerungen und Erwartungen.» Konkret heisst das: aus den Fehlern lernen und darauf aufbauen. Genau das fehlt ihm, seit die Nagra mit der Suche nach einem Standort für eine Endlagerung begann – seit bald 50 Jahren.

Eine Frage treibt Buser seit langem um: Wie lässt sich die Sicherheit einer Deponie garantieren, deren Müll erst nach Hunderttausenden Jahren für Menschen harmlos sein wird. «Endlich habe ich die Musse, Bücher darüber zu schreiben», sagt der 68-jährige Geologe. Für all jene, die den kämpferischen Mann kennen, muss das wie eine Warnung klingen.

Radioaktiver Abfall im Zwilag Würenlingen. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

Buser erinnert sich, als wäre es gestern gewesen. Er erzählt ausführlich im altehrwürdigen Café Schlauch in der Altstadt Zürichs. Schon als Geologiestudent Anfang der 70er-Jahre hatte er sich in dieser gemütlichen Beiz, in der die Zeit stillgestanden zu sein scheint, wohlgefühlt. Ein guter Ort für eine Rückblende. Er erzählt vom ehemaligen Bergwerk der Kalkbrennerei im jurassischen St-Ursanne. Greenpeace hatte es wegen des gelagerten Sondermülls besetzt, nach 1998 wurde es zu einer Deponie, gefüllt mit sauberem Aushubmaterial aus dem Bau der Transjurane. Buser leitete das Projekt. Später, im Jahr 2000, kam dann Bonfol, die chemische Sondermülldeponie der Basler Chemie. Er war im Expertenstab des Kantons, als die Totalsanierung eingeleitet wurde.

Persona non grata

Buser ist ein ruhiger Erzähler. Betont er etwas, hebt sich seine Stimme. Aus der Fassung bringt man den stets zuvorkommenden Mann nicht. Auch dann nicht, wenn es um das Endlager und seine Akteure geht: die Nuklearindustrie, das Bundesamt für Energie, die Aufsichtsbehörde über die Kernanlagen, Ensi, und die Nagra, die im Auftrag der Nuklearindustrie seit den 70er-Jahren nach einem Standort für die Endlagerung sucht.

Buser hat sich stets weit aus dem Fenster gelehnt. Zum ersten Mal, als er sich dagegen wehrte, dass die Nagra die Leitung des Felslabors Mont Terri übernahm. Dort werden Experimente im Zusammenhang mit dem Endlager durchgeführt. Das Labor dürfe nur eine unabhängige Bundesstelle führen, forderte Buser damals. Die Regierung des eher Atomkraft-feindlichen Kantons Jura übergab die Leitung des Stollens schliesslich dem Bund, die Nagra mietet heute ihre Experimentierfelder im internationalen Felslabor. Und Buser wurde Präsident der Überwachungs- und Begleitkommission von Mont Terri.

Er glaubt nicht mehr an das Konzept des Tiefenlagers.

Buser ist ein hartnäckiger Mann. Inzwischen ist er in Kreisen der Nuklearbranche zur Persona non grata geworden. Zu oft hat er die Unabhängigkeit zwischen den Abfallverursachern, der Wissenschaft und dem Gesetzgeber infrage gestellt. Er kritisiert nicht die wissenschaftliche Arbeit der Nagra. Aber ihm fehlt in der Debatte die Fehler- und Risikokultur. «Das verlängert den Entwicklungsprozess», sagt er. Als Mitglied der Eidgenössischen Kommission für nukleare Sicherheit (KNS) fehlte ihm die entsprechende Wertschätzung der Verwaltung für die Empfehlungen der Experten. «Es braucht Jahrzehnte, um Korrekturen zuzugeben», sagt er und zählt auf: Am Anfang sei Anhydrit der geeignete Untergrund für das Endlager gewesen, dann kristallines Gestein wie Granit, nun sei es der Opalinuston. «Das hätte man viel schneller abklären können, wenn man auf Expertenmeinungen gehört hätte», sagt Buser. Die Nagra hatte Ende der 70er-Jahre mit dem Betrieb des Endlagers vor dem Jahr 2000 gerechnet. Nun soll die Einlagerungen des nuklearen Abfalls nicht vor 2060 geschehen.

Am liebsten wäre Buser, das Bundesamt für Energie würde eine Arbeit in Auftrag geben, um die Suche nach einem Endlager-Standort aus der historischen Perspektive zu dokumentieren – und um die Ursachen für die Entscheide in der Vergangenheit zu klären. Marcos Buser käme darin bestimmt auch vor. Zum Beispiel wie er und der Geologie­professor Walter Wildi vor fünf Jahren dem Bundesamt für Energie, dem Ensi und der Nagra Filz vorwarfen. Das führte immerhin zu Abklärungen, die Schwachstellen bei der Aufsichtskultur des Ensi gegenüber der Nagra aufdeckten.

Langfristiges Zwischenlager planen

Heute hat der pensionierte Geologe keine Mandate und sitzt in keiner Kommission mehr. Aber er hat neue Ziele, die noch zu reden geben werden. Vor gut einer Woche trat er im Volkshaus auf Einladung der Schweizerischen Energiestiftung (SES) auf und präsentierte eine Strategie, welche die Stiftung als Abkehr eines ehemaligen Mitglieds der Expertenkommission Ekra verkaufte. Die Kommission war für das Entsorgungskonzept für radioaktive Abfälle verantwortlich, das allein auf ein Tiefenlager setzt. Buser distanziert sich heute von diesem Konzept. «Ich glaube nicht mehr daran, dass ein Tiefenlager in einem Bergwerk in 500 Meter Tiefe erfolgreich umzusetzen ist», sagt er. Deshalb warnt er, nur diesen Weg zu verfolgen. Nur eine Demonstrationsanlage verschaffe letztlich Gewissheit über die Machbarkeit des Konzepts. Zudem soll die Option für neue Technologien offenbleiben, die möglicherweise in Zukunft radioaktive Stoffe in weniger schädliche Produkte verwandeln. «Wir brauchen viel mehr Zeit für die Forschung», sagt Buser. Vielleicht mehr als hundert Jahre.

Doch was passiert mit dem radioaktiven Abfall, der derzeit im Zwischenlager in Würenlingen oberirdisch lagert? Busers Plan ist, ein geschütztes Langzeitzwischenlager für hochaktive und langlebige Abfälle einzurichten, bis ein technisch ausgereiftes Tiefenlager für die nächsten Generationen umsetzbar ist. Das könne eine sichere Armeekaverne sein oder eine Einrichtung knapp unter der Oberfläche. Gleichzeitig müssten der Bund und die lokalen Be­hörden gewährleisten, dass das Wissen über den Betrieb des Lagers stets an die nächste Generation weitergegeben werde. «Wer weiss schon, was in den nächsten Jahrzehnten gesellschaftlich passiert, der Terrorismus ist meine grösste Sorge», sagt der Geologe. Damit wären wir wieder bei Sloterdijk und den stabilen Gesellschaften, die es nie geben wird.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.05.2018, 21:04 Uhr

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