Der Mann, der im Labor Hamburger züchtet

Biomediziner Mark Post möchte unseren Fleischbedarf ohne Viehhaltung decken. Bald sollen die Labor-Burger auf den Markt kommen.

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«Es ist absurd, ein ganzes Huhn aufzuziehen, nur um seine Brust oder die Flügel zu essen; lasst uns diese Teile einzeln züchten, in einem geeigneten Medium.» So äusserte sich der spätere britische Premierminister Winston Churchill bereits 1931. Rund 90 Jahre später könnte Churchills Vorschlag Realität werden. Zumindest, wenn der Niederländer Mark Post mit seiner Entwicklung Erfolg hat. Post kultiviert Fleisch im Labor. Kein Tier muss dafür sterben. Und die Umwelt soll auch weniger belastet werden als durch die heutige Fleischerzeugung.

Am 5. August 2013 hat der Biomediziner von der Universität Maastricht den ersten Hamburger aus dem Labor in London präsentiert. Langfristig, meint Post, wird im Labor kultiviertes Fleisch dasjenige aus dem Stall oder von der Weide vollständig ablösen. Dafür sprechen laut Post drei Gründe: «Erstens schadet die Fleischproduktion dem Klima erheblich. Es wird geschätzt, dass zwischen 15 und 20 Prozent aller Treibhausgasemissionen aus der Viehzucht stammen», sagt Post.

Zweitens geht es um das Wohlbefinden der Tiere: Die industrielle Tierhaltung und die Tötung der Tiere werfen ethische Fragen auf. Drittens steigt die Nachfrage nach tierischer Nahrung global an. «Es ist aber unmöglich, den wachsenden Fleischkonsum durch konventionelle Viehwirtschaft zu decken, ohne die Ernährungssicherheit infrage zu stellen.» Denn die Produktion der Futtermittel würde mit der Produktion von Lebensmitteln konkurrieren.

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Schweizer essen zu viel Fleisch. (Video: Tamedia/SDA)

Post setzt sich, holt eine Wasserflasche aus der Tasche und trinkt. Er ist 60 Jahre alt, ein sportlicher Typ. Jeden Monat legt er 700 Kilometer auf dem Rennrad zurück. Auf Einladung der Universität Freiburg und Animal Rights Switzerland hielt er Anfang März in Zürich einen Vortrag. «Unser erster In-vitro-Burger war noch weit vom Ideal entfernt, hatte eine gelbliche Farbe und schmeckte etwas fade», sagt Post. Umgerechnet kosteten die 140 Gramm kultiviertes Rinderhackfleisch rund 280 000 Franken. Die Forscher nutzten damals eine Nährlösung aus Kalbsblut, um die Muskelzellen zu züchten - nicht gerade ideal. Schliesslich soll für das Fleisch auf dem Teller kein Tier mehr leiden.

Langwierige Optimierung

Es begann eine langwierige und immer noch laufende Optimierung der Produktionsprozesse. Um das Kälberserum loszuwerden, testeten die Forscher rund 400 serumfreie Nährlösungen. Dann suchten sie nach einem Weg, um dem gelben Burger die Röte von Rindfleisch zu geben. «Wir fanden heraus: Wenn wir die Zellen unter Sauerstoffarmut kultivieren, bilden sie ein bestimmtes Protein und werden rot.» Um den Geschmack und die Saftigkeit zu verbessern, züchteten die Forscher Fettzellen und mischten sie den Muskelzellen bei. Auch die Kosten mussten sinken. «Mit heutiger Technologie kommen wir auf einen Preis von 60 Franken pro Kilo Rindfleisch», sagt Post. Verglichen mit den aktuellen Fleischpreisen ist das ziemlich viel. Aber in drei Jahren möchte Post mit seiner Firma Mosa Meat In-vitro-Fleisch zu diesem Preis an High-End-Restaurants und Spezialitätenläden verkaufen.

Rund 80 Prozent der Produktionskosten entfallen auf die Nährlösung für die Zellen. Aktuell wachsen in den Testreaktoren von Post rund fünf Millionen Fleischzellen pro Milliliter Nährlösung heran. «Im Forschungslabor wurden bis zu 100 Millionen Zellen pro Milliliter erreicht. Wenn wir das auch im industriellen Massstab schaffen, landen wir in einem Kostenbereich, der auch für den Supermarkt funktioniert. Alle Indikatoren sprechen dafür, dass das geht.» Dann ist da noch der regulatorische Aspekt: In-vitro-Fleisch ist ein neuartiges Lebensmittel. «Wir müssen nachweisen, dass es sicher ist.»

Konsumenten moralisch überzeugen

Zumindest vorübergehend trübt der hohe Energiebedarf noch die Ökobilanz. Tatsächlich ist aktuelles Geflügel erheblich umweltfreundlicher als ein Rindfleisch-Burger aus dem Labor. Insbesondere die Reinigung der Bioreaktoren ist energetisch aufwendig. «Daher entwickeln wir sanftere Reinigungstechniken, die mit weniger Energie auskommen», sagt Post. Und längerfristig sei Energie, die zunehmend aus regenerativen Quellen komme, kein ökologisches Handicap mehr.

Nun gilt es, die Menschen vom Burger aus dem Labor zu überzeugen. «Natürlich haben Konsumenten Vorbehalte gegenüber Produkten, die sie nicht kennen. Dennoch bin ich optimistisch», sagt Post. «Viele Leute haben realisiert, dass es bei der Fleischproduktion Probleme gibt. Angenommen, Sie gehen dereinst in einen Supermarkt und sehen zwei Produkte. Beide schmecken gleich und kosten in etwa dasselbe. Das eine kommt von einem Tier, das unter ökologisch und für das Tierwohl fragwürdigen Bedingungen erzeugt wurde. Das andere Produkt hat diese Probleme nicht. Welches würden Sie wählen?» Der Biomediziner ist überzeugt, dass sich die Konsumenten langfristig vom moralisch minderwertigen Produkt verabschieden werden.

Post wuchs im Zentrum von Amsterdam auf, «unter privilegierten Verhältnissen», wie er sagt. Als Junge wollte er Bäcker werden, später Mathematiker. Als er seinem an Wissenschaft sehr interessierten Vater sagte, er würde Medizin studieren, war dieser enttäuscht. «Das ist keine Wissenschaft, das ist ein Beruf», sagte der Vater. Post studierte trotzdem Medizin und spezialisierte sich auf die Züchtung von Gewebe. Zum Beispiel stellte er aus den Zellen von Patienten Blutgefässe her.

Fleisch von Geflügel und Fisch

1996 ging Post in die USA, zunächst an die Harvard Medical School, dann an die Dartmouth Medical School. In den USA kamen seine beiden heute 17 und 19 Jahre alten Kinder zur Welt. 2002 kehrte er mit der Familie in die Niederlande zurück. Post wurde als Professor für Vaskuläre Physiologie an die Universität Maastricht berufen. 2008 startete die holländische Regierung ein Programm zur Entwicklung von In-vitro-Fleisch. Post stieg ein.

Zunächst waren die Resultate wenig überzeugend. Nach vier Jahren drehte die Regierung den Geldhahn zu. Es folgte eine finanzielle Durststrecke. Dann hat sich Sergey Brin gemeldet, Co-Gründer von Google. «Seither ist Geld kein Problem mehr», sagt Post. «Wir werden fast wöchentlich von Leuten kontaktiert, die Geld investieren wollen.»

Im Grunde lässt sich Fleisch von allen Lebewesen züchten, aus denen sich Stammzellen extrahieren lassen. Post arbeitet vorwiegend mit Kühen. Andere Forschergruppen und Firmen kultivieren Hühnerfleisch, wieder andere Fisch.

Nur eine für die Gesellschaft negative Auswirkung des In-vitro-Fleisches lässt sich kaum abwenden: Wenn das Fleisch aus dem Labor kommt, werden viele Landwirte ihren Job verlieren. «Einige von ihnen könnten sich neu orientieren, indem sie Rohstoffe für die Fleischproduktion anbauen», sagt Post. «Aber das hat Zeit. Wir werden die gigantische Viehwirtschaft nicht von heute auf morgen abschaffen. Es braucht wohl auch rund 20 Jahre, bis sich der Geschmack der Konsumenten langsam auf In-vitro-Fleisch umgestellt hat.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.03.2018, 16:24 Uhr

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