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Schweizer bei der Nasa

Als Forschungschef der Nasa verfügt Thomas Zurbuchen über ein Budget von 5,9 Milliarden Dollar pro Jahr. Eine zufällige Begegnung hat ihm letztlich diesen Job beschert.

Eine Karriere von geradezu kosmischer Dimension: Thomas Zurbuchen in Thun. Foto: Marco Zanoni (Lunax)
Eine Karriere von geradezu kosmischer Dimension: Thomas Zurbuchen in Thun. Foto: Marco Zanoni (Lunax)

Eines seiner Erfolgsrezepte setzt Thomas Zurbuchen auch heute in die Tat um. «Ich komme immer etwas früher zu Verabredungen und Meetings. So kann ich mir ein Bild der Lage verschaffen», sagt der Forschungschef der US-Weltraumbehörde Nasa. «Zudem würde ich die Zeit der anderen vergeuden, wenn ich zu spät käme. Das will ich nicht.» Seine Armbanduhr hat er rund fünf Minuten vorgestellt. Fünf Minuten vor dem Ende eines Treffens warnt ihn sein Smartphone in der Hosentasche per Vibrationsalarm. «Ich will nicht nur pünktlich anfangen, sondern auch pünktlich aufhören.»

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Zurbuchen hat eine Karriere von geradezu kosmischer Dimension hingelegt. Er stammt aus dem kleinen Bauerndorf Heiligenschwendi über dem Thunersee und war, wie er sagt, keinesfalls für eine so bedeutende Position prädestiniert. Heute verfügt er über ein Budget von 5,9 Milliarden Dollar pro Jahr und kann über aktuelle und künftige Weltraummissionen der Nasa entscheiden.

«Muss ich mehr Geld ausgeben?»

Gleich nach seinem Amtsantritt in Washington D.C. im Oktober 2016 ging es um den gut 1 Milliarde Dollar teuren Umweltsatelliten GOES 16. «Es hatte sich herausgestellt, dass der Start gewisse Risiken birgt», sagt Zurbuchen. «Die Frage war: Ist der Start sicher genug, oder muss ich mehr Geld zur Reduktion des Risikos ausgeben?» Zurbuchen hat sich für das Risiko entschieden. Der Satellit ist am 19. November 2016 von Cape Canaveral in Florida sicher in den Erdorbit gestartet. «So schnell so wichtige Entscheidungen zu treffen, war nur möglich, weil ich mich sofort auf ein super Team stützen konnte.»

Als Bub war Zurbuchen am liebsten draussen unterwegs, entdeckte seine Liebe zur Natur, beobachtete in klaren Nächten den Sternenhimmel. Heute verbringt er zwar viel Zeit in Büros und Konferenzräumen. Aber es steckt nach wie vor etwas vom einstigen Naturburschen in ihm. Er trägt eine sportliche Daunenjacke. Die schönsten Ferien verbringt er mit den Ski auf der Piste. Er geht gerne Joggen und fährt Velo. «Um gesund zu bleiben, brauche ich beides», sagt Zurbuchen, «das Nachdenken im Büro und das Austoben im Freien.»

Treffen in der Kantine führte zu Job

Sein Wissensdrang führte ihn von Heiligenschwendi nach Bern, wo er sich an der Universität in Physik einschrieb. Seinem Vater, einem Erweckungsprediger in einer Freikirche, war das nicht recht. Aber Zurbuchen war nicht aufzuhalten. Nachdem er 1996 seinen Doktortitel hatte, führte ihn ein Zufall in die Ferne. Er war in dieser Zeit auf der Suche nach einem Job und entdeckte eines ­Tages in der Kantine der Universität Bern Johannes Geiss, damals Co-Direktor am International Space Science Institute bei der Uni Bern. Neben ihm sass der Astronom Len Fisk, Professor an der Universität Michigan. Zurbuchen nahm allen Mut zusammen und setzte sich zu den beiden Wissenschaftskoryphäen. Wenige Stunden später hatte er einen Job an der Universität Michigan ergattert.

«Eigentlich wollte ich nicht lange in den USA bleiben», sagt Zurbuchen. Nun lebt der heute 48-Jährige seit rund 20 Jahren dort, ist mit einer amerikanischen Musikerin und Musiklehrerin verheiratet und hat zwei Kinder im Teenie-Alter. Den breiten Thuner Dialekt hat er nicht verlernt. Nur gelegentlich wechselt er ins Englische, wenn ihm das deutsche Wort nicht gleich einfallen mag.

Die Mission zur Sonne

Sein Fachgebiet ist die Physik der Sonne und die sogenannte Heliosphäre. Das ist der gesamte Einflussbereich der Sonne, wo der Sonnenwind und die davon erzeugten Magnetfelder ihre Wirkung entfalten. Zurbuchen hat mehr als 200 Fachartikel zu diesem Themenbereich publiziert. Jetzt, als Forschungschef der Nasa, kann er sich kaum noch selbst der Forschung widmen. Allerdings sind Nasa-Missionen zur Sonne geplant, etwa die Solar Probe Plus. Sie soll klären, wie ein Teil der Sonnenatmosphäre – die Korona – auf mehr als 1 Million Grad Celsius aufgeheizt wird und wie genau die Teilchen des Sonnenwinds beschleunigt werden. Der Start der Sonde ist im Juli 2018 vorgesehen. Ebenfalls 2018 soll der von Nasa und ESA entwickelte Solar Orbiter starten und den Sonnenwind sowie das Weltraumwetter studieren. «Ich war für eines der Instrumente des Solar Orbiter verantwortlich, habe die Verantwortung aber mittlerweile abgegeben», sagt Zurbuchen.

Neben der Pünktlichkeit hat der Astrophysiker noch weitere Erfolgsrezepte, die ihm wohl zu seinem Spitzenjob verholfen haben. Erstens ist er kein reiner Kopfmensch, sondern hat früh praktische Erfahrung gesammelt, etwa beim Bau von Instrumenten für Forschungssatelliten. Zweitens möchte er, dass Ideen Früchte tragen. Sprich: Er ist ein Innovationstreiber. In den letzten zehn Jahren baute Zurbuchen an der Universität Michigan das Center for Entrepreneurship auf, das Start-ups fördert und Industrieprojekte mit der Hochschule verknüpft. Drittens betrachtet sich Zurbuchen als Teamplayer, der weiss, wie Menschen zu begeistern sind.

Eines seiner grossen Vorhaben mit der Nasa ist die Suche nach extraterrestrischem Leben. «In den nächsten Jahren können wir die Antwort auf die Frage nach Leben im Universum ernsthaft in Angriff nehmen», sagt Zurbuchen. Aber auch die Entstehung der ersten Sterne und Galaxien, die Planetenbildung, die Natur der rätselhaften dunklen Materie und der dunklen Energie sowie die Erforschung der Gravitationswellen will Zurbuchen ins Auge fassen. Und natürlich ist auch der Mars ein Thema. «Eine bemannte Mission zum Mars ist eines der grossen Ziele. Damit das gelingt, müssen wir aber noch unglaublich viel lernen.»

Donald Trump und die Demokratie

Zum Thema Donald Trump äussert er sich vorsichtig. Der US-Präsident könnte ihn entlassen. «Aber auch eine Präsidentin Clinton hätte mich entlassen können. Kein Vorgänger von mir wusste je, ob er unter einem neuen Präsidenten im Amt bleiben würde.» Zurbuchen versucht, das Beste aus der Situation zu machen. «Erstens muss ich sagen, dass die Demokratie in den USA funktioniert. Als ich meine Stelle angetreten habe, musste ich einen Eid auf das Gesetz leisten, nicht auf den Präsidenten.» Zweitens werde die Wissenschaft in den USA grundsätzlich von beiden grossen Parteien unterstützt.

Die Zeit für das Gespräch ist eigentlich um. Wahrscheinlich hat sein Handy in der Hosentasche längst vibriert. Frau Erin, Sohn Lucas und Tochter Maria warten bereits vor dem Restaurant. Doch für einmal schiebt er das Ende des Termins hinaus. «Sie haben doch noch eine Frage auf Ihrer Liste», sagt er. Also gut: Ihr Vater war Erweckungsprediger einer Freikirche. Wie stehen Sie dazu? «Als Wissenschaftler glaube ich nicht, dass die Bibel als wissenschaftliches Dokument zu verstehen ist. Der Wert der Bibel und anderer religiöser Texte ist vielmehr, wie sie das Leben der einzelnen Menschen beeinflussen und ihnen helfen können. Und ja, es gibt Leute, die das anders sehen, auch Leute, mit denen ich seinerzeit aufgewachsen bin.»

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