Der Weizenflüsterer

Beat Keller hat das Erbgut des Weizens entschlüsselt. Auch wenn er mit seiner Forschung im Epizentrum der oft hitzigen Gentechdebatte steht, hat er seine Gegner nie in den Senkel gestellt.  

«Ich darf mich der Diskussion nicht entziehen», sagt Beat Keller. Foto: Fabienne Andreoli

«Ich darf mich der Diskussion nicht entziehen», sagt Beat Keller. Foto: Fabienne Andreoli

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Der Blick in sein Labor lohne sich kaum, sagt der Molekularbiologe Beat Keller zwischen Tür und Angel. «Ein Allerweltslabor, wie man es in jedem Institut findet», fügt der 59-jährige Forscher bescheiden hinzu und geht in sein kleines Büro voran.

So ist er, Professor Keller: Der gross gewachsene gebürtige Berner Oberländer arbeitet in einem Allerweltslabor, sein Büro sticht in nichts heraus, er gibt sich ohne professorale Allüren. Aber was er hier am Institut für Pflanzen- und ­Mikrobiologie der Universität Zürich macht, ist international aufsehenerregend und erfolgreich: Wie das Wissenschaftsmagazin «Science» berichtete, ist es den Forschern erstmals gelungen, das Erbgut des Weizens vollständig zu entschlüsseln. Dahinter liegen 13 Jahre Knochenarbeit im Labor an einer scheinbar alltäglichen Pflanze, deren Erbgut jedoch 5-mal grösser als dasjenige des Menschen und 35-mal grösser als beim Reis ist. Da der Weizen ein Drittel der Weltbevölkerung ernährt, könnte dieses Wissen die Entwicklung von neuen krankheits- oder trocken­heits­resistenten Sorten begünstigen und so die Welternährung sichern.

Seine Freilandversuche wurden mutwillig zerstört

Keller ist in dem Projekt einer von sechs leitenden Forschern in einem Team von über 200 Wissenschaftlern. Das gibt dem Schweizer Wissenschaftler jedoch keinen Anlass für chauvinistische Jubelposen: «Nationalitäten spielen keine Rolle», sagt er, «die Schweiz hat sich da nicht speziell eingebracht.» Zwar habe es immer gute Forschergruppen in diesem Bereich gegeben, etwa an der ETH oder der eidgenössischen Forschungsanstalt Agroscope, wo auch Weizen gezüchtet werde. Doch das seien immer nur wenige gewesen.

Vielleicht liegt diese Zurückhaltung auch daran, dass seine Forschung hierzulande mehr schlecht als recht gelitten und auf viel politischen Gegenwind gestossen ist. Denn Keller entwickelt und erforscht seit Jahrzehnten nämlich auch gentechnisch veränderten Weizen, der besser vor Pilzkrankheiten wie Mehltau geschützt sein soll. Vor einigen Jahren startete er sogar Freilandversuche – worauf fanatische Gentechkritiker die Felder mutwillig zerstörten.

Bildlich gesehen bewegt sich Beat Keller also durchaus im Epizentrum einer der grossen Technologiedebatten des Jahrhunderts. Darf der Mensch in das Erbgut einer Pflanze eingreifen, oder spielt er da zu sehr Gott? Ist die Gentechnik nichts anderes als das Werkzeug einer profitgierigen Agrochemie und die Wissenschaftler nur deren willige Handlanger? Erst kürzlich hat ein EU-Gericht die Debatte befeuert, weil es eine neue Art von Eingriffen ins Erbgut, etwa mittels der präzisen Genschere Crispr/Cas-9, ebenfalls unter das restriktive ­Label «Gentechnik» stellte, obwohl allfällige Produkte sich in nichts von natürlichem Weizen unterscheiden.

Die Forschung mit Weizen kann einen Beitrag zur Welternährung leisten. Foto: Getty

Beat Keller findet den Entscheid nicht gut. Als Universitätswissenschaftler, der weder mit der Agroindustrie noch mit einem Start-up verflochten ist, betrifft ihn das zwar nicht direkt. Doch viel­versprechende Züchtungen würden so behindert, weil die Kosten der Zulassung ins Unermessliche steigen. Der Entscheid sei sogar kontraproduktiv und hilft den Grosskonzernen, weil nur sie es sich leisten könnten, solche Sorten zu entwickeln.

Keller hat sich selber immer wieder zur Debatte geäussert. «Als Wissenschaftler, der von öffentlichen Geldern lebt», sagt er, «kann und darf ich mich der Auseinandersetzung nicht entziehen.» Dabei hat er jedoch immer sehr differenziert argumentiert. Er ist kein Missionar, der in der Gentechnik so etwas wie den Heiligen Gral für alle Probleme der Landwirtschaft sieht. Er ist auch kein Lautsprecher, der seine Gegner in den Senkel stellt, nur weil sie anderer Ansicht sind. Doch während für die Gegner die Gentechnologie in erster Linie ein Symbol einer zusehends industrialisierteren Landwirtschaft ist, ist sie für den Forscher einfach eines von vielen Werkzeugen im Arsenal der Pflanzenzüchtung. Jahrelange wissenschaftliche Versuche haben zudem gezeigt, dass die Technologie nicht risikoreicher ist als die Methoden der konventionellen Pflanzenzüchtung.

Aus dem Arbeitermilieu in die Spitzenforschung

Aufgewachsen in einer Arbeiterfamilie in Interlaken war er weitherum der Einzige, der damals ins Gymnasium gehen konnte. «Ohne den Chemielehrer, der dies meinen Eltern empfohlen hat, hätte ich wohl eine Lehre gemacht», erinnert sich Beat Keller. Biologie wählte er ohne konkretes Berufsziel, er war auch an Geschichte und Mathematik interessiert. «Doch in dieser Zeit gab es so viele neue Erkenntnisse in der Biologie, dass ich total fasziniert war.» Keller studierte ab 1978 in Basel, das damals ein Mekka der Bioforschung war und gerade mit Werner Arber einen Nobelpreisträger hervorgebracht hatte. Arber gilt als einer der Väter der Gentechnik, weil seine Entdeckung von ersten Gen­scheren, den Restriktionsenzymen, die Manipulation des Erbguts erst möglich machte. Für neugierige Forscher war dies das Paradies: Erstmals liessen sich wichtige Forschungsfragen viel gezielter beantworten, die Gentechnologie wurde zu einem Standardverfahren, ohne das ein Grossteil der biologischen und medizinischen Forschung gar nicht mehr vorstellbar ist.

Nach einem Postdoc am Salk-Institut in San Diego kam er dann 1989 zur Forschungsanstalt Agroscope in Zürich-Reckenholz, wo er in die Weizenforschung einstieg. Die praktische Pflanzenzüchtung und ihre Heraus­forderungen im Feld, Krankheiten und Schädlinge, faszinierten ihn sofort. «Das Gefühl, Grundlagenforschung zu machen, die irgendwann einmal der Menschheit nützen kann, ist natürlich toll», sagt Beat Keller, auch wenn der Unterschied zwischen dem freien amerikanischen Forscher- und Unternehmergeist in Kalifornien und den starren Strukturen an einer beamteten Forschungsanstalt sehr gross war. «Aber ich hatte die Möglichkeit und die Ressourcen, um meinen Forschungszweig aufzubauen, und wir waren eine super Truppe.» Noch heute arbeitet Beat Keller mit Agroscope-Forschern in Reckenholz und Changins zusammen, wo die Weizenzüchtung ange­siedelt ist, und er hofft, das es weiter so bleibt.

Die Labors und Gewächshäuser für seine Forschung an der Uni Zürich, wo er seit 1997 ordentlicher Professor für Pflanzenbiologie ist, liegen mitten im Botanischen Garten. Möglich, dass diese blühende Umgebung voller Leben sich auch auf die Arbeit der Forscher auswirkt. In der Zwischenzeit hat Beat Keller seine Ziele ausgeweitet. Im Fokus stehen nicht mehr nur die genetischen Voraussetzungen des Weizens, dessen Resistenzgene also, sondern immer mehr auch die Voraussetzungen, die der Schädling mitbringt. Die Sicht wird ganzheitlicher. Dank Fortschritten in der Bioforschung, auch der Gentechnologie, sei dies heute möglich, sagt Keller.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.08.2018, 18:05 Uhr

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