Der schnellste Schweizer

Claude Nicollier war mehr als tausend Stunden im All – und hat noch immer Sehnsucht danach.

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Seit einem Vierteljahrhundert kreist das Weltraumteleskop Hubble nun schon um die Erde.«Es bringt uns wertvolle Erkenntnisse über die Entstehung von Sternen und Galaxien und zeigt uns gleichzeitig die Schönheit des Alls», sagt Claude Nicollier über das legendäre, rund 2,5 Milliarden US-Dollar teure Teleskop, das mittlerweile mehr als eine Million Aufnahmen gemacht hat.

Kurz nach dem Start im Jahr 1990 erntete es jedoch nur Spott und Häme: Der Hauptspiegel war defekt. Die unscharfen Bilder seien ein Schock für alle gewesen, erinnert sich Nicollier. Niemand habe mit einem solchen Problem gerechnet. Gemeinsam mit sechs weiteren Astronauten flog der Schweizer 3 Jahre später in der Raumfähre Endeavour zu Hubble, um das technische Problem vor Ort zu beheben. Die Mission STS-61 dauerte 10 Tage, 19 Stunden, 58 Minuten, 37 Sekunden. Mehr als 7 Millionen Kilometer legte die Crew zurück. Ein kost­spieliges, aufwendiges und riskantes Unterfangen.

«Wir mussten es schaffen, und wir haben es geschafft», sagt Nicollier bei einem Treffen im Hotel Dolder Grand auf dem Zürichberg. Doch der Druck, keine Fehler zu machen, sei enorm gewesen. Bei ­einer weiteren Hubble-Reparatur im Jahr 1999 verliess er die Raumfähre Discovery. Als Spacewalker führte er die über Monate minutiös geübten Montagearbeiten im All aus. 8 Stunden und 10 Minuten begab er sich als erster Europäer während einer Shuttle-Mission hinaus in die lebensfeindliche Umgebung mit kosmischer Strahlung, extremen Temperaturen und einem fast perfekten Vakuum.

Geschwindigkeit pur

Der heute 70-jährige Waadtländer geht gern an seine Grenzen und sucht die Herausforderung. Kein anderer Schweizer war jemals schneller als er. Beim Wiedereintritt in die Atmosphäre erreichte die Raumfähre eine Geschwindigkeit von rund 28'000 Kilometer pro Stunde. Auch als Militärpilot raste Nicollier bereits, wenn auch deutlich langsamer. Im Hawker Hunter flog er nur mit 800 Kilometer pro Stunde über die Schweiz. Im vergangenen Oktober hat er mit Wehmut den letzten Flug mit dem Hunter-Doppelsitzer J-4203 gemacht, der nun im Museum Clin d’Ailes in Payerne steht.

Sonnenuntergang über dem Golf von Mexiko. Foto: Nasa

Nicollier ist nach wie vor der einzige Schweizer, der bisher im All war. Doch trotz seiner Berühmtheit wirkt er nicht abgehoben: «Ich fühle mich privilegiert, dass ich auserwählt wurde. Natürlich habe ich dafür auch hart gearbeitet.» Es gebe aber Hunderte von jungen Frauen und Männern in der Schweiz, die auch Astronauten werden könnten. Doch es fehle an freien Stellen.

«Freude herrscht, Monsieur Nicollier», sagte der damalige Bundesrat Adolf Ogi zu Nicollier, der den Anruf während seiner ersten Mission an Bord der Raumfähre Atlantis im August 1992 erhielt. Doch bis es so weit war, musste der Astronaut 14 Jahre «warten» und blieb bis zum Schluss im Ungewissen. Sechs Jahre zuvor war die Challenger 73 Sekunden nach dem Start auseinandergebrochen, und sieben seiner Kollegen starben.

Hatten Sie danach Angst? «Wir haben den Grund des Unfalls verstanden und Freunde verloren», erklärt er mit sachlicher Stimme. «Man nimmt dieses Risiko auf sich, um Neues zu entdecken.» Angst habe er nur vor Menschen, die aggressiv, gewalttätig und böswillig seien. Dennoch habe er sich vor den Starts Sorgen um seine Frau Susana und die zwei Töchter Maya und Marina gemacht, die er bei einer solchen ­Katastrophe zurückgelassen hätte.

Unbedeutend und genial

Alle 45 Minuten entweder einen Sonnenaufgang oder einen Sonnenuntergang zu sehen, sei wunderschön. Und dann der Blick auf unseren kleinen Planeten mitten im Kosmos. Im Prinzip eine Art Raumschiff, aber mit mehr als sieben Milliarden Be­satzungsmitgliedern. «Diese Perspektive zeigt, wie unbedeutend wir Menschen rein physisch sind, obwohl wir so geniale, gottgegebene Fähigkeiten haben, komplexe Instrumente wie Hubble zu bauen, mit denen wir Millionen Lichtjahre ­entfernte Objekte im Universum studieren können.»

Sind Sie religiös? «Ich glaube an eine Kraft, die habe ich im All gespürt», sagt Nicollier. Es gebe etwas Immaterielles, das die Evolution und Prozesse im Universum beeinflusse. Davon sei er überzeugt. Doch an einen persönlichen Gott glaube er nicht, weil dafür die Ungerechtigkeit auf der Welt viel zu gross sei. Denn ein persönlicher Gott würde nicht nur ­einige Menschen bevorzugen und andere nicht.

Mittlerweile ist die Mission des ehemaligen Astronauten eine rein irdische: Er gibt seine Erfahrung und sein Wissen weiter. So unterrichtet er als Professor Weltraumtechnologie an der ETH Lausanne, hält Vorträge an Veranstaltungen und in Schulen, ist Leiter der Flugversuche von Solar Impulse und Verwaltungsratspräsident des Centre Suisse d’Electronique et de Microtechnique in Neuenburg.

Die Linie ist wichtig

Nicolliers Vater war Ingenieur, der Brücken und Dämme baute, seine Mutter Laborantin und Hausfrau. «Sie haben mich und meine Geschwister ermutigt, unseren Interessen nachzugehen», sagt er. Die Schwester studierte Chinesisch, der Bruder Architektur. Er habe damals bereits gelernt, angefangene Dinge fertig zu machen. Zum Beispiel ein Modellflugzeug, das er als 7-Jähriger mit seinem Vater gebaut habe. Auch später habe er nie halbe Sachen gemacht, sondern stets mit Leidenschaft ein Ziel verfolgt — auch privat. Zu einem der schönsten Erlebnisse gehört der Aufstieg aufs Matterhorn mit seiner damals 14-jährigen Tochter. Ein schwieriger Weg, den man sich physisch und mental erst erarbeiten musste. Ähnlich wie im All.

Wären Sie stolz, wenn einer Ihrer drei Enkelkinder in Ihre Fussstapfen träte? «Ich würde ein Kind nie in eine Richtung pushen», sagt er. Jeder solle das machen, worin er gut sei und auch etwas erreichen könne. Egal, ob bester Bäcker, bester Chocolatier oder bester Pilot. Bedeutend sei, dass man sich nicht vom Wind treiben lasse, sondern eine ­Linie habe, die das Leben interessant mache. Nur so könne man irgendwo, auf welchem Gebiet auch immer, etwas zur Gesellschaft beitragen.

Kollision auf der Strasse

Beinahe wäre Nicolliers Karriere ganz anders verlaufen. Im Alter von 25 Jahren, ein paar Wochen bevor Neil Armstrong als erster Mensch den Mond betrat, hatte er einen schweren Autounfall, da ein entgegenkommendes Fahrzeug bei Nebel auf seine Strassenseite fuhr. Die Prognosen sahen zuerst schlecht aus. Doch ein paar Monate später sass er zusammengeflickt mit Schrauben und Metall­platten wieder im Cockpit.

Noch immer zieht es Nicollier in die Ferne und ins Abenteuer. «Ich würde es lieben, auf einem anderen Planeten zu landen. Auf dem Mars mit seiner tollen, roten Landschaft», sagt er begeistert. Doch er werde nicht gehen. Es sei zu spät. Dennoch — die Vorstellung sei äusserst reizvoll.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.06.2015, 05:06 Uhr

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