Die forschende Ex-Kampfjetpilotin

Mary Missy Cummings flog für die US Navy F/A-18. Heute ist sie Expertin für künstliche Intelligenz und möchte Kampfjetpiloten in Zukunft abschaffen.

Künstliche Intelligenz ist ihr Forschungsthema: Mary Missy Cummings. Foto: Reto Oeschger

Künstliche Intelligenz ist ihr Forschungsthema: Mary Missy Cummings. Foto: Reto Oeschger

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«Fast jeden Monat stürzte irgendein Kollege ab», sagt Mary Missy Cummings, «jedes Mal waren es Missverständnisse zwischen Mensch und Maschine, völlig unnötige Todesfälle.» Die Amerikanerin war eine der ersten Frauen in den USA, die in den frühen Neunzigerjahren für die US Navy Kampfjets flog. Jetzt sitzt sie in der Bar eines Hotels am Flughafen Zürich und nippt an einem Glas Wasser. Ihre zweite Karriere hat sie in die Schweiz geführt. Cummings (51) leitet heute das Labor für künstliche Intelligenz (KI) an der renommierten Duke-Universität in North Carolina und ist beim Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos mitverantwortlich für den Themenbereich KI.

Ihre erste Laufbahn hat die zweite stark beeinflusst. Cummings beschäftigt sich heute vor allem mit der Frage, wie Mensch und Maschine besser miteinander kommunizieren können. «Die künstliche Intelligenz dringt in immer mehr Bereiche vor, da ist eine sichere Kommunikation unabdingbar.» Drohnen, selbstfahrende Autos und Züge sind ihr Forschungsgebiet. Im öffentlichen Bewusstsein ändere sich gerade viel. «In Davos habe ich fast zu viel Enthusiasmus für die künstliche Intelligenz gespürt», sagt Cummings. So mancher Manager habe die Maschinenintelligenz als Wunderwaffe für die Lösung aller Probleme gelobt. Aber auch die öffentliche Wahrnehmung habe sich gewandelt; für einen Roboter, der den Haushalt schmeisst, würden heute viele Schlange stehen.

Dabei ist die KI-Expertin überhaupt noch nicht zufrieden mit den selbstfahrenden Autos, die bereits auf dem Markt sind. «Sie sind einfach noch nicht sicher genug», sagt Cummings. «Ich will nicht, dass sie die Strasse mit meiner Tochter teilen.» Dafür will die Forscherin auf politischer Ebene kämpfen und erreichen, dass Besitzer selbstfahrender Autos ihre Fahrzeuge besonders kennzeichnen müssen. So solle jeder von weitem sehen, dass kein Mensch am Lenkrad sitze. «Ich habe jetzt noch sechs Jahre, um die selbstfahrenden Autos verkehrssicherer zu machen», sagt sie. Cummings’ Tochter ist zehn Jahre alt. In den USA können Teenager mit 16 Jahren Auto fahren. «Mit unsicheren ­Situationen umzugehen, ist für die künstliche Intelligenz noch immer eine der grössten Herausforderungen», sagt die Expertin. Im Rahmen eines Forschungsprojekts auf dem Duke Campus erprobt ihr Team im Moment, wie selbstfahrende Autos und Fussgänger besser miteinander klarkommen. Auch Warnsignale aufs Smartphone testen sie.

«Wir waren drei Jungs»

Ihr Wunsch nach einer höheren Ausbildung und die Familientradition brachten Cummings ursprünglich zum Militär. Schon ihr Vater war Berufssoldat, die Familie lebte in bescheidenen Verhältnissen im Südstaat Tennessee. Cummings wuchs mit zwei Brüdern auf. «Wir waren drei Jungs», sagt sie und lacht. Eigentlich sei sie immer die Wildeste gewesen. Wie das so ist im amerikanischen Süden, lernte sie schon früh schiessen. «Ungefähr zur gleichen Zeit brachte mir meine Mutter bei, wie man Brötchen backt.» Ein bisschen verwirrend sei das alles gewesen. Cummings wollte aufs College, doch dafür braucht man in den USA ein dickes finanzielles Polster. Ausser man geht zur Armee, dann zahlt der Staat die Ausbildung. Im Gegenzug verpflichtet man sich für mindestens vier Jahre Dienst. Cummings studierte in den späten Achtzigerjahren ­Mathematik an der Naval Academy. Frauen waren erst seit einigen Jahren an der Akademie zugelassen, was die wenigen Studentinnen zu spüren bekamen. «Die Männer waren äusserst brutal zu uns, sie sind nachts in unser Zimmer geschlichen und haben versucht, über uns herzufallen.» Sexuelle Belästigungen hätten zum Alltag gehört. Ab und zu hätten die Kollegen auch kleine Tiere an ihrer Zimmertür gekreuzigt.

«Ich hasse die Redewendung, was einen nicht umbringt, macht einen stärker», sagt sie. Einige ihrer Kolleginnen seien an der frauenfeindlichen Umgebung zerbrochen. Cummings kämpfte sich durch, irgendwie. Nach der Naval Academy bewarb sie sich als Kampfpilotin. «Fliegen war schon immer mein Traum.» Und sie war überzeugt, die nötigen Fähigkeiten zu besitzen. «Man muss vor allem blitzschnell strategisch denken können und mit einem guten Nervenkostüm ausgestattet sein.»

Zwei Jahre dauerte die Ausbildung. Dann flog Cummings F/A-18. Ausserdem hing sie noch ein Systemtechnik-Studium an, was die Zeit verlängerte, die sie bei der Navy abverdienen musste. Insgesamt neun Jahre sass sie im Cockpit, war auch in Übersee stationiert und bekannt für ihre Fliegerkunst. Trotzdem machten ihr viele männliche Kollegen das Leben weiterhin schwer. «Sie versteckten meine Ausrüstung oder weihten mich nicht in wichtige Details der Missionen ein.» Das Schlimmste sei aber gewesen, dass die anderen Piloten sie die ­allermeiste Zeit einfach wie Luft behandelt hätten. Schliesslich beschloss sie, die Navy zu verlassen. Während der letzten Militärjahre hatte sie bereits als Dozentin an der Penn-State-Universität gearbeitet, und so war der Weg in die zweite Karriere als Forscherin vorgezeichnet.

«Die harte Zeit bei der Armee gehört zu meinem Leben, ich weiss ganz genau, dass ich mich allein durchboxen kann.» Auch ihren Militärspitznamen «Missy» hat sie behalten. «Aber ich würde niemals wollen, dass meine Tochter zur Armee geht.» Vom Vater des Mädchens lebt Cummings getrennt. «Wenn man so gewohnt ist, sich allein durchboxen zu müssen, ist es nicht leicht, in einer Beziehung mit einem Mann zu leben.»

Aus dem Cockpit geekelt

Genaue Vorstellungen hat sie jedoch von der idealen Aufgabenteilung zwischen Mensch und Maschine. «Wir müssen uns gegenseitig in unseren Schwächen unterstützen.» Keine Angst hat Cummings davor, dass uns eine künstliche Intelligenz schon bald insgesamt überflügeln könnte. «Viele der in der künstlichen Intelligenz verwendeten Algorithmen sind nicht gerade neu, nur die Rechenpower hat in den letzten Jahren enorm zugelegt.» Vielleicht brauche es für die Entwicklung einer umfassenden KI einen völlig neuen Ansatz, den wir Menschen noch gar nicht denken könnten.

Während die Entwicklung bei den selbstfahrenden Autos noch hinterherhinke, sei sie bei den Flugzeugen und Drohnen viel weiter fortgeschritten. Auf kommerziellen Passagierflügen werde es jedoch noch sehr lange menschliche Piloten geben, ist Cummings überzeugt. «Sie haben vor allem eine psychologische Funktion, geteiltes Schicksal nennen wir das.» Das vermittle den Passagieren ein Gefühl von Sicherheit. Dabei sässen die Piloten vor ­allem bei Kurzstrecken gerade mal drei Minuten am Steuerknüppel. Den Rest übernehme der Auto­pilot. Bei Kampfjets hingegen würden die Piloten irgendwann überflüssig. Und dann fügt sie noch ­lachend an: «Meine Kollegen haben mich aus dem Cockpit geekelt, aber ich trage jetzt dazu bei, dass wir keine Kampfjetpiloten mehr brauchen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.02.2018, 14:23 Uhr

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