Die Königin der Teilchen

Fabiola Gianotti hat viele Talente. Sie hat zur Entdeckung des Higgs-­Teilchens beigetragen, will junge Frauen für die Physik gewinnen und spielt leidenschaftlich gern Piano.

«Das Cern ist für Physiker wie ein Candy-Shop für Kinder», sagt Fabiola Gianotti. Foto: Sébastien Agnetti (13 Photo)

«Das Cern ist für Physiker wie ein Candy-Shop für Kinder», sagt Fabiola Gianotti. Foto: Sébastien Agnetti (13 Photo)

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Mit einem Kartonbecher Kaffee in der Hand betritt Fabiola Gianotti den kleinen Konferenzraum an der Europäischen Organisation für Kernforschung, dem Cern bei Genf. Sie setzt sich, knöpft die Ärmel ihrer Bluse auf und krempelt sie ein paar Schläge hoch. Es kann losgehen, will die zierliche, klassisch elegant gekleidete Frau wohl signalisieren. Tatsächlich packt sie bald etwas an, für das sie die Ärmel durchaus hochkrempeln muss: Im Januar übernimmt sie das Direktorium des Cern, des weltgrössten Forschungslabors für Teilchenphysik. «Das Cern ist für Physiker wie ein Candy-Shop für ­Kinder», sagt Gianotti.

Der Weg an die Spitze des Cern war für Gianotti nicht von Beginn an vorgezeichnet. Ob sie schon immer Physikerin werden wollte? «Nein, nein», antwortet sie und lächelt. In Mailand besuchte sie das Liceo Classico, ein humanistisches Gymnasium, an dem die alten Sprachen, nicht aber Mathematik und Physik im Zentrum standen. Mal wollte sie in ihrer Jugend Tänzerin werden. Dann doch eher Pianistin. «Wie alle Jugendlichen ging ich durch verschiedene Phasen», sagt Gianotti, die noch heute leidenschaftlich gern Piano spielt. In diesen jungen Jahren schlug sie eher nach der ­Mutter, die Literatur und Musik studiert hatte.

Dann wurde der Einfluss des Vaters stärker. Der Geologe weckte in ihr die Liebe zur Naturwissenschaft. Schliesslich, ab dem Alter von 17 Jahren, galt ihr Interesse mehr und mehr der Physik. Es war vor allem der Wunsch, zu verstehen, was die Welt im Innersten zusammenhält, der letztlich den Ausschlag für diese Naturwissenschaft gegeben hat. Für die Teilchenphysik, um genau zu sein. «Denn die Teilchenphysik ist die grundlegendste Disziplin der Physik», sagt Gianotti. Und da sie gerne etwas mit den Händen tun wollte – schon als Kind liebte sie es, mit Knete fantasievolle Objekte zu formen –, entschied sie sich für die Experimentalphysik.

Die Vielfalt allgemein liegt ihr am Herzen

Auch einen Teil des 46 Meter langen und 25 Meter hohen Atlas-Detektors am Beschleunigerring des Cern, dem Large Hadron Collider (LHC), hat sie mit ihren Händen und mit ihrem Geist geformt. Schon seit Anfang der 90er-Jahre war sie bei der Entwicklung des elektromagnetischen Kalorimeters beteiligt. Mit ihm messen die Teilchenphysiker die Energie von Elektronen und Lichtteilchen, die bei der Teilchenkollision im Detektor entstehen. Ein solcher Kalorimeter steckt heute im Atlas-Detektor.

Der Atlas-Detektor am Cern. Foto: PD

Trotz ihrer steilen Karriere möchte Gianotti eines auf keinen Fall sein: die Vorzeigephysikerin, die als erste Frau das Cern leitet. Eher ungern spricht sie über ihre Rolle als Frau in der von Männern dominierten Welt der Physik. Gut 14 Prozent der Wissenschaftler am Cern sind weiblich. Ob sie daran etwas ändern möchte? «Natürlich wäre ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis schön», sagt Gianotti. «Ich wäre glücklich, wenn ich als Direktorin des Cern junge Frauen und Mädchen ermutigen könnte, ins Physikstudium einzusteigen.» Werden Sie von Schülerinnen oder Studentinnen kontaktiert? «Oh ja, oh ja, oh ja», sagt sie und nickt mehrmals mit dem Kopf. Was wollen die wissen? «Viele wollen wissen, wie ich dorthin gekommen bin, wo ich heute stehe, und was sie selbst tun können, um vielleicht einmal am Cern arbeiten zu können.» Was ist ihr Rat? «Es gibt nichts Spannenderes, als das Wissen der Menschheit voranzubringen. Wenn das ihr Anliegen ist, sollen die jungen Leute dieses noble Ziel mit Motivation sowie Entschlossenheit verfolgen und nie aufgeben.» Sie werde übrigens nicht nur von vielen Mädchen kontaktiert, sondern auch von Knaben.

Von 2009 bis 2013 leitete Gianotti die Atlas-Kollaboration am Cern, an der rund 3000 Physiker aus circa 30 Nationen beteiligt sind. «Das ist ein fantastisches menschliches Abenteuer», sagt Gianotti. «Grundsätzlich liegt mir Vielfalt sehr am Herzen, nicht nur, was die Geschlechter anbelangt, sondern auch bezüglich der Nationalitäten, Ethnien und Traditionen.» Eine Stärke des Cern sei es, so viele unterschiedliche Menschen aus allen Winkeln der Erde friedlich zusammenzubringen.

Am 4. Juli 2012 präsentierte Gianotti in einem Seminar am Cern die Resultate der Atlas-Kollaboration. Dieses Ereignis gilt als Entdeckung des Higgs-Teilchens, das den anderen Elementarteilchen wie Elektronen und Quarks ihre Masse verleiht. Das Higgs-Teilchen wurde schon 1964 vorhergesagt, ­unter anderem vom namensgebenden britischen Physiker Peter Higgs und vom belgischen Physiker François Englert. Beide erhielten 2013 den Nobelpreis für Physik. «Die Entdeckung eines neuen Teilchens ist fast, als gewinne man einen neuen Freund», sagt Gianotti in einem Artikel der «Financial Times». «Man muss ihn unbedingt besser kennen lernen, und das verändert auch irgendwie dein eigenes Leben.»

Die in Rom geborene Physikerin ist Autorin oder Co-Autorin von mehr als 500 wissenschaftlichen Publikationen. 2012 setzte sie das Nachrichtenmagazin «Time» auf Rang fünf der wichtigsten Personen des Jahres. An der Spitze dieser Liste stand ­Barack Obama. Ebenfalls 2012 erhielt Gianotti den Fundamental Physics Prize der Milner Foundation, 2013 die Niels-Bohr-Medaille und den Enrico-Fermi-Preis. Im selben Jahr wählte das Wirtschaftsmagazin «Forbes» sie unter die «Top 100 einflussreichsten Frauen» und das Magazin «Foreign Policy» unter die «Führenden globalen Denker von 2013».

Dunkle Materie als grosses Rätsel

Nun, im Januar, wird die 55-Jährige also die erste Direktorin des Cern. Sie möchte den Weg ihrer 15 Vorgänger weitergehen und «die herausragende Stellung des Cern erhalten und ausdehnen». Das beziehe sich auf vier Pfeiler: auf die Grundlagenforschung, auf technologische Innovationen, die es für die wissenschaftlichen Ziele braucht, auf die Ausbildung der jungen Physiker-Generation und schliesslich auf die friedliche Kollaboration von Wissenschaftlern aus allen Teilen der Welt.

Was die Wissenschaft anbelangt, ist das Higgs-Teilchen beileibe nicht die Antwort auf alle Fragen. «Ein grosses Rätsel ist nach wie vor die Natur der dunklen Materie, die etwa 25 Prozent des Inhalts des Universums ausmacht», sagt Gianotti. Nach diesen Partikeln möchte sie künftig am LHC suchen. Daneben kümmert sich das Cern unter anderem um die Frage, warum es im Universum so viel Materie gibt und so wenig Antimaterie. Zudem wird bereits am Design für einen künftigen, noch grösseren Beschleuniger gearbeitet, der Protonen um etwa den Faktor sieben stärker aufeinanderprallen lassen kann als heute der LHC.

Dank ihrer vielen Talente kann man mit Gianotti über weit mehr plaudern als nur über Physik. Gibt es eigentlich eine Verbindung zwischen Physik, Kunst, Musik und Literatur? «Ja, natürlich», sagt sie. Hier wie da sei Kreativität gefragt. Eine physikalische Gleichung könne ebenso elegant sein wie eine Statue. «All diese Disziplinen sind die höchsten Manifestationen des menschlichen Gehirns, der menschlichen Fantasie, der menschlichen Neugierde und des menschlichen Erfindergeists.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.12.2015, 17:42 Uhr

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