Die Kometenjägerin

Kathrin Altwegg hat mit der Raumsonde Rosetta die Grundbausteine des Lebens entdeckt. Physik und Glaube sind für sie kein Widerspruch.

Rechnet mit der Existenz intelligenten Lebens im Weltall: Kathrin Altwegg, Weltraumforscherin an der Universität Bern. Foto: Adrian Moser

Rechnet mit der Existenz intelligenten Lebens im Weltall: Kathrin Altwegg, Weltraumforscherin an der Universität Bern. Foto: Adrian Moser

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Kathrin Altwegg präsentiert das Objekt ihrer Begierde. In dreifacher Ausführung. Die erste Variante ist ein faustgrosser, mehrfach eingedellter grauer Klumpen. «So haben wir uns den Kometen Tschuri vor Beginn der Rosetta-Mission vorgestellt», sagt die Professorin für Weltraumforschung am Center for Space and Habitability der Universität Bern. Die nächste Variante sieht aus wie zwei dreckige, zusammengepappte Schneebälle. «So sieht Tschuri in Wirklichkeit aus.» Das dritte Objekt ist eine gelbe Plastikente, an deren Form der Komet nun mal erinnert.

Mit ihrer Leidenschaft für Kometen steht Altwegg in einer alten Tradition. Seit Jahrtausenden rätseln Astronomen über diese seltsamen Himmelskörper. «Kometen kamen wie aus dem Nichts und verschwanden wieder. In der Regel tauchten sie in der Lebenszeit eines Menschen nie wieder auf. Das muss schon bei den frühesten Astronomen etwas ausgelöst haben. Die Interpretation der Kometen als göttliche Schicksalsboten liegt nahe.»

Für den Stern von Bethlehem gebe es keine wissenschaftlich anerkannte Erklärung.

War der Stern von Bethlehem auch ein Komet? Altwegg wiegt den Kopf hin und her. Oft werde der Halleysche Komet als Erklärung ins Spiel gebracht. Der war in den Jahren 12 bis 11 vor Christus zu sehen, «aber nur sehr schlecht», sagt Altwegg. «Daher ist es unwahrscheinlich, dass er es war. Vielleicht war der Stern von Bethlehem aber ein Komet wie Hale-Bopp, der nur alle 20'000 Jahre wiederkehrt», sagt Altwegg. Dann würden wir das Objekt, auf das sich die Weisen aus dem Morgenland beziehen, schlicht nicht kennen. Jedenfalls gebe es keine wissenschaftlich anerkannte Erklärung für den Stern von Bethlehem.

«Der Mensch ist nichts Besonderes»

Altwegg findet den Blick ins All «unendlich schön.» Er wirft aber auch Fragen auf: Zeigt dieser Blick ins All, wie bedeutend oder wie unbedeutend der Mensch ist? «In gewisser Hinsicht ist der Mensch nichts Besonderes», sagt Altwegg. «Die Vorgänge, die ablaufen mussten, um schlussendlich den Menschen zu erzeugen, können ziemlich sicher überall im Universum stattfinden. Dazu braucht es keine höhere Macht.» Andererseits sei es beeindruckend, was alles passieren musste, um aus der puren Energie des Urknalls Wasserstoffkerne und letztlich den Menschen zu kreieren. «Aus diesem Grund habe ich grosse Ehrfurcht vor der Existenz des Menschen.»

Die Weltraumforscherin denkt nicht, dass Physiker wie sie es schwerer hätten, an eine höhere Macht zu glauben. «Der Glaube an einen Gott widerspricht der Physik nicht. Aber die Physik unterstützt den Glauben auch nicht.» Man müsse hier jedoch zwei Dingen unterscheiden: An die Existenz einer höheren Macht zu glauben, sei das eine. Einer Religion anzugehören, das andere. «Religionen sind menschgemacht und spiegeln die jeweilige Kultur wider.» Die Existenz einer höheren Macht halte sie für durchaus möglich.

Für Altwegg war es reiner Zufall, dass sie in der Kometenforschung gelandet ist. Sie wuchs in ländlicher Umgebung in Klus bei Balsthal auf. Die Eltern waren Landärzte. Das Gymnasium besuchte sie in Solothurn. Zunächst wollte sie Tierärztin werden, dann Schiffskapitänin und später Archäologin. «Erst kurz vor der Matur habe ich gemerkt, dass ich eigentlich das Exakte an der Physik liebe.» Ihre Dissertation verfasste sie an der Uni Basel in Festkörperphysik. Dann ging sie als Postdoc nach New York. Zusammen mit ihrem damaligen Freund und heutigen Ehemann, ebenfalls Physiker, habe sie schliesslich eine Stelle am geografisch gleichen Ort gesucht. Er landete in der Telekommunikation, sie in der Weltraumforschung. Mit dem Ende des Wintersemesters wird die 65-jährige ihre Ämter an der Uni Bern niederlegen.

Es gibt keine Definition, was Leben ist.

Für Altwegg ist die Astronomie nicht nur die älteste, sondern auch eine der modernsten Wissenschaften. «Das hängt mit den Möglichkeiten zusammen, die wir dank Raumsonden und Teleskopen heute haben.» Auch die 2004 gestartete Rosetta, die im Sommer 2014 den Kometen Tschuri erreichte, öffnete ein Fenster zu neuen Erkenntnissen. Altwegg war für das Messgerät Rosina verantwortlich, mit dem die Komposition des Kometen analysiert wurde. «Heute wissen wir, dass Kometen sehr porös sind», sagt Altwegg. «Sie bestehen zu 75 Prozent aus leerem Raum.» Zudem hat Altwegg auf Tschuri eine unerwartete Fülle organischer Stoffe und Aminosäuren entdeckt. Dieses präbiotische Material ist zu einem grossen Teil älter als unser Sonnensystem. Es stammt aus sogenannten dunklen Molekülwolken im Weltall, aus denen Sonnensysteme entstehen. Das bedeutet: Kometen haben die Grundbausteine des Lebens nicht nur auf der Erde verstreut, sondern im ganzen Universum.

Daher rechnet Altwegg mit der Entdeckung von Lebensformen ausserhalb des Sonnensystems. Allerdings müsse man noch klären, was Leben überhaupt sei. Zu diesem Zweck habe das Center for Space and Habitability einen Kongress zum Thema «Was ist Leben?» abgehalten. Weltraumphysiker, Biochemiker, Biologen, Philosophen und Theologen nahmen teil. «Das war äusserst spannend», sagt Altwegg. Nur mussten die Teilnehmer feststellen: Es gibt keine Definition, was Leben ist, weder naturwissenschaftlich noch theologisch, noch philosophisch. «Ein Virus, sagen wir, ist kein Leben, aber ein Bakterium schon», sagt Altwegg. «Wo ist da die Grenze?» Sie persönlich sei durch den Dialog mit Philosophen und Theologen «von der engstirnigen Naturwissenschaftlerin ein bisschen zur Philosophin geworden».

Ersatz-Rosetta als Geschenk

Altwegg rechnet auch mit der Existenz von intelligentem ausserirdischem Leben. «Es gibt so viele Sterne. Und praktisch jeder Stern hat seine Planeten. Somit gibt es wahnsinnig viele Planeten im Universum.» Da die Grundbausteine des Lebens überall vorhanden seien, sollte sich aus Gründen der Wahrscheinlichkeit auch auf anderen Planeten intelligentes Leben entwickelt haben. «Wobei man auch hier fragen muss: Was ist intelligentes Leben?»

Wie sehr die Weltraumforschung gerade junge Leute zu begeistern vermag, habe sie kürzlich erlebt. Ein Unbekannter schrieb ihr eine E-Mail. Darin berichtet er von seinem achtjährigen Sohn, mit dem er die Rosetta-Mission verfolgt hatte, inklusive des Absturzes der Sonde auf Tschuri am 30. September 2016. Ein paar Tage später sei sein Sohn mit einer selbst gebastelten Rosetta zu ihm gekommen und habe gesagt: «Die ist nicht für mich, die ist auch nicht für dich, die ist für die Frau Altwegg, denn die ist jetzt traurig, weil es Rosetta nicht mehr gibt. Ich will der Frau Altwegg die Ersatz-Rosetta schenken.»

Altwegg lud den Jungen zu sich ans Institut ein, nahm die gebastelte Ersatz-Rosetta in Empfang und zeigte ihm ihre Ersatz-Rosina: Im Labor an der Uni Bern stehen zu Testzwecken Zwillingsinstrumente des Rosina-Experiments. «Das zeigt, welche Ausstrahlung diese Kometenmission hatte.»

Erstellt: 16.01.2017, 12:13 Uhr

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