Die Weltraumexpertin, die zur Erde schaut

Die Amerikanerin Lori Garver war stellvertretende Leiterin bei der Nasa. Heute ist sie Geschäftsführerin von Earthrise – die mit Satellitenbildern die Umweltzerstörung greifbar macht.

«Der Blick zurück auf die Erde ist fantastisch», sagt Lori Garver. Foto: Olivier Vogelsang

«Der Blick zurück auf die Erde ist fantastisch», sagt Lori Garver. Foto: Olivier Vogelsang

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Es war der Astronaut Bill Anders, der eines der bekanntesten Fotos der Geschichte machte. Denn bei der Apollo-8-Mission tauchte am 24. Dezember 1968 im Seitenfenster des Raumschiffs plötzlich die Erde auf. Der Amerikaner griff sofort zur Kamera und knipste den magischen Moment, wie die Erde über dem Horizont des Mondes aufging. Einmal schwarzweiss, einmal farbig.

«Das Earthrise-Bild setzte damals die Umweltbewegung in Gang», sagt Lori Garver bei unserem Treffen im Restaurant des Hotels Au Lac in Lausanne. Wie ein Juwel zeige die Aufnahme die Schönheit unseres Planeten, ohne nationale, politische und religiöse Grenzen, als ein ganzes Ökosystem, als Heimat von ein paar Milliarden Menschen. Dieser fantastische Blick zurück, die Perspektive aus den Weiten des Alls und der Kontrast zum grauen Mond habe den Menschen bewusst gemacht, wie vielseitig, aber auch zerbrechlich und einzigartig unsere Erde sei, fügt sie hinzu. Deshalb müssten wir jetzt handeln, um sie zu schützen.

«Die USA stossen nach China weltweit am meisten CO2 aus.»

Lori Garver ist Chefin der vor kurzem gegründeten Earthrise Alliance. Dies ist eine gemeinnützige Organisation, die anhand von Satellitendaten den Klimawandel und seine Folgen visualisiert. Vor allem Pädagogen, Politiker und natürlich auch Wähler sowie Schüler sollen auf diese Weise über die momentan auf unserem Planeten stattfindenden Veränderungen noch besser informiert und gleichzeitig noch stärker für die Themen Klima und Umwelt sensibilisiert werden.

«Die USA stossen nach China weltweit am meisten CO2 aus», sagt Garver. Gleichzeitig spiele die Nasa seit Jahrzehnten aber auch eine führende Rolle bei der Datenerfassung, wie sich das Erdklima aufgrund der industriellen Kohlenstoffemissionen rapide ändert. Erst Anfang Mai hat die Nasa im Rahmen des Projekts «Orbiting Carbon Observatory-3» Messgeräte an der Internationalen Raumstation ISS befestigt, um zu beobachten, wie die Erde «atmet» und wo die CO2-Konzentrationen am höchsten und am tiefsten sind.

Fehlendes Gletscherwasser

Die ehemalige stellvertretende Nasa-Chefin kam vergangene Woche zur Weltkonferenz für Wissenschaftsjournalismus in die Schweiz, um dort bei einer Veranstaltung anlässlich des 50-Jahr-Jubiläums der Mondlandung über die Zukunft der Raumfahrt zu reden. Auch im Hörsaal an der ETH Lausanne plädierte sie dafür, dass wir nur dank der Satelliten das «bigger picture» über unsere Erde erhalten. Als Beispiel demonstrierte sie mit zwei Aufnahmen, wie stark der Regenwald im Amazonasgebiet in den vergangenen 33 Jahren abgeholzt wurde. Und wie das Schmelzwasser eines der grössten Gletscher Kanadas im Yukon sich aufgrund der Klimaerwärmung einen neuen Weg bahnte. Statt in die Beringsee strömt es seit Frühjahr 2016 Tausende Kilometer weiter südlich in den Golf von Alaska. «Dies hat nicht nur grosse Auswir­kungen für die Umwelt, sondern auch für die dort lebenden Menschen», warnt Garver. Das frische Gletscherwasser floss früher stets in den riesigen Kluane Lake, der jetzt nur noch einen bedenklich niedrigen Wasserpegel hat. Was in Yukon passiert ist, kann eine erste Warnung für andere Gebiete sein.

Politikwissenschaftlerin Lori Garver, die als Tochter eines Börsenmaklers in Haslett, Michigan, aufwuchs, führte es schliesslich bis in den Hauptsitz der Nasa in Washington D.C. «Bevor ich laufen konnte, nahm ich schon an politischen Veranstaltungen teil», sagt sie und lacht. Denn ihr Grossvater, der Farmer und Mitglied der Michigan State Legislature und des State Senats war, nahm sie von klein auf mit und trug sie am Anfang noch auf dem Arm.

Zwischen ihrem Bachelor und Master arbeitete sie von 1983 bis 1984 für den damaligen Weltraumpionier und Senator John Glenn, der sich zu jener Zeit für die Präsidentschaftskandidatur der Demokratischen Partei bewarb. Dort lernte sie auch ihren späteren Mann David Brandt kennen, mit dem sie zwei, inzwischen erwachsene Söhne hat und der sie nach Lausanne begleitete.

Beim Earthrise-Bild der Apollo-8-Mission taucht die Erde hinter dem Mond auf. Foto: Nasa

Auch für die politische Kampagne von Hillary Clinton und Barack Obama kämpfte sie an vorderster Front mit. Dieses Demokratie-Ding sässe tief in ihr drin, sagt die heute 58-Jährige. Durch die Arbeit für Glenn lernte sie zu jener Zeit viele Leute von der Nasa kennen, allerdings war sie nach dem Studium erst mehrere Jahre für die Nationale Weltraumgesellschaft tätig – von der Sekretärin über die Buchhalterin bis hin zur geschäftsführenden Direktorin.

Bei der Nasa war sie von 1996 bis 2001 für die strategische Planung der Weltraumbehörde verantwortlich. Als Barack Obama Präsident wurde, ernannte er seine einstige Beraterin für Weltraumpolitik zur stellvertretenden Leiterin der Nasa. Als auch der US-Senat ihrem neuen Amt zustimmte, trat sie 2009 die Nachfolge von Shana Dale an und blieb bis 2013. So wurde sie die zweite Frau, welche die zweithöchste Führungsposition innerhalb der Nasa besetzte.

Ist es schwierig als Frau in einer von Männern dominierten Welt? «Man wird anders behandelt», antwortet sie. Doch sie hatte damals zusätzlich noch den unangenehmen Job, aufgrund des viel kleineren Budgets im Vergleich zu früher auch Programme kürzen oder streichen zu müssen. Deshalb suchte sie nach alternativen Lösungen und setzte sich vehement dafür ein, die bisherigen Verträge zu öffnen, sodass auch private Unternehmen etwa für die Wiederversorgung der ISS Angebote abgeben konnten. Warum sollte man sich jeweils bei den Russen für 100 Millionen Dollar einen Platz in der Sojus-Kapsel kaufen, wenn es mit einer amerikanischen Firma weniger als die Hälfte kosten würde?

Von «Astro Mom» zu Earthrise

Obwohl die Nasa mittlerweile mit der Spacex-Firma von Elon Musk zusammenarbeitet, brauchte es Zeit für die Akzeptanz der Umstellung. 2012 hielt sie beim ersten Start einer unbemannten Dragon zur ISS den Atem an, doch alles funktionierte, betont sie. Der Anfang bis zur neuen Kooperation war jedoch nicht einfach: «Ich bekam heftige Drohungen, und jemand schickte mir sogar gefälschtes Anthrax», sagt sie.

Solche negativen Erlebnisse kann sie offenbar gut wegstecken. Auch ihr letztlich gescheitertes «Astro Mom»-Projekt, bei dem sie als erste Weltraumtouristin ins All fliegen wollte und sich bereits in Russland darauf vorbereitete. Doch am Schluss bekam sie die nötigen Sponsorengelder nicht zusammen. «Dieses Risiko geht man in einer solchen Situation ein», erklärt die Weltraumexpertin, die mit ihrem Projekt Earthrise nun ganz und gar die Erde im Visier hat.

Kann sie sich noch an die Mondlandung erinnern? «Ja, sie war damals acht Jahre alt und mit ihrer Familie in Schweden in den Ferien. Ihre Eltern hätten sie und ihre Schwester für die Liveübertragung im Fernsehen geweckt. Es sei faszinierend gewesen, dass sich die Europäer genauso freuten wie die Amerikaner.

Erstellt: 13.07.2019, 15:44 Uhr

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