Die Zahlenkünstlerin

Informatikerin Olga Sorkine-Hornung promovierte mit 25 Jahren und wurde mit 30 Professorin an der ETH Zürich. Ihre Algorithmen in 3-D-Modellierung gelten weltweit als die besten.

Als sie 13 Jahre alt war, lernte Olga Sorkine-Hornung die Programmiersprache QBasic. Foto: Samuel Schalch

Als sie 13 Jahre alt war, lernte Olga Sorkine-Hornung die Programmiersprache QBasic. Foto: Samuel Schalch

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Niemand auf der Welt kann derzeit mit mathematischen Formeln auf so elegante Weise lebensechte animierte Gesichter und 3-D-Modelle erzeugen wie Olga Sorkine-Hornung. Ihre mehrfach ausgezeichneten Algorithmen sind weltweit in der Unterhaltungsindustrie, Architektur oder Medizin gefragt; Grössen wie Adobe, Disney oder Phonak sind dabei ihre Partner. Mit den bahnbrechenden Methoden will sie künftig auch die Textilindustrie nachhaltig modernisieren.

Olga Sorkine-Hornung hat nämlich eine Vision: weniger Massenware, dafür mehr on-demand, also mehr Produkte, die je nach Bedarf und auf die spezifischen Wünsche der Kunden abgestimmt sind: «Wir tragen alle dieselben Klamotten, kaufen dieselben Sofas, vieles wird millionenfach und im Überfluss produziert. Dabei könnte man alles an die Person angepasst machen», sagt sie, kommt im Sofa nach vorn und beugt sich zum Gegenüber. Es ist morgens um zehn Uhr, wir sitzen in ihrem Büro, und Olga kommt in Fahrt. Die Russin spricht fliessend Deutsch mit leichtem Akzent, wirkt locker und unkompliziert, ganz anders, als man das von einer geweihten ETH-Professorin erwarten würde.

Diese Jeans etwa – die 36-Jährige zeigt auf ihr Bein –, die stamme vom Schweizer Start-up Self­nation, und sie wolle jetzt um Gottes willen keine Werbung machen, aber die Hose werde in der Schweiz produziert, mit Stoff aus Italien. Sechs Messungen seien nötig gewesen, und zwei Wochen später habe sie sie im Briefkasten gehabt: «Sie passt wie angegossen.» Möglich machten das geschickte Algorithmen, die das Schnittmuster berechneten, erklärt sie: «So etwas möchte ich in Zukunft öfter sehen.» Dass dadurch Jobs verloren gehen, nimmt sie in Kauf: Jede industrielle Revolution führe dazu, dass Stellen verschwinden und andere Tätigkeiten erscheinen: «Wäre das so schlimm, wenn die Menschheit etwas weniger arbeiten könnte?»

Hörgeräte, Prothesen, Zähne

Selfnation hat Sorkine-Hornungs Know-how lediglich wenige Stunden in Anspruch genommen. Bekannte Textilfirmen indes wie Adidas, Nike und andere profitieren schon länger von ihren schlauen Formeln, die in kommerzieller Software stecken, «einer Art Photoshop für 3-D», und damit ihren Kunden zum Beispiel passgenaue Sportschuhe kreieren. «Passgenau» ist bei der Arbeit der Informatikerin ohnehin zentral, geht es doch um die Kunst, echte Dinge mit Algorithmen digital darzustellen und möglichst genau an reale Bedingungen anzupassen: Hörgeräte an Ohrmuscheln, Prothesen in Hüftgelenke oder Zähne in Mundhöhlen.

Einen Namen gemacht hat sie sich vor sechs Jahren mit ihren innovativen Methoden, die Oberflächen von animierten Figuren möglichst realistisch erscheinen lassen. Dabei errechnet der Computer aus einer zweidimensionalen Zeichnung, die mit der Maus am Bildschirm entsteht, in Echtzeit das 3-D-Modell und stellt es dar. Die Oberfläche der geometrischen Figur wird dabei durch unzählige kleine Flächen sehr genau repräsentiert; zieht man dann mit der Maus an einem Punkt, wird sofort die Veränderung berechnet – die Figur bewegt sich. «Unser Algorithmus rechnet viel effizienter als frühere Methoden», sagt sie. Die Technik wird heute im Gamedesign und in Filmen verwendet – Disney ist schon lange Partner – und steckt auch in der Software Adobe Charakter Animator.

Schöne Formen und Zahlen haben es Klein Olga schon früh angetan. Aufgewachsen in Russland und Israel, hatte sie kaum Spielzeug. Sie liebte es um so mehr, die Ausstellungskataloge, die ihre kunstliebenden Eltern mitbrachten, immer und immer wieder anzuschauen: «Ich kannte die Werke von Leonardo und Michelangelo, bevor ich überhaupt wusste, was Kunst ist», erzählt sie. Ästhetik habe sie immer irgendwie gemocht. Als sie 13 Jahre alt war, brachte ihr Vater, ein Physiker, ein Notebook mit nach Hause, und Olga lernte die Programmiersprache QBasic. Dabei sei ihr klar geworden, dass man eine mathematische Formel nehmen und sie in etwas Visuelles umwandeln könne: «Ich wusste sofort, dass ich das machen möchte.» Es gab kein Halten: Bereits mit 15 Jahren begann sie parallel zur Mittelschule ihr Studium in Mathe und Informatik an der Universität in Tel Aviv und schloss mit 19 ab. Während des anschliessenden obligatorischen Militärdienstes nahm sie ihr Masterstudium auf und ihre Forschung in Computergrafik. Nach Stationen in Berlin und New York wurde sie 2011 mit 30 Jahren als damals jüngste Professorin nach Zürich berufen. Heute leitet sie ihr sechsköpfiges Interactive Geometry Lab mit Weltruhm.

Kürzlich hätten sie Pergamentrollen des «Great Parchment Book» des London Metropolitan Archive für Historiker wieder lesbar gemacht, die sich bei einem Brand im Jahr 1786 zusammengezogen hatten. Ein Kollege am University College London habe die verschrumpelten Seiten in 3-D gescannt, das heisst, sehr viele hochaufgelösten Fotos davon gemacht und tief in die Falten reingezoomt. Dann hätten ihre Leute am PC ein 3-D-Modell davon rekonstruiert und getan, was man real nicht tun könne: es digital geglättet und so den Forschern den Inhalt wieder zugänglich gemacht.

200-Prozent-Pensum

Wenn Sorkine-Hornung von ihrer Arbeit spricht, leuchten ihre Augen im etwas bleichen Gesicht. Sie und ihr Mann, ebenfalls ein Informatiker, der bei der Facebook-Tochter Oculus arbeitet, haben vor zwei Jahren Zwillinge bekommen, und Schlaf ist entsprechend ein rares Gut. «Zuerst dachte ich naiv, Zwillinge zu gebären, sei hocheffizient. Aber sie sind absolut nicht skalierbar», sagt sie. Es brauche eigentlich zwei Mütter – und sie sei nur eine. Umso glücklicher ist sie bei ihrem «200-Prozent-Pensum», einen Mann zu haben, der sie enorm unterstütze. Die Aufgaben seien «sehr fair aufgeteilt», das sei ihr wichtig: «Mich überrascht es immer, dass die klassische Rollenaufteilung doch bei sehr vielen Paaren ein Thema ist.» Sie kenne das einfach nicht aus ihrer persönlichen Geschichte.

Ihre Mutter, eine Mathematikerin, hat immer gearbeitet. Dies habe sie geprägt. So hat es die Informatikerin in Computergrafik rasch an die Weltspitze geschafft. Es sei die Neugierde, die sie antreibe, und sie habe früh gemerkt, dass sie gut sei in dem, was sie tue. Ihr Traum ist es, eines Tages ein Werkzeug zu bauen, mit dem alle Leute ohne Vorkenntnisse 3-D-Modelle erstellen und bearbeiten können, «so wie wir das heute mit Bildern am Handy jeden Tag tun». Besonders die neuen Techniken Virtual und Augmented Reality stimmen sie diesbezüglich optimistisch. Sie habe kürzlich eine VR-Brille ausprobiert, bei der man die Controller in den Händen halte und durch Handbewegungen im Raum malen könne: «Das lässt sich bei unserer Forschung ideal einsetzen, weil der schwierige Umgang mit Bildschirm und Maus entfällt, diese Benutzeroberfläche ist viel intuitiver.» Dann könnten wir bald alle unsere persönlichen Produkte kreieren.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.11.2017, 17:01 Uhr

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