Doch noch Wüstenstrom

Solarenergie aus der Sahara – die Idee schien beerdigt, als 2014 das europäische Projekt Desertec scheiterte. Nun haben die Marokkaner die Vision selber vorangetrieben.

Das grösste Solarkraftwerk der Welt: Noor I unweit der marokkanischen Stadt Ouarzazate . Foto: Fadel Senna (AFP)

Das grösste Solarkraftwerk der Welt: Noor I unweit der marokkanischen Stadt Ouarzazate . Foto: Fadel Senna (AFP)

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Jeden Tag 27 Grad Celsius und 9,5 Sonnenstunden im Jahresdurchschnitt – das ist das Klima von Ouarzazate im Süden Marokkos. Bislang war die Stadt mit ihren hübschen, braunrot verputzten Häusern vor allem als Kulisse für Filme wie «Die Päpstin» oder «Lawrence von Arabien» bekannt. Jetzt entsteht am Rande der Wüstenstadt der grösste Solarkomplex der Welt. Marokko setzt in Ouarzazate um, woran europäische Unternehmen mit ihrem Wüstenstromprojekt Desertec Industrial Initiative noch vor kurzem gescheitert sind.

Desertec steht nach wie vor für die Idee, einen Grossteil Europas mit Solarstrom aus der Wüste zu versorgen. Nach jahrelangen Querelen zogen sich die meisten grossen europäischen Stromversorger und Geldgeber jedoch aus dem Projekt zurück. Nun bauen die Marokkaner selbst den grössten Solarkraftwerkkomplex der Welt. «Das ist ein ­Meilenstein für die Energieversorgung Marokkos, aber auch für die Solarbranche weltweit», sagt Ingenieur Thomas Schmitt vom deutschen Consulting­unternehmen Fichtner. Schmitt überwacht die Umsetzung des Projekts für den Betreiber, die marokkanische Agentur für Solarenergie (Masen). «Wenn die Europäer sehen, wie zielstrebig und ­zügig die Marokkaner das Projekt umsetzten, kann der Traum vom Ökostrom aus der Wüste für Europa vielleicht doch wiederbelebt werden», meint Schmitt.

Denn eins ist unbestritten: In der nordafrikanischen Wüste ist die Strahlungsintensität der Sonne mit 2500 Kilowattstunden (kWh) pro Quadratmeter rund doppelt so hoch wie beispielsweise in der Schweiz mit 1000 bis 1400 kWh/m². Das macht die Strom­produktion sehr lukrativ.

Temperatur nicht entscheidend

Schier endlose Reihen von sieben Meter hohen Parabolspiegeln blinken nun bei Ouarzazate in der Wüste. Sie gehören zum Solarkraftwerk Noor I – arabisch für Licht – das Anfang 2016 erstmals Strom ins marokkanische Netz speisen wird. Das erste von drei geplanten Kraftwerken hat gewaltige Dimensionen: 160 Megawatt Leistung, 537'000 Parabolspiegel in 400 Reihen à 300 Meter Länge. Zum Vergleich: Der grösste Schweizer Solarpark, La Boverie im waadtländischen Payerne, hat nur eine Leistung von rund 6 Megawatt.

Geplant sind in Ouarzazate noch drei weitere Kraftwerke. Noor II wird ebenso wie Noor I Elektrizität über Parabol­rinnentechnik erzeugen, Noor III wird ein Solarturmkraftwerk. Die Ebenen für die neuen Bauprojekte werden bereits planiert. Und Noor IV, ein Fotovoltaikkraftwerk mit 70 Megawatt Leistung, ist auch in Planung. In gut zwei Jahren soll der dereinst grösste Komplex der Welt fertig sein – mit einer Leistung von 580 Megawatt.

Rund 40 Grad heiss kann es am Fusse der bis zu 4000 Meter aufragenden Berge des Hohen Atlas werden. «Aber nicht die Temperatur ist entscheidend, sondern die Dauer und die Verlässlichkeit des Sonnenscheins», sagt der leitende marokkanische Ingenieur Rachid Bayed. «Das macht die grosse Effizienz unseres Kraftwerks hier aus.» Mit wenigen Ausnahmen brennt die Sonne in Ouarzazate auf rund 1500 Meter Meereshöhe fast 365 Tage im Jahr vom Himmel. In den Parabolspiegeln wird zunächst Öl auf rund 400 Grad erhitzt. Im zentralen Kraftwerk wird die Hitze auf Wasser übertragen, und es entsteht Dampf. ­Dieser treibt eine gigantische Turbine an, der erzeugte Strom wird ins marokkanische Netz gespeist. «Und das nicht nur am Tag, sondern auch abends, wenn der Bedarf besonders hoch ist», sagt Bayed. Denn das Öl erhitzt nicht nur Wasser, sondern bei Bedarf auch ein spezielles Salz, das die Hitze bis zu sechs Stunden speichern kann.

Solarthermische Kraftwerke wie Noor I und Noor II sind in den nordischen Ländern Europas aufgrund der geringeren Strahlungsintensität ökonomisch nicht sinnvoll. Ganz anders in Südeuropa oder Nordafrika. Jan Schilling von der deutschen KfW Bankengruppe gerät bei den Aussichten auf die Anlage bei Ouarzazate ins Schwärmen: «Vor zwei Jahren war hier nur Wüste. Heute stehen da Parabolspiegel, so weit das Auge blicken kann. Diese Anlage hat Pilotcharakter für die gesamte Region.» Die KfW ist im Auftrag des Entwicklungshilfe- und des Umweltministeriums in Berlin mit einem zinsgünstigen Kredit von bisher 850 Millionen Euro der wichtigste Geldgeber. Rund 2,2 Milliarden Euro soll das gesamte Vorhaben kosten. «Die KfW ist dabei, weil Noor zeigt, wie eine Energiewende unter Ausnutzung von Strom aus der Wüste funktionieren kann», sagt Schilling.

Die Marokkaner stellten hier womöglich ein Geschäftsmodell auf die Beine, das in Zukunft zum lukrativen Exportschlager werden könne. Schliesslich hat sich Europa ­verpflichtet, in den nächsten Jahren mehr und mehr Strom aus ­erneuerbaren Energien zu produzieren. Etliche Länder werden ihre Ziele möglicherweise nicht aus eigener Kraft erreichen. Erst einmal geht es den Marok­kanern aber um ihre eigene Energie­versorgung. Weil Öl, Gas und Kohle nicht verfügbar sind, muss der Staat die Energieträger teuer importieren.

800 Arbeiter aus Ouarzazate

Lob kommt auch von der Nichtregierungsorganisation Germanwatch in Bonn. Sie hat das Vorhaben mit einer zweijährigen Studie begleitet, die die Auswirkungen auf das Umfeld sowie die Beteiligung der Bevölkerung durch ­Hunderte von Interviews und Diskus­sionen mit den unterschiedlichsten Menschen aus Ouarzazate untersucht. Dazu gehörten Bauern, Geschäftsleute, Jugendliche und Arbeitnehmer im Solarkraftwerk selbst.

«Vor dem Hintergrund, dass grosse Infrastrukturprojekte gerade in Entwicklungsländern oft Auslöser für lokale Konflikte sind, waren wir am Anfang skeptisch, am Ende jedoch äusserst ­positiv überrascht», sagt Boris Schinke, Umweltökonom von Germanwatch. Er lobt die Um- und Weitsicht, mit der die marokkanische Agentur für Solarenergie die Region und ihre Menschen einbindet und damit – für die ansonsten eher arme Region – Arbeits- und Ausbildungsplätze sowie erhebliche infrastrukturelle Verbesserungen schafft.

Das benötigte Land wurde von einem lokalen Stamm gekauft, der Erlös floss in einen Fonds, aus dem Schulen, Gesundheitseinrichtungen und der Strassenbau finanziert wurden. «Von den beinahe 2000 Arbeitskräften auf der Baustelle sind mehr als 1500 Marokkaner, davon 800 aus Ouarzazate und den Dörfern in der Umgebung», sagt Schinke. «Hier war es ein zentrales Anliegen der Behörden, dass ein Grossteil der entstehenden ­Arbeitsplätze für Ortsansässige, insbesondere für Jugendliche, geschaffen und Wertschöpfungsketten, Industrien und Handwerk aus der Region miteinbezogen wurden.» Ausserdem hat der Betreiber des Kraftwerks die Fähigkeiten der benötigten Fachkräfte durch Ausbildungsmassnahmen gefördert sowie eine enge Anbindung an die Hochschule in Ouarzazate gestärkt.

Erstellt: 13.01.2016, 07:25 Uhr

Europäer gescheitert

Desertec: Aus einer Vision wird eine Beraterfirma

Die grossen Hoffnungen der 2009 von 50 Unternehmen gegründeten Desertec Industrie Initiative haben sich nicht erfüllt. Der Gründungsauftrag war, herauszufinden, ob es technisch und wirtschaftlich überhaupt möglich ist, Wüstenstrom für den lokalen Energiebedarf im Nahen Osten, in Nordafrika und für den Export nach Europa zu gewinnen.

Von einem Scheitern des Projekts will Gerhard Knies, Hamburger Physiker und einer der geistigen Väter von Desertec, zwar nichts wissen. Das Projekt sei nur ins Stocken gekommen durch die unkalkulierbare Lage in ganz Nordafrika, erklärte Knies in einem Interview mit der «Wirtschaftswoche»: «Der Auftrag wurde erfüllt – mit dem Ergebnis, dass es absolut sinnvoll ist, Solarkraftwerke in Wüstenregionen zu errichten.»

Doch viele der Gesellschafter oder zahlenden Partner sind nach und nach aus dem ehrgeizigen Projekt ausgestiegen – darunter auch die Münchner Rückversicherungsgesellschaft als treibende Kraft, die Schweizer ABB, die Deutsche Bank, Siemens, Bosch und Eon.

Zuletzt blieben noch 20 Gesellschafter übrig. Als die Entscheidung anstand, ob aus der Initiative eine dauerhafte Einrichtung werden solle, winkten die meisten ab. Die Desertec Industrie Initiative wird sich auflösen und nur noch eine Beraterfirma übrig lassen. Der Energieversorgungskonzern RWE, die saudische Energiefirma Acwa Power und die chinesische Firma State Grid unterstützen Länder der arabischen Region künftig beim Aufbau grüner Energien.

Fünf Standorte

Das Solarprojekt in Ouazarzate ist nun aber unabhängig von Desertec realisiert worden. Federführend ist die Marokkanische Agentur für Solarenergie Masen. Das im November 2009 formulierte Solarprogramm der Marokkaner sieht vor, bis zum Jahr 2020 an fünf Standorten nachhaltig Strom zu produzieren. Und zwar durch konzentrierende Solartechnologien und Fotovoltaik mit einer insgesamt installierten Leistung von 2000 Megawatt. (ecg)

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