Putins schwimmendes Atomkraftwerk

Es hat weder Antrieb noch Schutzhülle. Dafür versorgt das AKW die sibirische Küste mit Strom – und unterstreicht den Anspruch Russlands in der Arktis.

Die Akademik Lomonossow, hier am 19. Mai 2018 vor Murmansk, soll entlegene Küstenorte und Ölplattformen mit Energie versorgen. Foto: Alexander Nemenow (AFP)

Die Akademik Lomonossow, hier am 19. Mai 2018 vor Murmansk, soll entlegene Küstenorte und Ölplattformen mit Energie versorgen. Foto: Alexander Nemenow (AFP)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Norweger haben sich längst an den Anblick russischer Schiffe vor ihrer Küste gewöhnt, an Fischkähne, ­Eisbrecher und sogar an die Atom-U-Boote aus Murmansk. Doch als das Nachbarland ein komplettes Atomkraftwerk durch ihre Gewässer schleppen wollte, wurde es ihnen zu viel.

Die Akademik Lomonossow ist nicht nur das erste schwimmende Atomkraftwerk, es soll auch das nördlichste der Welt werden. Moskau hofft, Atomenergie per Schiff in grossem Stil in die Arktis zu bringen. Die schwimmenden Kraftwerke sollen entlegene Küstenorte versorgen. Und sie könnten Energie für ­russische Ölplattformen im Polarmeer liefern. Umweltschützer sind daher gleich doppelt alarmiert.

Bei einem Unfall wäre die Mannschaft auf sich gestellt und hätte nur die Ausrüstung vor Ort.Nils Bohmer, Atomexperte

Für Norwegen war die Reise der Akademik Lomonossow die erste grosse Sorge. Ursprünglich sollte das Schiff mit Brennstäben beladen in St. Petersburg ablegen. Bei mehr als zwei Meter Wellengang und ein wenig mehr Wind hätte der Kahn an der norwegischen Küste Schutz suchen müssen. Das rostbraune Atomboot, 144 Meter lang, 30 Meter breit und mit zwei Reaktoren beladen, hätte womöglich in einem der malerischen Fjorde festgesessen.

Grafik vergrössern

Das Aussenministerium in Oslo hat protestiert. Auch in St. Petersburg gab es Widerstand gegen die Idee, wenige ­Kilometer vor dem Zentrum der Millionenstadt mit radioaktivem Material zu ­hantieren. Der Konzern ­Rosenergoatom, der zur staatlichen Atomenergie­behörde Rosatom gehört, entschied schliesslich, den radioaktiven Brennstoff erst in Murmansk an Bord zu holen, dem einzigen eisfreien russischen Hafen in der Arktis, nur 110 Kilometer von der norwegischen Grenze entfernt. Diesen hat der Konvoi nach dreiwöchiger Reise nun ange­laufen. Doch der kritische Teil des Programms kommt erst noch.

«Die gesamte Idee eines schwimmenden Atomkraftwerks im Arktischen Ozean ist Wahnsinn.»Truls Gulowsen, Greenpeace Norwegen

«Die gesamte Idee eines schwimmenden Atomkraftwerks im Arktischen Ozean ist Wahnsinn», sagt Truls Gulowsen, Chef von Greenpeace in Norwegen. Umweltschützer warnen, dass ein Reaktor auf einem Schiff grösseren Gefahren ausgesetzt sei. Nun ist der schwimmende Meiler mit einer Leistung von 70 Megawatt kleiner als die meisten Atomkraftwerke an Land. Dafür fehlt ihm eine dicke Betonhülle. Zudem wäre ein Schiff im Notfall schwierig zu erreichen, vor allem in der vereisten Arktis.

Die Akademik Lomonossow hat zudem keinen eigenen Antrieb. Sollten sich die Taue lösen, würde das Vehikel im rauen Eismeer driften. «Es besteht ein höheres Risiko, dass ein kleiner Vorfall zu einem grossen Unfall eskalieren kann», sagt Gulowsen.

Gefährliche Reise steht bevor

Im kommenden Jahr reist die Akademik Lomonossow an der arktischen Küste Russlands entlang, 6000 Kilometer bis nach Pewek im Nordosten Sibiriens. Dort soll sie einen alten Reaktor an Land ersetzen. «Man kommt dort im Winter nicht hin», sagt Nils Bøhmer, Atom­experte der Umweltorganisation Bellona mit Sitz in Oslo.

Bei einem Unfall wäre die Mannschaft auf sich gestellt und hätte nur die Ausrüstung vor Ort. Für ihn wäre ein Feuer das schlimmste Szenario, der Wind würde die Radio­aktivität dann womöglich schnell und weit verteilen. Würde die Akademik ­Lomonossow sinken, sei völlig unklar, wie ein so grosses Schiff so weit im Norden geborgen werden könnte. Selbst wenn der Reaktor intakt bliebe, unter Wasser würde er irgendwann korrodieren und leckschlagen. Das Wrack könnte zu einer ewigen Strahlenquelle werden, fürchten Umweltschützer. Dabei ist Fisch nach dem Erdöl das wichtigste Exportgut Norwegens.

Als Wrack könnte sie zu einer ewigen Strahlenquelle werden: Die Akademik Lomonossow legt ab. Video: YouTube / CGTN

«Ein Zwischenfall im russischen Teil der Barentssee könnte auch für Nor­wegen schwerwiegende Konsequenzen haben», sagt Audun Halvorsen, Staats­sekretär im Aussenministerium. Man bleibe daher während des Transports nach Pewek in engem Kontakt mit den russischen Behörden.

Begleitet von der Strahlenschutz­behörde

Die norwegische Strahlenschutz­behörde begleitet die Akademik Lomonossow schon seit St. Petersburg mit einem Schiff der Küstenwache. Für sie sei das auch eine Übung, schliesslich schwömmen viele nuklear betriebene Boote, zum Beispiel Eisbrecher, vor Norwegen herum, sagt Astrid Liland, die Leiterin der Notfallbereitschaft. «Wir müssen bereit sein, wenn ein Unfall passiert.» Ihre Behörde hat Jahre damit verbracht, in der Barentssee hinter den Russen aufzuräumen, die dort atomaren Abfall versenkt haben. Im Internet erklärt sie in kurzen Videos ihre Aufgaben, fast alle haben mit Russland zu tun. Das Land habe im Kalten Krieg die weltgrösste Flotte von Atom-U-Booten gebaut, heisst es dort, Hunderte Unterwasserboote, die später verrotteten oder im Meer versanken.

«Russland plant eine Massenproduktion.»Heinz Smital, Greenpeace

Norwegen hat als eines der ersten Länder dabei geholfen, das radioaktive Material in diesen Wracks zu sichern und andere nukleare Abfälle aus dem Meer zu bergen. Die beiden Reaktoren der Akademik Lomonossow sind den Antrieben von nuklearen Eisbrechern ähnlich. Der Unterschied sei, sagt Nils Bøhmer von Bellona, dass Eisbrecher ­regelmässig zur Wartung in Häfen kämen. Das schwimmende Kraftwerk kommt nicht mal zum Wechseln der Brennstäbe unbedingt an Land. Diese müssen alle drei bis vier Jahre ausgetauscht werden, die abgebrannten Stäbe werden zunächst an Bord gelagert. «Russland plant eine Massenproduktion», warnt Heinz Smital von Greenpeace. «Dann haben wir eine ganze Menge schwimmender nuklearer Zwischenlager auf den Weltmeeren.»

Erst der Anfang?

Rosatom weist die Kritik zurück. Sicherheit habe oberste Priorität, heisst es aus Moskau. «Wir arbeiten hart daran, die öffentliche Akzeptanz unserer Projekte zu sichern.» Laut dem Konzern hält das Schiff einem Tsunami stand und erfüllt alle Kriterien der Internationalen Atomenergie­behörde. «Diejenigen, die in einer Scheinwelt von hundert Prozent erneuerbarer Energien leben, realisieren nicht, dass bei minus 60 Grad und Polarnacht weder Sonne noch Wind Häuser und Unternehmen mit Energie versorgen können.»

Umfrage

Was halten Sie von schwimmenden Atomkraftwerken?




In Pewek leben kaum 5000 Ein­wohner, die Akademik Lomonossow könnte eine 40-mal so grosse Stadt versorgen. Für Rosatom soll es nur das erste einer Serie schwimmender AKW sein. Der Konzern hofft, dass auch andere Staaten mit abgelegenen Küstenorten, Häfen oder Industrieanlagen, die über Land schwer zu versorgen sind, Interesse anmelden. Seit 25 Jahren verfolgt es diese Idee. Das erste schwimmende AKW ist mit 525 Millionen Dollar nun weit teurer geworden als geplant. Während US-Unternehmen die Idee bereits in den 70er-Jahren verworfen haben, hat sie für Russland auch geopolitischen Wert. Das Land unterstreicht damit seinen Anspruch in der Arktis. Nur China hält mit: Es hat angekündigt, ebenfalls bald einen ersten Prototyp in Betrieb zu nehmen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.05.2018, 06:46 Uhr

Artikel zum Thema

Der Mann, der Atommüll anders lagern will

Porträt Marcos Buser war Experte für das nukleare Entsorgungskonzept in der Schweiz. Seit Jahren kritisiert er die offizielle Strategie. Und schlägt einen anderen Weg vor. Mehr...

Fachkräfte für die AKW-Stilllegung gesucht

Für den Rückbau von Atomkraftwerken mangelt es an inländischen Spezialisten. Nun fordern Politiker, dass der Bund das Fachwissen sicherstellen soll. Mehr...

Die wundersame Verjüngung des ältesten AKW der Welt

Hinter indischen und amerikanischen Reaktoren: Warum Beznau I in der IAEA-«Rekordliste» nach hinten gerutscht ist. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Grösste Wallfahrt der Welt: Eine Frau ruht sich während der jährlichen Pilgerfahrt zu Ehren der Jungfrau von Guadalupe in Mexico City aus. (11. Dezember 2018)
(Bild: Carlos Jasso) Mehr...