Eine Frau mit Tiefgang

Am Meeresgrund soll Bergbau betrieben werden. Tiefseeforscherin Antje Boetius warnt, dass der Mensch dort ungeahnte Schäden anrichten könne.

«Als Kind habe ich mir vorgestellt, wie Captain Nemo unter dem Meer zu leben», sagt Antje Boetius. Foto: laif

«Als Kind habe ich mir vorgestellt, wie Captain Nemo unter dem Meer zu leben», sagt Antje Boetius. Foto: laif

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Eine Kreuzfahrt in den tropischen Pazifik kann ganz schön in Arbeit ausarten, das weiss Antje Boetius aus erster Hand. Gewiss, sie hatte eine Aussenkabine, und Bordleben wie Verpflegung waren ordentlich, wenn auch nicht so von Delikatessen und Faulenzen geprägt wie auf den weissen Dampfern mit den Sonnendecks. Das Schiff, mit dem Boetius vier Wochen lang unterwegs war, hatte einen schwarzen Rumpf, und überall stand wissenschaftliches Gerät herum: schwere Roboter und kantige Probengreifer zum Beispiel. Kaum Platz für einen Liegestuhl. Zeit für ein Sonnenbad hatte sie auch nicht. Es gab ohnehin nur zweimal blauen Himmel.

Als Leiterin eines Teams von 40 Wissenschaftlern aus sieben Ländern fuhr die Meeresbiologin auf dem neuen deutschen Forschungsschiff Sonne mit. Im August vergangenen Jahres steuerte es von Ecuador aus einen Fleck im offenen Pazifik an, um dort vier Wochen zu bleiben: 7 Grad 4 Minuten Süd, 88 Grad 28 Minuten West. Hier, im sogenannten Perubecken, hatten deutsche Forscher 1989 mit der alten Sonne in vier Kilometer Tiefe ein Areal von zehn Quadratkilometer Meeresboden umgepflügt. Ziel des bis heute einzigartigen Projekts war es, die Folgen eines möglichen Tiefseebergbaus zu untersuchen. Fast 20 Jahre lang hatte niemand mehr die Stelle angeschaut.

«Das sieht ja noch genauso aus wie damals», entfuhr es Antje Boetius spontan, als sie die ersten aus der Tiefe übermittelten Bilder auf dem Monitor sah. Bald wurde «Tiefseefernsehen» zu ihrer Lieblingsbeschäftigung an Bord. «Wo damals der Boden umgepflügt wurde, sind manche Arten auch nach 26 Jahren nicht zurückgekehrt, wie erste Daten ­zeigen», stellte sie fest. «Nicht einmal Bakterien ­haben die Spuren vollständig wiederbesiedelt.» Die 49-jährige Forscherin hat den direkten Vergleich, weil sie 1992 auf einer der Kontrollfahrten an Bord der alten Sonne dabei war. Seither war sie ungefähr 40-mal auf verschiedenen Forschungsschiffen unterwegs. Ihre Arbeitszeit an Land teilt die Professorin zwischen dem Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven und dem Max-Planck-Institut für marine Mikrobiologie in Bremen auf.

Kein Schutzgebiet weltweit

In dem rot verklinkerten, zweistöckigen Bau am Rande des Universitätscampus in der Hansestadt Bremen empfängt Boetius den Besucher vor einem Aquarium. Bunte Korallen sind darin und jene Fische, die man aus dem Disney-Film «Findet Nemo» kennt. Es gebe da jemanden im Institut, der ein solches Habitat pflegen könne, sagt sie anerkennend. Die Tiefseekreaturen liessen sich dagegen nicht in einem relativ kleinen Schautank halten. Er müsste dunkel sein und enorm dicke Scheiben haben, um einen Wasserdruck um die 400 Bar auszuhalten.

«An Land strengen wir uns endlich an, zum Beispiel die Regenwälder zu bewahren. In den Ozeanen gibt es dagegen noch kein einziges Schutzgebiet», sagt Boetius. Das wäre aber nötig. Angesichts der steigenden Metallpreise werden Rohstoffe vom Meeresboden attraktiv und womöglich bald konkurrenzfähig. Besonders Manganknollen: Die kartoffelgrossen Metallknubbel enthalten viel Kupfer, Kobalt und Nickel. Sie liegen in grosser Zahl zum Beispiel auf dem Meeresboden der Clarion-Clipperton-Zone (CCZ), die sich im Pazifik von Mexiko aus mehrere Tausend Kilometer nach Westen erstreckt.

13 Erkundungslizenzen hat die internationale Meeresbodenbehörde für diese Zone vergeben. ­Allein Deutschland hat sich ein Gebiet von 75'000 Quadratkilometern gesichert – fast die doppelte Fläche der Schweiz. Mögliche Metallausbeute: mindestens 1 Million Tonnen und etwa 9 Milliarden Dollar wert. Wie ernst man den Meeresbergbau nimmt, lässt auch der Fahrplan des Ende 2014 in Dienst ­genommenen, 130 Millionen Franken teuren neuen Forschungsschiffs erkennen. Die Sonne war 2015 von Mitte März bis Mitte Juni in der CCZ und im August und September im Perubecken. Und was hat Antje Boetius dort beim Tiefseefernsehen alles ­gesehen? Als sie dort die alten Pflugspuren untersuchte, fielen ihr schnell die allgegenwärtigen Plastiksäcke und einige alte Bierflaschen und Cola­dosen auf. Sie und ihre Kollegen interessierten sich aber eher für die kriechenden und schwimmenden Tiere. Diesen war die Rückkehr am leichtesten ­gefallen. Viele von ihnen sind trotz der Dunkelheit, in der sie leben, sehr bunt: Seesterne pink, See­anemonen orange, Seegurken grün und stachelig, violett und glatt oder schneeweiss mit Tentakeln.

Mit diesem Forschungsschiff wurde in vier Kilometer Tiefe ein Areal von zehn Quadratkilometer Meeresboden umgepflügt: Die alte Sonne unterwegs im Pazifik. Foto: Visum

Geradezu anrührend war das Bild eines kalkweissen Tintenfischs. Er klebt daumennagelgrosse Eier an die Stiele von Seelilien und schlingt den Körper um das Gelege. «Vier bis sechs Jahre brüten sie, und wenn die Jungen schlüpfen, stirbt das Elterntier», sagt Boetius. Viel mehr weiss man noch nicht, ausser dass die hingebungsvolle Kreatur Seelilien zur Fortpflanzung braucht und diese nur auf Manganknollen Halt finden. Wer die Metallknubbel abräumt, raubt den Tintenfischen ihren Lebensraum.

Eine weitere Gefahr des Bergbaus können die Forscher kaum einschätzen: Vergiften sich die Tiere, wenn Metallpartikel im Wasser schweben? Das dürfte in einem weit grösseren Areal passieren als das tatsächliche Ernten der Manganknollen. Die Bergbaupläne sehen vor, die geernteten Knollen noch in der Tiefe zu zerkleinern und per Wasserstrom an die Oberfläche zu pumpen. Wird das Wasser anschliessend zurück in die Tiefe geleitet, könnte sich der Knollenabrieb im weiten Umkreis verteilen. Um solche Effekte zu studieren, hat Boetius’ Team erstmals Versuche direkt am Meeres­boden gemacht und Seegurken mit Metallschlamm berieselt. «Die Tiere haben eindeutig Fluchtverhalten gezeigt», fasst sie das Ergebnis zusammen.

Leuchtquallen beobachten

Mit Fahrten wie auf der Sonne erfüllt Boetius nicht nur einen Forschungsauftrag, sondern sich selbst auch einen Kindheitstraum: «Als ich klein war, habe ich mir vorgestellt, wie Captain Nemo unter dem Meer zu leben.» Ganz geschafft hat sie das aber nicht. Zwar würde sie, «ohne zu zögern, in ein U-Boot steigen, um die Unterwasserwelt in 3-D zu erleben». Aber zu ihrem Bedauern gibts noch keines, in dem man übernachten und beim Einschlafen den Leuchtquallen und Anglerfischen zusehen kann.

Die neue Sonne: Mit diesem Shciff ist Antja Boetius unterwegs. Foto: PD

Was ihre Studien zu den Umweltfolgen eines möglichen Tiefseebergbaus ergeben, kann die Forscherin noch nicht sagen; die Daten müssen noch ausgewertet werden. Manche Kollegen glauben, dass sich der Abbau als vertretbar erweist. Antje Boetius ist dagegen skeptisch. Sie hält es mit einer Gruppe von US-Kollegen, die im Sommer 2015 einen effektiven Schutz der Tiefsee vor kommerzieller Nutzung forderte. «Wir könnten doch die Investitionen für den Bergbau umleiten und damit erstmals das Recycling der Metalle deutlich verbessern», schlägt sie vor. «So gewinnen wir ein paar Jahrzehnte Zeit, um die Lebensgemeinschaften der Tiefsee besser zu verstehen und Schutzkonzepte zu entwickeln.»

Erstellt: 22.04.2016, 19:48 Uhr

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