Einvernehmlicher Sex mit Robotern

Lily Frank beschäftigt sich mit den Auswirkungen moderner Technik auf unser Liebes- und Sexleben – und provoziert mit unkonventionellen Thesen.

«Recht starke Gefühle für technische Objekte»: Philosophin Lily Frank. Foto: Urs Jaudas

«Recht starke Gefühle für technische Objekte»: Philosophin Lily Frank. Foto: Urs Jaudas

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Der altgriechische Philosoph Aristoteles und Hightech-Sexroboter haben auf den ersten Blick nicht allzu viel miteinander zu tun. Lily Eva Frank würde da jedoch widersprechen: «Ich liebe Streitgespräche», sagt die amerikanische Philosophin und lacht dabei breit. Manchmal werfe sie in einem Seminar ein paar Gedanken ein mit der Bemerkung: «Okay, jetzt versucht mich zu widerlegen!»

Sich grundsätzliche Überlegungen zu allen möglichen Fragen zu machen, gehört zu Franks Job: Die Philosophin beschäftigt sich in ihren Forschungen mit den Auswirkungen moderner Technologie. «Ich interessiere mich für all die ethischen Fragen, die sich mit der Einführung digitaler Neuerungen in unserem Liebes- und Sexleben stellen», sagt Frank. Für einen Vortrag über Sexroboter und Dating-Apps ist sie an die Universität Zürich gereist, jetzt sitzt sie für unser Gespräch in einem kleinen Raum der Bibliothek des Philosophischen Seminars. Frank ist Professorin für Philosophie und Ethik an der Eindhoven University of Technology in Holland.

Ihre Forschungen zu Sexrobotern hätten sich aus zufälligen Gesprächen mit einem Kollegen ergeben, mit dem sie einige Aufsätze zum Thema veröffentlicht hat. Frank interessiert sich vor allem für die Auswirkungen, die Roboter auf das Verhältnis der Geschlechter haben. Zwar seien die heutigen Sexroboter noch recht limitiert, trotzdem gäbe es sehr viele Punkte, über die man sich schon heute Gedanken machen müsse. «Von künstlicher Intelligenz kann man zwar noch nicht wirklich sprechen», sagt Frank. Auch wenn die Hersteller sich bemühten, die Schlauheit ihrer Roboter herauszustreichen. Erste Sexpuppen habe es schon in der frühen Neuzeit gegeben, sie hiessen «holländische Ehefrauen». Matrosen nahmen sie auf lange Schiffsreisen mit.

Gefühle für technische Objekte

Ob die Roboter schon sehr viel mehr können als stöhnen und ein paar Sätze zu sagen, spiele jedoch keine allzu grosse Rolle. «Wir Menschen haben die Fähigkeit, recht starke Gefühle für technische Objekte zu entwickeln», sagt Frank. Fast jeder habe beispielsweise eine emotionale Bindung zu seinem Smartphone. «Sexroboter sehen heute wie Karikaturen von Pornodarstellerinnen aus», sagt Frank. «Und das finde ich problematisch.» Sie zementierten alte Rollenbilder und bedienten das alte Klischee von der Frau als allzeit bereitem Sexobjekt.

Doch was sagt sie Kritikern, die den Robotern eine wichtige Rolle zuschreiben, weil sie beispielsweise Fantasien von Männern erfüllten, die echten Frauen nicht zuzumuten seien. «Ich halte das für eine falsche Sicht», sagt Frank. Und hier kommt der griechische Philosoph Aristoteles (384–322 v. Chr.) ins Spiel. «Ich glaube an die aristotelischen Tugenden.» Die Tugenden seien ­Charaktereigenschaften, die man pflegen müsse. Das heisst, tugendhaftes Verhalten müsse man wie einen Muskel laufend trainieren. «Das stärkt die Persönlichkeit.»

Köpfe von chinesischen Sexpuppen. Foto: EPA

Wer sich also einem Roboter gegenüber anständig verhalte, der tue es auch einem Menschen gegenüber. «Wir brauchen aber noch mehr Forschung in diesem Bereich», sagt Frank. Bei den ­Videospielen wisse man heute ja zum Beispiel, dass sie reale Gewaltausbrüche nicht fördern. «Ich glaube jedoch nicht, dass sich die beiden Dinge einfach so gleichsetzen lassen.»

Überlegungen macht sie sich in diesem Zusammenhang auch zum Thema Consent (Zustimmung) und Roboter. «Das alles mag nach Science-Fiction klingen», sagt Frank. Doch wir lebten mit so vielen technischen Neuerungen, dass wir uns sowieso in einem grossen gesellschaftlichen Experiment mit unklarem Ausgang befänden. Umso wichtiger sei es, sich rechtzeitig grundsätzliche Überlegungen zu den Pros und Kontras einer Entwicklung zu machen. Echten Consent mit einem Roboter könne es eigentlich nur geben, wenn dieser ein derartiges Mass an künstlicher Intelligenz erreicht habe, dass er sich selbst aussuchen könne, mit welchem Menschen er eine sexuelle Beziehung eingehen wolle und mit welchen nicht. Dann stelle sich allerdings die Frage, ob man die Roboter tatsächlich brauche. «Eine Abfuhr kann ich auch auf Tinder kassieren», sagt Frank und lacht.

Künstliche Gebärmutter als Chance

Bevor sie vor fünf Jahren nach Europa kam, war Frank als Ethikerin an der Icahn School of Medicine at Mount Sinai, New York, tätig. Ihr Mann, ebenfalls Philosoph, wechselte wie sie aus den USA an eine europäische Universität.

Frank forscht auch zu künstlichen Gebärmüttern, die eine Schwangerschaft im Mutterleib perfekt simulieren könnten und in denen sich das Ungeborene neun Monate entwickeln würde. «Noch sind wir auch in diesem Bereich noch nicht so weit, aber in einigen Jahren könnte es schon Inkubatoren geben, die zu weit mehr in der Lage sind, als Frühgeborene am Leben zu halten.» Und in nicht allzu ferner Zukunft könnten Forscher Brutkästen entwickeln, die den Job einer Schwangeren vollständig übernehmen.

«Auch hier gibt es noch eine Menge Fragen zu klären», sagt Frank. Das Recht auf Abtreibung basiert bei einer ungewollten Schwangerschaft heute beispielsweise auf dem Recht der Frau, über ihren eigenen Körper zu verfügen. Was geschehe jedoch, wenn man das Kind in die künstliche Gebärmutter übertragen könnte? «Ich würde argumentieren, dass das Recht auf Abtreibung bestehen bleiben müsste.» Es gehe nicht nur um die neun Monate Schwangerschaft, sondern um die Frage, ob man die lebenslange Verantwortung für ein Kind übernehmen wolle. Aber vermutlich teilten nicht alle diese Meinung.

 «Der künstliche Uterus sollte keinesfalls zum Zwang werden, wichtig wäre, beide Optionen zu behalten.»Lily Frank

Die künstlichen Gebärmütter hätten auch Vorteile. Aus feministischer Sicht seien sie zwiespältig und deshalb ein faszinierendes Thema. «Sie könnten für mehr Gleichberechtigung sorgen», sagt Frank. Heute trügen Frauen alle gesundheitlichen Risiken einer Schwangerschaft und die Benachteiligungen im Arbeitsleben. Gleichzeitig könnte es von Vorteil sein für das Ungeborene, wenn es beispielsweise keinem Rauchen oder Trinken einer werdenden Mutter ausgesetzt wäre.

Doch auch hier, ist sich Frank bewusst, gibt es energische ­Gegenstimmen von Frauen, die nicht auf eine physische Schwangerschaft verzichten wollen, und die überzeugt sind, dass keine Technik der Welt die emotionale Bindung zwischen dem Ungeborenen und seiner Mutter ersetzen kann. «Der künstliche Uterus sollte keinesfalls zum Zwang werden, wichtig wäre, beide Optionen zu behalten.» Doch sei ihr durchaus bewusst, dass es sozialen Druck geben könnte, zum Beispiel von Arbeitgebern, dass Frauen nicht wegen angeblich unnötiger Schwangerschaften ausfallen sollten. Trotzdem müssten die Forschungen in diesem Bereich unbedingt weitergehen, nur schon um sehr früh geborenen Babys noch besser helfen zu können. «Und ich persönlich könnte mir durchaus vorstellen, eine künstliche Gebärmutter zu nutzen, wenn sie dereinst alle Bedingungen perfekt simuliert.»

Erstellt: 27.04.2019, 13:19 Uhr

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