Elektrisches Flugtaxi erstmals in der Luft

Der Lilium Jet soll in Grossstädten, aber auch für Regionalflüge eingesetzt werden. Bis dahin ist es aber noch ein langer Weg.

Der Lilium Jet wird zunächst von einem Piloten geflogen, soll später aber auch autonom betrieben werden können. Foto: Lilium

Der Lilium Jet wird zunächst von einem Piloten geflogen, soll später aber auch autonom betrieben werden können. Foto: Lilium

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Die Angelegenheit war in Sekunden erledigt. Der Lilium Jet hob ab und schwebte in einigen Metern Höhe etwa 40 Sekunden lang in der gleichen Position, bevor er ferngesteuert wieder an der gleichen Stelle landete, von der aus er abgehoben war.

Für das Wesslinger Start-up Lilium waren diese 40 Sekunden am 4. Mai um 8.03 Uhr ein Durchbruch. Zum ersten Mal flog der Prototyp ihres vollelektrisch betriebenen Lufttaxis Lilium Jet in der Luft. Nun, zwei Wochen später, veröffentlicht die Firma Details: «Das Flugzeug hat sich exzellent verhalten, es gab keine Fehlermeldungen von den Systemen», so Lilium-Gründer Daniel Wiegand.

Der Lilium Jet ist eines von nahezu unüberschaubar vielen Projekten im Bereich der Elektroflugzeuge. Die Unternehmensberatung Roland Berger schätzt, dass Firmen seit 2009 die Entwicklung von etwa 100 solcher Maschinen weltweit angekündigt haben. Alleine 2017 sind demnach etwa 40 neue Vorhaben hinzugekommen. Lilium jedoch glaubt, einen Entwurf gefunden zu haben, der den anderen technisch überlegen ist und das Einsatzgebiet dramatisch erweitert: Der Lilium Jet soll innerhalb von Grossstädten, aber auch für Regionalflüge eingesetzt werden.

Fliegt schneller als ein Helikopter

Das Fluggerät hat fünf Sitze und wird von 36 kleinen Elektromotoren angetrieben, die auf zwölf beweglichen Klappen angebracht sind. Der Lilium Jet startet und landet senkrecht, aber für den Reiseflug werden die Klappen in die Horizontale verschoben. Dann nutzt er den Auftrieb von Rumpf und Tragflächen und kann viel schneller fliegen als Helikopter oder Quadcopter, die keine Flügel nutzen. Schon vor zwei Jahren hat Lilium einen zweisitzigen Technologiedemonstrator in die Luft gebracht. Der Prototyp, der Anfang Mai und seither mehrmals geflogen ist, kommt dem künftigen Serienflugzeug schon sehr nahe, auch wenn für die Zulassung noch mehrere weitere Testmaschinen verwendet werden.

«Das Flugzeug ist quasi eine fliegende Batterie.»Lilium-Gründer Daniel Wiegand

Der Lilium Jet wird zunächst von einem Piloten geflogen, soll später aber auch autonom betrieben werden können. Das Fluggerät soll mit einer einzigen Batterieladung bis zu 300 Kilometer weit und 300 Stundenkilometer schnell fliegen können. Damit hat er nach Wiegands Ansicht ein «Alleinstellungsmerkmal», weil er auch kleinere Kommunen, die keinen ICE-Halt haben oder nur unzureichend über Strassen angebunden sind, an den Hochgeschwindigkeitsverkehr anbinden kann. «Dies wird Strukturen verändern», glaubt er. Ein Flug mit dem Lilium Jet, bestellt per App auf dem Smartphone, soll irgendwann einmal so viel kosten wie eine Taxifahrt – zumindest wenn ein Pilot an Bord ist. Wenn der Übergang zum autonomen Fliegen geschafft ist, dann soll er nicht mehr kosten als eine Fahrt mit dem eigenen Auto.

Doch bis dahin ist es noch ein langer Weg. 2024 will Lilium die Zulassung der Flugsicherheitsbehörden bekommen. Für die erste Version mit Piloten sind keine aufwendigen Regeländerungen nötig, es gelten im Wesentlichen die Gesetze für Hubschrauber und Flugzeuge. Das vollautonome Fliegen ist hingegen noch wirkliche Zukunftsmusik, zu viel Fragen rund um Flugsicherung sind ungeklärt.

Grosse Reichweiten möglich

Vorerst steht aber sowieso etwas anderes im Vordergrund: emissionsfreies Fliegen. «Das Flugzeug ist hinsichtlich der Anteile am Gesamtgewicht quasi eine fliegende Batterie», sagt Wiegand. Die Zellen stammen von Lieferanten, aber der Batteriepack ist eine interne Entwicklung. «Er ist extrem leicht und hat viele Zellen. Das ermöglicht uns grosse Reichweiten», sagt er. Die Batterie an Bord hat eine Leistung von mehr als einem Megawatt, Genaueres will Wiegand aber nicht verraten. Sie soll gross genug sein für sieben bis acht kurze Flüge innerhalb einer Grossstadt, vier bis fünf Minuten Ladezeit seien dann für 60 bis 70 Kilometer zusätzliche Reichweite nötig. «In der Praxis wird es keine Wartezeiten wegen des Aufladens geben und auch keine Batteriewechsel», so Wiegand.

Seit dem Erstflug haben weitere Tests stattgefunden, langsam sollen auch weitere Flugmanöver erschlossen werden. Die schwierigste Übung aber steht noch bevor: Der Übergang vom Start in den Streckenflug, bei dem die zwölf Klappen mit den Motoren wie bei einem sogenannten Tiltrotor nach vorne geschwenkt werden müssen. Gleichzeitig muss das Flugzeug Geschwindigkeit aufnehmen und Auftrieb an Rumpf und Tragflächen aufbauen, während die vertikale Kraft der Motoren nachlässt. All dies muss passieren, ohne dabei an Höhe zu verlieren. Den Funktionstests soll die Zulassung folgen und dann 2025 die ersten kommerziellen Flüge. Wo? «Wir führen Gesprächen mit Städten rund um die Welt. Es sind auch deutsche dabei», sagt Wiegand.

Erstellt: 16.05.2019, 21:20 Uhr

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