«Eigentlich läuft uns die Zeit davon»

ETH-Professor Konstantinos Boulouchos zeigt in einem Bericht über die Mobilität der Zukunft auf, wie dringend das Energiesystem umgebaut werden muss.

Energieexperte mit Blick für das grosse Ganze: Konstantinos Boulouchos. Foto: Fabienne Andreoli

Energieexperte mit Blick für das grosse Ganze: Konstantinos Boulouchos. Foto: Fabienne Andreoli

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Wer Motoren mag, kommt auf dem Weg zu Konstantinos Boulouchos voll auf seine Rechnung. Es ist ein Gang durch die Geschichte der europäischen Autoindustrie. Im ETH-Gebäude an der Sonneggstrasse in Zürich stehen alte Diesel- und Benzinmotoren der 90er-Jahre, das spannendste Stück am Schluss, wenige Meter vom Büro des ETH-Professors entfernt. Der Hybridmotor aus dem Jahr 1993, ein Prototyp, wurde von ETH-Ingenieuren in Zusammenarbeit mit dem VW-Konzern entwickelt. Die Kombination von Verbrennungs- und Elektromotor war damals, vor 25 Jahren, technologisch Neuland.

«Das wäre es gewesen, Herr Boulouchos?» Auf die ungewöhnliche Begrüssung kommt die prompte Antwort: «VW entschied sich damals, nicht auf Hybrid zu setzen, dafür Toyota, hinterher ist man immer gescheiter», sagt der Professor für Aerothermochemie und Verbrennungssysteme an der ETH Zürich. Heute ist der Hybridmotor nicht mehr wegzudenken, er gilt als Übergangstechnologie auf dem Weg zur Elektrifizierung der weltweiten Energieversorgung.

Die Zeiten haben sich allerdings nicht geändert. Technologische Entscheide sind heute genauso schwierig wie damals. Vielleicht noch schwieriger. «Wir haben 20 Jahre lang im Klimaschutz zu wenig getan, nun muss alles schneller gehen und wird entsprechend teurer», sagt Boulouchos. Der Maschineningenieur ist ein eloquenter Gesprächs­partner. Ein Stichwort, und er beginnt zu erzählen – stets aus der Sicht des grossen Ganzen.

Zu viel Zeit verloren

Er ist überzeugt, mit Blick auf das gesamte Energiesystem wäre es vorteilhafter gewesen, wenn erst einmal die europäischen Kohlekraftwerke durch erneuerbare Energien und allenfalls durch Gaskraftwerke abgelöst würden. Gleichzeitig müssten die Erdölheizungen durch Wärmepumpen ersetzt werden. Erst dann hätte der motorisierte Individualverkehr verstärkt elektrifiziert werden sollen. Mit dieser Strategie, so die Überlegung von Boulouchos, wäre der Klimaschutz mit einem optimalen Preis-Leistungs-Verhältnis zu haben gewesen. «Weil wir wertvolle Zeit verloren haben, gilt dieses abgestufte Vorgehen heute nicht mehr, das muss wohl alles parallel laufen», sagt der 63-jährige Ingenieur.

Der Umbau der globalen Energieversorgung muss nun schneller vor sich gehen, als er erwartet hat. «Es gibt eben Entwicklungen, die man nicht voraussagen kann.» Boulouchos hat manche technologische Veränderung miterlebt. Der gebürtige Grieche – heute griechisch-schweizerischer Doppelbürger – ist in Chalkida auf der Insel Euböa aufgewachsen. «Ganz nahe am Meer, da riecht man die See und das Salz», erinnert er sich. Nach seiner Ausbildung zum Maschineningenieur an der Nationalen Technischen Universität in Athen 1978 erhielt er «zufällig» die Gelegenheit, an der ETH Zürich zu promovieren. Das war Anfang der 80er-Jahre. Es war die Zeit der Waldsterbe-Debatte in Europa. Wissenschaftler und Politiker diskutierten über die Einführung des Katalysators für Benzinautos.

Nach dem Doktorat verlässt der junge Wissenschaftler für drei Jahre die Schweiz und geht in die USA, an die Universität Princeton. Trotz hervorragender Arbeitsbedingungen in den Staaten kehrt er nach Zürich zurück. «Der Entscheid war nicht einfach, aber es gefiel mir und meiner Frau auch in der Schweiz, da ist der See, die gute Luft, nicht ganz wie am Meer, aber immerhin.» Gelockt hat aber der Job, der ihm angeboten wurde. Er sollte eine neue Forschungsgruppe für die optische Diag­nostik und Computersimulation von Verbrennungsprozessen aufbauen. Seine Arbeit ergänzte sich ideal mit der Forschung am Paul-Scherrer-Institut (PSI) in Würenlingen. «Wir haben in Zusammenarbeit mit dem PSI versucht, Erkenntnisse aus der Grundlagen­forschung durch Experimente näher zur Anwendung zu bringen», sagt Boulouchos. Später wird er denn auch Leiter des Labors für Verbrennungsforschung am PSI. Ziel war es, die Verbrennungsprozesse zum Beispiel in Motoren zu optimieren und die Emissionen zu reduzieren.

Die neue Dringlichkeit

Heute gehört Boulouchos zu den gefragten Energieexperten in Europa. Sein über Jahrzehnte gesammeltes Wissen ist in seinem hellen Büro im ETH-­Forschungsgebäude aus den 30er-Jahren auch physisch sichtbar. Dokumente stapeln sich am Boden, auf dem Korpus, in den offenen Schränken. Die Pinnwand ist übersät mit Tabellen, Grafiken und Bildern. Klischeehaft könnte das Büro einem verschrobenen Wissenschaftler gehören.

Das trifft allerdings auf Boulouchos nicht zu. Er denkt modern, pragmatisch und zukunftsgerichtet. Er ist nicht nur Forscher, sondern weiss auch aus Erfahrung, wie die nationale und inter­nationale Politik tickt. Jahrelang war er Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der ehemaligen Energieministerin Doris Leuthard. In den letzten zwei Jahren leitete er eine Gruppe von Forschenden des Europäischen Akademien-Verbundes, die diese Woche in Brüssel in einem neuen Bericht erklärten, welche Voraussetzungen erfüllt werden müssten, damit die Mobilität in Europa CO2-frei werden kann.

Hybridmotor aus dem Jahr 1993, entwickelt von der ETH und VW. Foto: Fabienne Andreoli

Spricht er von den Empfehlungen im neuen Bericht, hebt sich seine Stimme. Er weiss, dass sich wissenschaftlich fast alles plausibel erklären lässt. «Aber wie setzen wir das um?», fragt er. Umlagerung des motorisierten Verkehrs auf den Schienen- und öffentlichen Verkehr, energetisch effizientere Fahrzeuge, Ersatz fossiler durch erneuerbare Energieträger, Einsatz synthetischer Treibstoffe. Das sind keine neuen Überlegungen, neu ist jedoch die Dringlichkeit: 20 bis 30 Jahre – will man die Ziele des Pariser Klimaabkommens erfüllen.

Das macht Boulouchos Sorgen. Abgesehen von der Schweiz, sei das Bahnnetz in Europa eher marod. «Wie soll die Umlagerung auf die Schiene funktionieren?» Die ärmeren Länder in der EU wollten einen kostengünstigen Transport, der Ausbau des Schienenverkehrs sei aber teuer. Boulouchos’ Liste der Zweifel ist lang. «Was ist mit dem Langstreckenverkehr, also den Lastwagen, Schiffen und Flugzeugen?», fragt er weiter. Der ETH-Professor sieht eigentlich nur in synthetischen Treibstoffen eine Chance, die CO2-Emissionen zu verringern. Dazu gehören Wasserstoff, der mit Strom aus Wind- und Sonnenkraft durch Elektrolyse von Wasser hergestellt wird. Aber auch Kohlenwasserstoffe wie Methan sind eine Option, die aus Wasserstoff und aus der Atmosphäre entferntem CO2 hergestellt werden können.

Obwohl er technologische Innovationen als unentbehrlich betrachtet, sieht Boulouchos die grössten Hürden bei den Zielkonflikten in Politik und Gesellschaft. «Ohne eine deutliche Verteuerung der Brenn- und Treibstoffe wie Kohle, Erdöl und Kerosin wird es keinen zeitgerechten Umbau geben», sagt er. «Eigentlich läuft uns die Zeit davon.»

Erstellt: 22.03.2019, 18:54 Uhr

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