«Entscheidend ist das Resultat»

ETH-Vizepräsident Detlef Günther mag nicht Trübsal blasen – obwohl die Hochschulen sparen müssen und die Zukunft im europäischen Forschungsprogramm unsicherer ist denn je.

Am diesjährigen Cybathlon zeigen 60 Teams, wie Technologie Behinderte unterstützen kann. Foto: Alessandro Della Bella (ETH)

Am diesjährigen Cybathlon zeigen 60 Teams, wie Technologie Behinderte unterstützen kann. Foto: Alessandro Della Bella (ETH)

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Sie waren vor Ihrem Vizepräsidium ETH-Professor für analytische ­Chemie und bezeichnen Ihre Ernennung zum Professor als das Mass aller Dinge Ihrer akademischen Karriere.
Das gilt bis heute. In meinen Lebensträumen kam diese Karriere nicht vor. Es ist eine der grössten Auszeichnungen, an der ETH eine Professur zu erhalten.

Das klingt wie ein Werbe-Slogan.
Die ETH gibt den Professorinnen und Professoren eine Grundausstattung, die es ihnen erlaubt, in Bereiche vorzu­stossen, bei denen sie nicht schon eine grosse Reputation brauchen und eine lange Publikationsliste vorweisen müssen. Das heisst: Sie können in einen dunklen Raum ohne Lichtschalter gehen und ihn mit einer kleinen Kerze ausleuchten, bis der Raum allmählich hell wird. Wenn das, was sie dann ent­decken, etwas taugt, können sie sich voll entfalten. Den Forschenden ist es auch erlaubt, einmal im Dunkeln zu tappen.

Das kostet.
Natürlich. Das kostet. Nun müssen wir unsere Strategie anpassen, weil die Wachstumsrate beim Budget nicht nach unseren Erwartungen ausfällt. (Red.: Der ETH-Bereich erhält in den kommenden vier Jahren voraussichtlich mehrere Hundert Millionen Franken weniger als budgetiert.) Das gibt finanzielle Einschnitte, die wir vielleicht nicht morgen merken. Aber Grundlagenforschung, Anwendungen, der Transfer in die Wirtschaft bilden eine Kette. An irgendeiner Stelle werden die Einsparungen spürbar werden.

«Forschen ist schliesslich kein Selbstzweck, sondern steht im Dienste der Menschen und der?Gesellschaft.»Detlef Günther

Das Sparprogramm sieht Abstriche bei der Beschaffung von ­Hochleistungsgeräten und bei Bau- und Sanierungsvorhaben vor. Wirdauch an effizientere Abläufe imForschungsbetrieb gedacht?
Da müssen wir über das Werteverständnis von Forschung sprechen. Wir haben Mathematik, Naturwissenschaften, Engineering und die Geistes- und Sozialwissenschaften. In der Organisation eines Instituts kann man Input und Output so optimieren, dass man grössere Effizienz erhält. Was Sie aber in der Grundlagenforschung nicht effizienter machen können, ist die aus dem Innern wachsende Motivation eines Forschungs­talents, neue Ideen zu kreieren. Wie soll man das monetarisieren? Man kann die richtigen Talente auszuwählen – was die ETH bisher mit Erfolg gemacht hat.

Die Schweiz hat das Protokoll zur Personenfreizügigkeit mit Kroatien unterschrieben. Der künftige Status der Schweiz im Forschungsprogramm Horizon 2020 ist dennoch offen. Nach dem Brexit-Entscheid erst recht. Gibt es einen Plan B, wenn die Zusammen­arbeit auch im nächsten Jahr beschränkt ist?
Ich persönlich bin grundsätzlich nicht für allzu viele Alternativpläne. Die Leute, denen zu viele B- und C-Pläne unter die Nase gerieben werden, glauben nicht mehr an Plan A. Wir müssen alles daran setzen, das Beste aus der Situa­tion zu machen.

Was ist denn das Beste?
Exzellente Forschung braucht Wett­bewerb und der beste Wettbewerb in Europa sind die Grants, die vom Europäischen Forschungsrat (ERC) vergeben werden. So können wir herausfinden, was unsere Forschung im europäischen Vergleich taugt. Zudem müssen unsere Forschenden Zugang zu grossen Forschungs­projekten haben, und wer da draussen ist, ist nun mal draussen.

Wird nicht auf hohem Niveau ­gejammert?
Entscheidend ist das Resultat. Forschung und Innovation sind nicht wie Kühe, die nichts mehr zu fressen kriegen und keine Milch mehr geben. Es wird also nicht heute oder morgen alles anders, aber Einsparungen haben Konsequenzen. Wenn die Schweiz stolz darauf ist, dass die ETH und andere Hochschulen in manchen Forschungszweigen weltweit zuvorderst positioniert sind und die Industrie explizit ETH-Absolventen will, so muss sie dafür auch ein entsprechendes Budget sprechen.

Die Drittmittelquote könnte ­erhöht werden.
Drittmittel generieren nicht den Overhead, den es bräuchte, um die Infrastruktur aufrecht zu erhalten oder so schnell ausbauen zu können, wie wir es bräuchten, um die Talente in den Projekten unterbringen zu können. Zudem ist die Schweiz zu klein, um immer neue Drittmittelquellen aufzutun. Der Drittmittelanteil liegt an der ETH bei 22 Prozent – das ist ein vernünftiger Rahmen.

Hat das Sparen einen Einfluss auf die Zahl der Spin-off-Gründungen?
Wir machen 90 bis 100 Patente im Jahr. Wenn daraus 20 bis 25 Firmen pro Jahr entstehen, haben wir eine Verwertung von 25 Prozent. Wenn wir diese Quote steigern wollten, dann müssten wir mehr Platz schaffen. Mehr Platz heisst künftig mehr Investitionen und Unterhalt, was nur mit einem höheren Budget möglich ist. Das haben wir nicht, also werden wir an Grenzen stossen.

Man hört die Kritik, die ETH ginge bei Spin-offs zu wenig Risiken ein.
Das mag stimmen, wenn wir uns mit anderen Regionen in der Welt vergleichen. Aber diese Regionen haben eine andere Geschichte und andere Rahmenbedingungen. Wir gehen unseren eigenen Weg und das oberste Ziel der ETH ist allein die Qualität. Hohe Risiken einzugehen und alle Entwicklungen am Geldwert zu messen ist für eine Hochschule gefährlich. Unser Ziel sind ausgezeichnete Grundlagenforschung und für die Gesellschaft Nutzen bringende Anwendungen, die Innovationen und Arbeitsplätze schaffen.

Die Gründung von Spin-off-Firmen wird aber immer mehr zum Aushängeschild einer Hochschule. Auch die ETH wirbt damit. Ist das ein Hype?
Das ist tatsächlich ein Hype. Den müssen wir aber nicht mitmachen. Die ETH hat bereits vor 20 Jahren begonnen, den Wissenstransfer konsolidiert aufzubauen. Die Grundlagenforschung bietet an verschiedenen Stellen wie eine gut ausgebaute Autobahn Ausfahrtsmöglichkeiten, nämlich für Anwendungen, die sich patentieren lassen. Früher haben die Forschenden vor allem publiziert, heute nehmen sie früher auch mal eine Ausfahrt – das ist gut so. Wir brauchen den internationalen Vergleich in Sachen neu gegründeter Spin-offs nicht zu scheuen.

Wie erreichen Sie das?
Wer aus der Grundlagenforschung heraus ein Produkt in einem Spin-off vermarkten will, wird über ein Förderprogramm unterstützt. Schafft das Projekt die Ziele in einem bestimmten Zeitraum nicht, wird es nicht mehr durch das Förderprogramm unterstützt. Im Erfolgsfall kommt es nach 18 Monaten zur Gründung einer Firma. Seit 2007 hatten wir über 20 Spin-off-Gründungen pro Jahr. Wir schauen einfach, wo ein Sprung in einer Technologie gemacht wird.

Sie sagen, man muss in die ­Grundlagenforschung investieren, um zu Topideen in den Hochschulen zu gelangen. Mit dem ­Sparprogramm gerät die Forschung unter Druck. Fehlt es an Lobbying in Bern?
Forschende werden ja nicht eingestellt, um Lobbying zu betreiben. Aber wir müssen die Politiker vermehrt an und in die ETH bringen, ihnen Experimente in den Forschungslaboratorien vorführen und erklären. Das ist keine Lobbyarbeit, sondern wir zeigen einfach, an was wir tagtäglich arbeiten. Dann hören und sehen sie direkt, was Forschung bedeutet und mit welchen Problemen wir kämpfen. Wahrnehmen überzeugt immer mehr als reine Fakten in Zahlen.

Diese Überzeugungsarbeit braucht Zeit. Haben Sie die?
So viel Zeit muss sein. Forschen ist schliesslich kein Selbstzweck, sondern steht letztlich immer im Dienste der Menschen und der Gesellschaft. Der Cybathlon, den die ETH am 8. Oktober veranstaltet, ist das beste Beispiel dafür. Technologien werden entwickelt, um Menschen mit Behinderungen zu unterstützen. Rund 60 Teams aus aller Welt gehen mit Begeisterung ans Werk. Warum sollten wir diese Begeisterung nicht auch bei Politikern erzeugen können?

Erstellt: 04.07.2016, 18:02 Uhr

Detlef Günther

Der Professor am ETH-Laboratorium für anorganische Chemie ist seit 2015 ­Vizepräsident für ­Forschung und Wirtschafts­beziehungen der ETH Zürich.

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