Leben auf dem Mond? So könnte es klappen

Die Europäische Weltraumorganisation träumt von einem Dorf auf dem Mond. Ex-Astronaut Thomas Reiter erklärt, wie das funktionieren könnte – auch ohne fixen Plan.

Vision einer künftigen Mondbasis, die mittels 3-D-Druck aus Mondgestein aufgebaut wird. Foto: RegoLight

Vision einer künftigen Mondbasis, die mittels 3-D-Druck aus Mondgestein aufgebaut wird. Foto: RegoLight

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Jan Wörner, der Direktor der Europäischen Weltraumorganisation (ESA), hat die Vision eines «Moon Village» der verschiedenen Raumfahrtnationen. Der ehemalige ESA-Astronaut Thomas Reiter erklärt im Interview, wieso der Mond für die Menschheit wichtig ist, was hinter der Idee eines Dorfes steckt, und was Menschen bräuchten, um auf unserem Trabanten überleben zu können.

Herr Reiter, die Apollo-Missionen brachten 382 kg Mondgestein auf die Erde. Bis heute gab es mehr als 100 Raumfahrtmissionen zu unserem Trabanten. Eigentlich müsste man denken: Der Mond ist ein alter Hut.
Ganz im Gegenteil. Es ist verblüffend, dass wir heute über unseren Nachbarplaneten Mars viel mehr wissen als über den Mond. Der Mars ist wegen der Möglichkeit, dass dort einmal primitives Leben existiert hat oder noch existieren könnte, stark in den Fokus der Wissenschaft geraten. Auf dem Mond ist Leben eher unwahrscheinlich. Nichtsdestotrotz ist der Mond ein sehr interessantes Himmelsobjekt.

Warum?
Der Mond ist gewissermassen ein Geschichtsbuch für die Entwicklung unseres eigenen Planeten und des Sonnensystems. Nach dem bestehenden wissenschaftlichen Verständnis ist der Mond vor etwa 4,5 Milliarden Jahren durch den Einschlag eines marsgrossen Asteroiden in die Ur-Erde entstanden. Im Mond ist dieser Urzustand quasi eingefroren. Denn auf dem Mond gibt es keine Plattentektonik. Viele Mondkrater, die man teils sogar mit blossem Auge erkennen kann, sind Milliarden Jahre alt. Daher kann man durch das Studium des Mondes einiges über die Entstehungsgeschichte unseres Planeten und des Sonnensystems lernen.

Welche Rolle spielt der Mond für die künftige Raumfahrt?
Wenn man dort tatsächlich grössere Wasserressourcen finden würde, könnte man auf dem Mond Wasser über Elektrolyse spalten und Sauerstoff zum Atmen sowie Wasserstoff als Treibstoff produzieren. Da auf dem Mond nur ein Sechstel der Schwerkraft der Erde herrscht, könnte man von dort aus wesentlich einfacher in die Tiefen des Weltraums vordringen, etwa zum Mars. Unser Mond wäre zugleich ein Testfeld, um die erforderlichen Technologien zur nötigen Reife zu bringen.

Der ESA-Direktor Jan Wörner hat das «Moon Village» ins Gespräch gebracht. Das hört sich an, als wolle man auf dem Mond eine kleine Siedlung aufbauen, so wie man sie von der Erde her kennt.
Auch bei uns hat der Begriff des «Moon Village» zunächst diese Assoziation geweckt. Tatsächlich geht es dem ESA-Direktor um etwas anderes: um eine neue Art der Zusammenarbeit der Raumfahrtnationen.

«An Bord der ISS können wir heute über 70 Prozent des Wassers rezyklieren.»

Also anders als zum Beispiel bei der Internationalen Raumstation ISS?
Ja. Ein Programm wie die ISS bedurfte einer enormen Abstimmung der 15 beteiligten Nationen. Es gab einen Masterplan. Das Konzept vom «Moon Vil­lage» kommt ohne Masterplan aus. Vielmehr soll die Exploration des Mondes so vor sich gehen, wie ein Dorf entsteht.

Da errichtet also jemand einen Bauernhof. Dann kommen ein paar Wohnhäuser dazu. Dann eine Kirche.
Genau. Das könnte ein Modell sein, wenn sich künftig mehrere Länder zum Mond aufmachen. Der exakte Plan wird nicht von Beginn an feststehen. Das Projekt soll sich entwickeln können. Wahrscheinlich wird man an einem Ort zusammenkommen, etwa am Südpol des Mondes, weil es dort wohl Wasser gibt, das man für den Betrieb des Monddorfes dringend braucht. Weitere Infrastrukturen werden sich dann entwickeln.

Wo sehen Sie die wesentlichen Herausforderungen, um zum Beispiel die Idee des «Moon Village» zu verwirklichen?
Eine grosse Herausforderung ist der Schutz vor der kosmischen Strahlung. Wenn man sich an Bord der ISS aufhält, ist man durch das Erdmagnetfeld immer noch relativ gut vor der Strahlung abgeschirmt. Auf dem Mond ist das nicht mehr der Fall. Insbesondere muss man sich dort vor den gefährlichen Sonnenstürmen schützen.

Man müsste sich quasi in den Mond eingraben.
Man untersucht in der Tat, ob man das Mondgestein, den Regolith, in einer Art 3-D-Druck aufschichten und mit einem Bindemittel verfestigen kann. So könnte man sich gegen Strahlung und gegen Mikrometeoriten schützen. Oder man nutzt bestehende Höhlen oder Lavakanäle.

Mondsiedler bräuchten auch Trinkwasser.
Wie bei der Energieversorgung geht es auch hier darum, die vor Ort vorhandenen Ressourcen zu fördern und in einen Kreislauf zu führen. An Bord der ISS können wir heute über 70 Prozent des Wassers rezyklieren. Das Ziel ist es, auf über 90 Prozent zu kommen. Solche Technologien möchte man dann auf dem Mond einsetzen und unter den etwas härteren Bedingungen testen.

Und die Atemluft?
Auf der ISS wird das Kohlen­dioxid aus der Luft gefiltert. Die Filter werden dann im Vakuum regeneriert. Das heisst: Man verliert das Kohlendioxid mitsamt dem Sauerstoff. Es gibt aber bereits sogenannte advanced closed loop systems. Damit wird zumindest ein Teil des Kohlendioxids über eine chemische Reaktion in Sauerstoff und Kohlenstoff aufgebrochen. Der Sauerstoff kann im Kreislauf bleiben. So muss man weniger dieser Ressource nachliefern. Entsprechende Technologien werden heute schon an Bord der ISS getestet.

Wie werden sich die Bewohner des «Moon Village» ernähren?
Auf der ISS versucht man zum Beispiel, Nutzpflanzen wie Salat und Tomaten in der Schwerelosigkeit zu züchten. Auch auf der Erde gibt es entsprechende Versuche. Das Deutsche Zentrum für Luft und Raumfahrt zum Beispiel züchtet Gemüse in der Antarktis, in einem vollkommen abgeschlossenen Container mit künstlicher Beleuchtung.

In welcher Hinsicht könnte der normale Erdenbürger von diesen Mond- und letztlich Marsmissionen profitieren?
In vielen Regionen der Erde ist es schwierig, eine vernünftige Wasserversorgung aufzubauen. Da könnten Technologien, mit denen auf dem Mond Wasser gewonnen werden kann, sehr hilfreich sein. Wir entwickeln diese Weltraumtechnologien eben auch mit dem Hintergedanken, dass sie Anwendungen hier auf der Erde haben könnten. Auch die Weltraumexperimente zur Pflanzenzucht könnten für die Erde nützlich sein.

Aber hier unten ist es doch viel einfacher, Pflanzen anzubauen als im Weltraum.
Das schon. Aber betrachten Sie zum Beispiel den Einfluss der Schwerelosigkeit auf Mechanismen wie den Gravitropismus und den Fototropismus: Warum richten sich Wurzeln immer nach unten in Richtung der Schwerkraft aus, die Pflanzen aber der Schwerkraft entgegen zum Licht? Wenn wir das besser verstehen, könnten wir durch eine entsprechende Modifikation von Nutzpflanzen das Wurzelwachstum verstärken. Dann würden Nutzpflanzen ihre Wurzeln möglichst schnell und tief in den Boden treiben und könnten dann auch in trockenen Regionen auf der Erde wachsen, in denen es heute schwierig ist, Landwirtschaft zu betreiben.

Was könnte nach Ihrer Ansicht in 50 Jahren auf oder beim Mond so vor sich gehen?
Ich weiss nicht, wie weit ich mich bei dieser Frage aus dem Fenster lehnen möchte. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass wir in der zweiten Hälfte des nächsten Jahrzehnts die Rückkehr von Menschen auf den Mond erleben werden. Und ich rechne fest damit, dass in den folgenden Jahren oder Jahrzehnten einige bemannte Mondstationen entstehen werden. Ich denke auch, dass es Beobachtungsplattformen auf der Rückseite des Mondes geben wird, wo die Teleskope nicht durch Signale von der Erde gestört werden. Sie könnten dazu dienen, potenziell bedrohliche Asteroiden möglichst frühzeitig zu erkennen.

Die Firma Lunar Embassy verkauft Grundstücke auf dem Mond. Wird es Zeit, sich die besten Bauplätze zu sichern?
Ich habe davon gehört. Aber ehrlich gesagt halte ich das nur für einen Marketing-Gag. Es gibt klare Vereinbarungen auf der Ebene der Vereinten Nationen, dass man auf dem Mond und auf anderen Himmelskörpern keinen Grund und Boden erwerben kann. Ich jedenfalls habe mir definitiv noch kein solches Grundstück auf dem Mond gesichert.

Erstellt: 03.05.2019, 09:25 Uhr

Langzeitflieger


Foto: Getty

Thomas Reiter (60) war von 1992 bis 2007 Astronaut der Europäischen Weltraumagentur ESA. In der russischen Raumstation Mir absolvierte er 1995/96 den ersten ESA-Langzeitflug überhaupt. Dabei unternahm er als erster Deutscher einen Weltraumausstieg. Auch auf der ISS war er 2006 der erste europäische Langzeitflieger.

Von April 2011 bis Dezember 2015 leitete Reiter das ESA-Direktorat für bemannte Raumfahrt und Missionsbetrieb mit Sitz im Europäischen Satellitenkontrollzentrum in Darmstadt. Heute ist Thomas Reiter ESA-Koordinator internationale Agenturen und Berater des Generaldirektors der ESA. (red)

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