EU-Gericht bremst neue Gentechnik

Der Europäische Gerichtshof hat entschieden, dass auch moderne molekulare Methoden streng reguliert werden müssen. Das Urteil schränkt den Spielraum des Bundesrats ein.

Feld mit Kartoffelpflanzen: Die nun regulierte Genschere Crispr/Cas würde Züchtern ungeahnte Möglichkeiten eröffnen.  Bild: Getty Images

Feld mit Kartoffelpflanzen: Die nun regulierte Genschere Crispr/Cas würde Züchtern ungeahnte Möglichkeiten eröffnen. Bild: Getty Images

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Der europäische Gerichtshof (EUGH) in Luxemburg hat ein wegweisendes, auch für die Schweizer Landwirtschaft relevantes Urteil gefällt. Demnach unterliegen Nutzpflanzen, die mit modernen gentechnischen Methoden wie etwa der Genschere Crispr/Cas gezüchtet werden, der Gentechnik-Richtlinie der EU. Das bedeutet: Hersteller der Sorten, die mit den neuen molekularen Verfahren gezüchtet werden und sich genetisch nicht von herkömmlichen Züchtungen unterscheiden lassen, müssen deutlich strengere Sicherheitsauflagen erfüllen und ein Monitoring und die Rückverfolgbarkeit sicherstellen.

Das Urteil kommt überraschend. Denn im Vorfeld des Entscheids hatte Michal Bobek, der Generalanwalt des EuGH, eine anders lautende Schlussempfehlung abgegeben. Für Bobek war dabei die sogenannte Mutagenese entscheidend, für die es seit jeher eine Ausnahmeklausel in der europäischen Freisetzungsrichtlinie gibt. Mutagenese bezeichnet die künstliche Erzeugung punktueller Änderungen im Genom eines Lebewesens. Solche Mutationen entstehen in biologischen Organismen auch ohne menschliches Zutun, durch Sonnenlicht zum Beispiel. Für die Pflanzenzüchtung sind sie zentral, denn nur Mutationen bringen neue Eigenschaften hervor.

Gewünschte Mutationen ohne Kollateralschäden

Mutationen werden daher seit Jahrzehnten in der Züchtung forciert, durch radioaktive Strahlung und chemische Substanzen (siehe Grafik). Solchermassen hervorgerufene Mutagenesen nennt man ungerichtet, weil zwar Tausende Mutationen auf einmal entstehen, aber ohne dass man wüsste an welcher Stelle des Erbguts. Das muss man dann erst mühsam über viele Kreuzungen herausfinden. Die neuen Gentechniken, zu denen das «Genome Editing» respektive die Genscheren zählen, können eine erwünschte Mutation direkt und gezielt im Erbgut erzeugen – ohne die Kollateralschäden von Strahlung und Chemie, und viel schneller.

Während die klassische Gentechnik in der Regel Pflanzen hervorbringt, die in der Natur kaum je entstehen könnten und deshalb klar unter die strenge Regulierung der europäischen und schweizerischen Freisetzungsrichtlinien für gentechnisch veränderte Organismen (GVO) fallen, haben Molekularbiologen inzwischen neue Techniken zur Veränderung von Erbgut entwickelt. Diese modernen Methoden wie Crispr/Cas erschweren die Kategorisierung. Zum einen, weil damit meist keine transgenen, also mit fremdem Erbgut aufgepeppten Pflanzen entstehen. Zum anderen, weil sich die Ergebnisse oft von konventionellen Züchtungen nicht unterscheiden lassen.

«Ich glaube nicht, dass die EU-Kommission die Richtlinien verändern wird.»Markus Hardegger, Bundesamt für Landwirtschaft

Auch deshalb überrascht der EuGH-Entscheid. Denn das Urteil hält fest, dass durch «Mutagenese gewonnene Organismen» als GVO gelten, «da durch die Verfahren und Methoden der Mutagenese eine auf natürliche Weise nicht mögliche Veränderung am genetischen Material eines Organismus vorgenommen wird». Diese Begründung widerspricht indes der Beurteilung der meisten Experten. So sagte zum Beispiel Frank Hartung vom deutschen Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen in Berlin gegenüber der Wissenschaftsplattform «Science Media Center»: «Mithilfe des Genome Editing ist es möglich, Pflanzen im Labor zu erzeugen, die sich nicht von Pflanzen unterscheiden, die durch Kreuzungen mit Wildarten oder anderen Sorten erzeugt wurden, oder die durch nicht regulierte Mutagenese-Techniken wie Bestrahlung hergestellt wurden.» Auf der gleichen Plattform lässt sich auch Urs Niggli, Direktor des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL) in Frick, zitieren: «Bei den neuen Züchtungstechniken wie Crispr/Cas wird mit Mutationen gearbeitet, die auch durch natürliche Brüche in der DNA entstehen.»

Französische Bauern reichten Klage ein

Die EU-Kommission in Brüssel sollte eigentlich schon 2015 beraten, wie mit den neuen Methoden rechtlich umzugehen sei, doch ein Termin nach dem anderen wurde verschoben. Zugleich entwickelten Gentechniker die Crispr/Cas-Technologie immer weiter. Diese kostengünstige Genschere ist zwar nicht das einzige Verfahren, um das nun gestritten wird. Doch hat Crispr/Cas die Lebenswissenschaften in den vergangenen fünf Jahren revolutioniert und Pflanzenzüchtern ungeahnte Möglichkeiten eröffnet.

Für manche zu viele. Im Herbst 2016 wandte sich die ökologische Bauerngewerkschaft Confédération Paysanne mit acht weiteren Bio-Verbänden an das oberste Gericht in Frankreich. Sie alle verlangten, die neue Gentechnik im Sinne der bestehenden Gesetze als Gentechnik zu regulieren. Das französische Gericht reichte die Klage an den Europäischen Gerichtshof weiter, der sie nun gutgeheissen hat. Die Bauern haben damit geschafft, was die Kommission in Brüssel verpasst hatte: eine Klärung herbeizuführen.

Das Urteil ist bindend für alle EU-Mitgliedsstaaten sowie für die EU-Kommission. Zwar könnte die EU-Kommission das entsprechende Recht oder die Richtlinien verändern, doch der Aufwand dafür sei gross, sagt Markus Hardegger, Leiter Fachbereich Genetische Ressourcen und Technologien beim Bundesamt für Landwirtschaft (BLW). «Ich glaube nicht, dass sie das aufgrund der politischen Lage machen werden.»

Grafik: Unterschied zwischen der traditionellen und der Genschere-Methode Grafik vergrössern

Für die Schweiz bedeutet das Urteil laut Hardegger in erster Linie: Es besteht nun Rechtssicherheit. Allerdings wird der Bundesrat bei seinem für Ende Jahr erwarteten Grundsatzentscheid zu den neuen Methoden eingeschränkt. Ein Alleingang in Europa, also ein weniger regulierter Umgang, oder gar der amerikanische Weg – in den USA unterliegen Gen-editierte Pflanzen gar keiner Regulierung – sei fast undenkbar. Mit anderen Worten: Auch hierzulande werden Pflanzensorten, die mit neuen molekularen Methoden wie Crispr/Cas gezüchtet worden sind, künftig wie GVO-Sorten behandelt.

Während Europa die neuen Technologien ausbremst, geht anderswo die Entwicklung neuer Pflanzensorten rasant voran. In den USA, wo gen-editierte Pflanzen nicht wie GVO reguliert werden, wachsen bereits mindestens fünf derart gezüchtete Sorten auf den Äckern – beispielsweise dürre- und salzresistente Soja, Leindotter mit einem erhöhten Ölgehalt oder Speisepilze, die nicht braun anlaufen. Gerade weil die Technologie günstig und einfach zu handhaben ist, sind den Ideen der Forscher kaum Grenzen gesetzt.

Die Warenflüsse sind schwer zu kontrollieren

Zudem sind die neuen Technologien nicht nur für Agromultis wie Bayer (mit Monsanto) oder Syngenta attraktiv, sie bieten auch kleinen Unternehmen oder gar landwirtschaftlichen Genossenschaften die Chance, eigene angepasste Sorten zu entwickeln. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die neuen Sorten wie konventionelle Züchtungen behandelt werden. Für GVO-Sorten steigen die Kosten für Risikoanalysen, Monitoring etc. schnell ins Unermessliche.

Derweil stellt sich die Frage, wie künftig ganze Warenflüsse oder auch schon nur einzelne Sorten kontrolliert werden können. Denn weil die Technologie im Erbgut der editierten Pflanzen praktisch keine Spuren hinterlässt, sind mit Crispr/Cas gezüchtete Sorten in der Regel nur sehr schwer nachzuweisen. «Mit einem gewissen Aufwand ist das bei Einzelpflanzen möglich», sagt Hardegger vom BLW. «Aber bei einer Mischung haben sie praktisch keine Chance.» Langfristig sei es nicht auszuschliessen, so Hardegger, dass solche Pflanzen oder Produkte auch in die Schweiz gelangen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.07.2018, 21:16 Uhr

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