Leben in der Recyclingwohnung

Die neuste Einheit im Forschungsgebäude «Nest» in Dübendorf wurde ausschliesslich aus wiederverwertbaren oder kompostierbaren Materialien erbaut.

Ein modulares Versuchs­labor für ökologisches Bauen und Wohnen: Das Nest der Empa in Dübendorf. Foto: Keystone

Ein modulares Versuchs­labor für ökologisches Bauen und Wohnen: Das Nest der Empa in Dübendorf. Foto: Keystone

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Sein Geist ist unermüdlich. «Ich wälze ständig Ideen im Kopf», sagt Reto Largo. Sein Büro ist eine einzige Ver­suchsanlage. Das Pult lässt sich mit einer Gasfeder hochfahren. An der Wand dämpfen Teppiche die Geräusche. Im Sit­zungszimmer stehen Sperrholzmöbel, an einer Schiene hängen fahrbare Steck­dosen. Und der Mann sagt: «Ich habe den spannendsten Job auf diesem Planeten.»

Reto Largo, 50, ist Geschäftsführer im Nest. Das Wort ist eine Abkürzung für «Next Evolution in Sustainable Building Technologies» und heisst auf Deutsch: Entwicklung von nachhaltigen Gebäude­technologien. Diese Worte stehen für ein Gebäude, das weltweit einzigartig ist und die Innovationskraft der Schweiz symbo­lisiert. Im Nest, das zur Materialprüfungs- und Forschungsanstalt Empa in Düben­dorf ZH gehört, werden in Einheiten auf drei Plattformen neue Materialien und Technologien weiterentwickelt. Mit dem Ziel, in Zukunft umweltschonender zu bauen, Materialien wiederzuverwerten und Energie zu sparen. Getragen wird das Nest von Forschung, Wirtschaft und öf­fentlicher Hand. Rund 100 Firmen ma­chen mit. Laufend werden neue Einhei­ten, die Units, auf die Plattformen gebaut. «Das Nest ist ein belebtes Labor», sagt Reto Largo. «Hier können wir zeigen, wie nachhaltige Technologien funktionieren, und helfen mit, diese schneller auf den Markt zu bringen.»

Reto Largo öffnet die Türe zur Unit «Urban Mining & Recycling». Ein feines Lächeln huscht über sein Gesicht. «Ich würde gern hier einziehen», sagt Largo. «Denn ich weiss, wie ökologisch der Bau ist.» Diese Einheit, die in Österreich vor­gefertigt wurde, ist die erste Wohnung, die vollständig aus wiederverwertbaren oder kompostierbaren Materialien gebaut wur­de. Die Wände bestehen aus Jeansstoff und Pflanzenfasern. Aus Lehm und Tetra­verpackungen. Aus Wolle und rezyklier­ten Backsteinen.

Vollständig aus wiederverwertbaren Materialien gebaut: Das Wohnmodul «Urban Mining und Recycling». Foto: Keystone

Die Teppiche sind geleast und werden später an die Herstellerfirma zurückgegeben, die sie wiederverwendet. Die Abdeckungen in der Küche und die Duschkabinen im Bad wurden aus rezy­kliertem Glas gefertigt. Die Türgriffe stammen aus einer alten Bank, die Kup­ferplatten an der Fassade aus einem Hotel. Für den Bau wurde weder Isolierschaum noch Leim verwendet. Alle Elemente sind gesteckt und geschraubt. «Zwei Arbeiter könnten die Wohnung mit einem Schrau­benzieher abbauen», sagt Reto Largo. Die Idee hinter der Innovation ist klar: «Wir wollen die Materialien nach dem Rückbau nicht wegwerfen», sagt Largo. «Wir wol­len sie sortenrein wiederverwerten.»

«Eine Wohnung aus wiederverwertbaren
Materialien kann jeder bauen.»
Reto Largo

Die Recyclingwohnung kann man nicht nur besichtigen. «Jeder kann sie realisie­ren», sagt Reto Largo. «Die meisten Mate­rialien können gekauft werden.»

Eine Abkehr von der Wegwerfmentali­tät ist ein Gebot der Stunde. Die Schweiz brauche pro Kopf rund 490 Tonnen Bau­material, sagt der Geschäftsführer. Zudem würden Rohstoffe immer knapper und teurer. «Deshalb müssen wir sparsamer mit unseren Ressourcen umgehen.»

Das Nest ist kein Luftschloss

Diese Philosophie und die realitätsnahe Umsetzung im Nest sorgen für weltweites Interesse. 1000 Besucherinnen und Besu­cher reisen pro Monat nach Dübendorf, um sich ein Bild vom belebten Labor zu ma­chen. «Es sind vor allem Experten aus dem Bau- und Energiebereich», sagt Reto Largo. Jeder Zehnte kommt aus dem Ausland. Und darum arbeitet Largo, der frühere Compu­teringenieur, auch als Reiseführer. «Ich zeige gern, was wir hier tun», sagt er. «Der Ort soll Menschen inspirieren.»

Das Nest ist kein Luftschloss. Es soll funktionieren und alltagstauglich sein. Darum gehen nicht nur Besucher ein und aus. Hier arbeiten Forscher, und es woh­nen im Gebäude auch zwei Personen. «Von ihnen erhalten wir Rückmeldungen über die Wohnqualität und über Mängel, die im Alltag auftreten», sagt Reto Largo.

Ökologisch durch und durch: Die Abdeckungen in der Duschkabine wurden aus rezykliertem Glas gefertigt. Foto: Keystone

Einer der Bewohner ist Sudheera Ni­malshantha, 25. Der Chemieingenieur aus Sri Lanka, der bei der Empa ein Prakti­kum macht, öffnet die Tür zu seiner Woh­nung. Nimalshantha lebt in einer Welt aus Holz. In der Unit «Vision Wood» werden neue Holzverarbeitungsverfahren unter­sucht. Die Wände sind aus Buchenholz und zeigen, dass man Buche nicht nur als Brenn-, sondern auch als Baustoff nutzen kann. In die Holztüren wurden Minera­lien eingebunden, damit sie weniger schnell Feuer fangen.

Die Türgriffe haben eine antimikrobielle Oberfläche und hal­ten Bakterien fern. Der Balkon ist aus Bambus und tragfähig wie Stahl. Sudheera Nimalshantha zog im letzten Oktober ein. «Ich bin stolz, hier zu wohnen», sagt er. «Ich darf neue Holzarten testen. Das ist ein Privileg.» Nimalshantha berichtet den Forschern, wie es sich wohnt und wo es hapert. Einmal ging die Heizung nicht. Zudem fallen die Magnete am metall­haltigen Anschlagsbrett ab. Doch das seien Kleinigkeiten, sagt Nimalshan­tha. «Die Wohnung ist genial», findet er. «Das Holz gibt mir ein Gefühl von Gemütlich­keit und sieht schön aus.» Er sei jetzt eine Laborratte, sagt Sudheera Nimalshantha. «Ich bin Teil eines Teams, das für eine bes­sere Zukunft forscht.»

Die Zukunft der Menschheit hängt unter anderem von einer sauberen Ener­giegewinnung ab. Das weiss auch Eva Li­pecki, 30, und tritt noch fester in die Peda­le. Zwei- bis dreimal pro Woche trainiert sie, die in der Kommunikationsabteilung der Empa arbeitet, im Fitnesscenter des Gebäudes. «Ich strample nicht nur für meine Gesundheit», sagt sie. «Ich leiste auch einen Beitrag für die Umwelt.» Die 100 bis 180 Wattstunden Energie, die sie beim Training erzeugt, werden als Strom ins Netz eingespeist. Würden die meisten Fitnessbesucher in der Schweiz auf sol­chen Geräten trainieren, könnten sie allein durch Muskelkraft Tausende von Lampen zum Leuchten bringen.

«Ich strample nicht nur für meine Gesundheit.
Ich leiste einen Beitrag für die Umwelt.»
Eva Lipecki, Mitarbeiterin der Empa

Der Grossteil des Energiebedarfs in der Fitness­unit im Nest wird über andere Innovationen gedeckt: Eine CO2-Wärmepumpe erzeugt die Wär­me für die drei Saunen. Und mit einer Photovoltaikanlage auf dem Dach und Solarpanels an den Fensterfronten wird Strom produziert. Das mache sich be­zahlt, sagt der Geschäftsführer. Ein her­kömmliches Fitnesscenter mit gleicher Grösse verbrauche pro Jahr etwa 120'000 Kilowattstunden Strom, rechnet Reto Lar­go vor. «In unserem Center wollen wir einen Sechstel dieser Energie verbrau­chen.» 2020 soll das ökologische Fitness­center marktreif sein. Erste Firmen – wie die Migros – haben Interesse angemeldet.

Aus Urin wird Dünger

Im Untergeschoss des Nest wird derweil an der Zukunft des Abwassers geforscht. Leitungen hängen an der Decke. In Tanks lagern Flüssigkeiten. Und mitten im Raum steht Umweltingenieurin Carina Doll, 28, vom Wasserforschungsinstitut Eawag. Sie hält eine Flasche in der Hand. «Das war einmal Urin», sagt Doll. «Jetzt ist es Dünger.»

Dann erklärt sie, wie die Umwandlung funktioniert. Über spezielle Toiletten werden im Nest Urin und Fäka­lien getrennt. In einem biologischen Pro­zess und durch Eindampfen wird Kunst­dünger hergestellt. «Diesen Dünger verkaufen wir unter dem Namen Aurin», sagt Doll. Das ist aber erst der Anfang. Carina Doll und ihr Team haben zudem ein Verfahren zur Aufbereitung von ge­brauchtem Wasser aus Bad und Küche entwickelt. Und sie tüfteln an einer weite­ren Innovation: Aus Fäkalien sollen ­Pellets zum Heizen gewonnen werden. «Abwas­ser soll nicht mehr Abfall sein», sagt Reto Largo. «Es wird zur Ressource.»

Im Nest wird aus Fiktion Realität. Zur­zeit bauen Roboter an einer neuen Unit. Und es entsteht eine Fassade, die Warm­wasser und Strom produziert. Tag für Tag sucht Reto Largo nach neuen Ideen und Leuten, die sie umsetzen. Und wer ihn nach seiner Traumunit fragt, bekommt zur Antwort: «Ich möchte ein aufblasbares Haus bauen. Das könnte man überall auf­stellen. Und wenn man es nicht mehr braucht, lässt man einfach die Luft raus.»

(Schweizer Familie)

Erstellt: 11.04.2018, 09:35 Uhr

Das innovative Versuchslabor

Das Nest, in dem nach­haltige Bau- und Energie­technologien entwickelt werden, ist das Aushän­geschild der Empa. 1880 als Materialprüfanstalt gegründet, ist die Empa heute ein modernes For­schungsinstitut. Sie arbeitet unter anderem an der Entwicklung neuer Materialien und nachhal­tiger Energiesysteme. Die Empa mit Standorten in Dübendorf, St. Gallen und Thun hat knapp 1000 Angestellte und verfügt über ein Budget von 178 Millionen Fran­ken.

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