Geschlagen, gemobbt, geköpft

Teils aus Angst vor Jobverlust, teils aus purer Freude am Zerstören: Physische Attacken von Menschen auf Roboter mehren sich.

 Hitchbot hätte per Anhalter durch die USA reisen und testen sollen, ob Roboter Menschen vertrauen können. Das ist ihm nicht gut bekommen. Foto: Sven Hoppe (EPA)

Hitchbot hätte per Anhalter durch die USA reisen und testen sollen, ob Roboter Menschen vertrauen können. Das ist ihm nicht gut bekommen. Foto: Sven Hoppe (EPA)

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Eigentlich wollte er nur per Anhalter quer durch die USA reisen und dabei den Times Square in New York, den Grand Canyon und andere Sehenswürdigkeiten besuchen. Doch dieses Vorhaben wurde am 1. August jäh gestoppt, als Unbekannte Hitchbot, den trampenden Roboter, mutwillig köpften und in Teile rissen. Seine Reise endete abrupt zwischen Mülltonnen in einer dunklen Strasse von Philadelphia.

Damit ging auch ein soziales Experiment zu Ende. Als solches wurde ­der ­Autostopp-Roboter von seinen beiden Machern Frauke Zeller von der Ryerson University und David Harris Smith von der McMaster University in Toronto konzipiert. Hitchbot sollte testen, ob ein Roboter den Menschen vertrauen kann.

«Physische Aggression gegenüber ­Robotern und Maschinen ist ein Phänomen, das bisher kaum erforscht ist», sagt Martina Mara, Leiterin des Fach­bereichs Robo-Psychology am Ars Electronica Futurelab in Linz. «Die Angst, dass autonome Technologien Arbeits­plätze des Menschen besetzen, kommt dagegen häufig vor und sollte darum ernst genommen werden.» Als Roboter-psychologin beschäftigt sich Mara vor allem mit der Frage, wie Maschinen menschenverträglich gestaltet werden müssen. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf dem Aussehen der Maschinen und ihrer Interaktion mit dem Menschen. Dass die Interaktion nicht immer friedlich verläuft, hat diverse Gründe.

Der Soziologe Matt Beane vom Massachusetts Institute of Technology hat beobachtet, wie Roboter in US-Spitälern gemobbt wurden. Sie waren gebaut worden, um die Mahlzeiten effizient auszuliefern, im Endeffekt ersetzten sie jedoch nach und nach Arbeitsplätze. Dies versetzte andere Angestellte derart in Rage, dass sie aggressiv wurden gegen die Maschinen. Sie schlugen, ­kickten und stachen die Roboter und beschädigten sie dabei. Oder sie hinderten die Maschinen einfach an ihrer Arbeit, indem sie diese zum Beispiel im Keller versteckten und einsperrten oder indem sie die Roboter von ihrer vorgeplanten Route abdrängten. Andere Arbeiter liefen langsam vor den Maschinen her, um deren Leistung zu sabotieren.

Roboter übernehmen Aufgaben

«Roboter werden zur Bedrohung», kommentiert Martina Mara den Fall, «vor allem wenn Menschen ohne ausreichende Vorinformation oder Übergangszeit durch Maschinen ersetzt werden.»

Sabotageakte gegen neue Technologien sind derweil alles andere als neu. In der Schweiz spielten sich vor fast 200 Jahren solche Szenen ab, die heute als Lehrbuchbeispiel dienen. 1832 wütete in ­Uster ein nicht zu bremsender Mob. Die Maschinenstürmer, bestehend aus Tüchlern und Heimfabrikanten, setzten die Fabrik von Corrodi und Pfister in Brand, eine mechanische Spinnerei und Weberei. Noch während das Feuer in der Fabrik um sich griff, kam es zu wüsten Schlägereien vor dem Gebäude. Der Schweizer Maschinensturm ging als Usterbrand in die Geschichte ein. Die Maschinenstürmer protestierten gegen die industrielle Mechanisierung.

In Zukunft werden Roboter und Computer vermehrt Aufgaben von Menschen übernehmen. Zukunftsforscher der Universität Oxford haben in einer aktuellen Studie gezeigt, dass in den kommenden zwanzig Jahren beinahe die Hälfte der heutigen Arbeitsplätze verloren gehen könnte. Die Wissenschaftler berechneten für 702 Berufsgruppen in den USA die Konkurrenzwahrscheinlichkeit, die von Robotern und Computern ausgeht.

Die sichersten Jobs sind demnach immer noch diejenigen Berufe, in denen soziale und kreative Kompetenzen wichtig sind. Sie lassen sich nur schwer durch eine Maschine ersetzen. Lehrer, Psychologen und Polizisten sind also kaum gefährdet, einfache Büroangestellte, Maurer und Köche dagegen sehr. Verständlich daher, dass nicht alle gleich gut auf Roboter und Computer zu sprechen sind. «Da man sich dem technischen Fortschritt kaum verschliessen kann, muss diskutiert werden, wie die Koexistenz von Mensch und Maschine künftig aussehen kann», sagt Mara.

Nicht immer jedoch sind Verlust­ängste der Auslöser für Handgreiflichkeiten gegenüber Robotern. In Japan drangsalierten Kinder in einem Einkaufszentrum kürzlich einen Shopping-berater in Form eines Roboters, wie Forscher berichten. Der Roboter wurde getreten, geschlagen, mit Plastikflaschen beworfen, als Idiot beschimpft und vor allem auch in seiner Fortbewegung gehemmt. Die Kinder selber sagten, sie hätten aus reiner Neugierde gehandelt. Ein Teil gab unumwun­den zu, dass sie den Roboter aus Freude zerstört hätten oder sich von Gleichaltrigen mitreissen liessen. «In ihrem Verhalten haben wahrscheinlich Neugierde, das Austesten von Grenzen, eventuell auch das Beeindrucken der Peergroup eine Rolle gespielt», sagt Mara.

Aber auch Erwachsene ticken manchmal so, glaubt die Roboterpsychologin. «Erwachsene versuchen ebenfalls, aus Spass Systeme, wie zum Beispiel die Spracherkennungssoftware Siri, zu überlisten. Dabei geht es manchmal auch nur darum, die eigene Cleverness gegenüber den Maschinen zu behaupten, aber auch um das Erkennen von Schwachstellen.»

Zu viel Realismus unerwünscht

Ein weiterer Grund für das von ­Robotern hervorgerufene Unbehagen ist sein Erscheinungsbild. «Besonders menschenähnliche Roboter wirken oft gruselig», sagt Mara. Eine wegweisende Hypothese zu diesem Phänomen stellte der japanische Robotiker Masahiro Mori schon 1970 auf und nannte sie den «Uncanny Valley»-Effekt, das Phänomen des «­unheimlichen Tals». Mori postulierte, dass die Akzeptanz von Robotern auf einer Skala von eindeutigem Maschinen-Äusserem bis zum perfekten Imitat bei nicht ganz perfekten Androiden rapide absinkt. Letztere lassen sich weder eindeutig als Mensch noch als Maschine kategorisieren. Menschen finden hochabstrakte, völlig künstliche Figuren anziehender und akzeptabler als Figuren, die zunehmend realistischer werden. Mit solchen Hybriden zwischen lebendig und leblos können sie nur schwer umgehen.

Auch in computeranimierten Filmen und Computerspielen ist das «Uncanny Valley» ein Thema. Trickfilmstudios wie Pixar oder Dreamworks umgehen das Problem, indem die Darsteller sich wie Menschen verhalten, aber optisch keine Menschen sind. Und Computerspielproduzenten lassen ihre Figuren in Masken, Rüstungen oder Raumanzügen antreten, da sie sonst künstlich wirken und darum die Spieler abstossen könnten.

Erstellt: 28.09.2015, 19:57 Uhr

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