Hier steht die Schweiz bei der Energiewende

Der Bund sieht den Umbau der Energieversorgung auf gutem Weg. Doch die Zahlen sind trügerisch: Die Schweiz könnte viel weiter sein.

Der Bund sieht den Umbau der Energieversorgung auf gutem Weg. Zumindest kurzfristig. Video: SDA

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Eine hoffnungsvolle Botschaft hat das Bundesamt für Energie (BFE) am Dienstag verkündet. Die Energiestrategie 2050 sei auf Kurs. Das ist das Fazit des ersten Monitoringberichts, der die Entwicklung der Energiestrategie 2050 bilanziert. Dieses Dokument hält fest, wie der Umbau der Schweizer Energieversorgung zwischen dem Jahr 2000 und Ende 2017 vorangeschritten ist. Die Untersuchungsperiode endet also kurz bevor das neue, vom Stimmvolk gutgeheissene Energiegesetz in Kraft getreten ist.

Die Ausgangslage sei «sehr gut» resümieren die Energiefachleute. Es habe sich die «nötige Dynamik» entwickelt, um den eingeschlagenen Pfad weiter zu verfolgen. Das zeigt sich laut BFE zum Beispiel im relativen Energie- und Stromverbrauch. Das neue Energiegesetz beschreibt Richtwerte zur Senkung des Energie- und Stromverbrauchs bis 2020. Die Schweizer Bevölkerung hat diese bereits übererfüllt. Sie verbraucht pro Kopf im Vergleich zu 2000 5 Prozent weniger Strom. Das sind 2 Prozentpunkte über dem anvisierten Ziel. Auch der Gesamtenergieverbrauch ist pro Kopf gesunken, und zwar um rund 16 Prozent. Auch dieser Wert ist besser als der im Gesetz festgeschriebene.

Steigender Stromkonsum

Diese Zahlen zeigen, dass der Energieverbrauch nicht im gleichen Masse zugenommen hat wie die wachsende Bevölkerung – die Energieeffizienz hat sich verbessert. Dennoch ist die Entwicklung mit Vorbehalt zu beurteilen. Gegenüber dem Jahr 2000 hat der Stromverbrauch um etwa 11 Prozent zugenommen.

Dabei soll die Energiestrategie auch zu Einsparungen im Stromkonsum führen, um die «Lücke» zu schmälern, wenn die Atomkraftwerke dereinst – wie vom Volk beschlossen – vom Netz gehen. Der Zeitpunkt ist zwar nicht festgelegt, aber mittelfristig wird rund ein Drittel der Schweizer Stromproduktion wegfallen und zu ersetzen sein. Hier fällt die Bilanz weniger positiv aus: Der technologische Fortschritt hat zwar zu Effizienzgewinnen geführt. Doch vor allem durch das Wachstum der Bevölkerung und der Wirtschaft ist dieser Bonus bereits wieder aufgebraucht.

Im Jahr 2045 werden – je nach Szenario des Bundesamts für Statistik – zwischen 9,4 und 11 Millionen Menschen in der Schweiz leben, also 0,9 bis 2,6 Millionen mehr als heute. Die Energieeffizienz muss also in den nächsten Jahren stark gesteigert werden.

Mehr Strom für Verkehr

In den letzten 17 Jahren ist der Stromverbrauch insgesamt zwar angestiegen, aber in jüngster Zeit trotz zunehmender Bevölkerung in etwa stabil geblieben. Doch neue Entwicklungen können die Situation wieder kippen: Das BFE geht davon, dass 2050 die Elektrofahrzeuge je nach Szenario zwischen drei und acht Terawattstunden Strom verbrauchen werden. Das ist fast dreimal die Menge, die das Atomkraftwerk Mühleberg, das im nächsten Jahr vom Netz geht, pro Jahr erzeugt.

Das BFE ist auch zuversichtlich bei der Entwicklung neuer erneuerbarer Energiequellen, die mittelfristig die Atomkraftwerke ersetzen sollen. Dazu gehören Sonnen- und Windenergie, Strom aus Kehrichtverbrennungs- und Holzfeuerungen sowie Biogasanlagen. Diese Quellen sind seit dem Jahr 2000 ergiebiger geworden. Im letzten Jahr lieferten sie gemäss dem Monitoringbericht 3653 Gigawattstunden (GWh) Strom, das sind gut 6 Prozent der gesamten Stromproduktion.

Das BFE geht in den nächsten Jahren von einer ähnlichen Zubaurate aus wie in den letzten sieben Jahren und strebt einen Zuwachs gegenüber 2010 um rund 3000 GWh an. Damit würde der Richtwert von 4400 GWh bis 2020 erreicht. Bis 2035 soll sich die Menge an neuer erneuerbarer Energie auf 11’400 GWh erhöhen. Ob das realistisch ist, wird sich in den nächsten Jahren zeigen. Im Vergleich: Atomkraftwerke stellten im letzten Jahr 19’500 GWh Strom her.

Entscheidend ist die Sonne

Mehr als die Hälfte der Energiemenge, die im letzten Jahr aus erneuerbaren Quellen floss, stammt von der Fotovoltaik. Kehrichtverbrennungsanlagen produzierten zwar 30 Prozent des Stromes, doch die Zukunft gehört der Solarenergie. Die Entwicklung könnte allerdings deutlich schneller voran gehen. Im letzten Jahr wurden rund 12’000 Anlagen gebaut, um etwa 300 Gigawattstunden Strom zu produzieren.

Das bedeutet: Es wurden vor allem Kleinanlagen errichtet. «Es gab einen massiven Einbruch bei Grossanlagen», sagt David Stickelberger, Geschäftsleiter des Schweizerischen Fachverbands für Solarenergie Swisssolar. Der Grund: Es fehlte im Topf der kostendeckenden Einspeisevergütung (KEV) entsprechend Fördergeld. Dafür profitierten Ersteller von Kleinanlagen von einer einmaligen Förderung, die etwa 25 Prozent der Investitionskosten beträgt. Doch das grosse Interesse für die Fotovoltaik hängt auch damit zusammen, dass die Solarmodule inzwischen deutlich billiger geworden sind.

«Mehr Bürokratie relativiert die Preissenkungen für Fotovoltaikmodule.»David Stickelberger, Swissolar

Für Grossanlagen erwartet Stickelberger für die nächsten Jahren wieder einen Aufschwung. «Die Wartefristen für Einmalvergütungen für Grossanlagen sind von sechs auf unter drei Jahre deutlich gesenkt worden», sagt der Geschäftsleiter von Swissolar. Skeptisch ist er jedoch gegenüber der im nächsten Jahr vorgesehenen Absenkung der Einmalvergütung um 15 Prozent. Zwar sind die Investitionskosten für Solarmodule deutlich gesunken.

«Leider wurden die Preissenkungen für Fotovoltaikmodule durch den zunehmenden bürokratischen Aufwand wieder wettgemacht», sagt Stickelberger. Heute müssten Installateure pro Anlage etwa 12 Formulare meist in Papierform ausfüllen. «Das verursacht 15 bis 20 Stunden Arbeit.» Swissolar ist daran zusammen mit den entsprechenden behördlichen Stellen, die Bürokratie zu vereinfachen.

Windkraft ohne Chance

Beim Umbau der Energieversorgung, so scheint es, spielt die Fotovoltaik die Hauptrolle. Denn es sind noch keine 40 grossen Windanlagen in Betrieb, in den letzten 2 Jahren sind keine neuen dazugekommen. Der Anteil an den alternativen Energiequellen betrug 2017 knapp 4 Prozent. Die Vereinigung Suisse Eole zeigt sich darüber besorgt. Sie fordert unter anderem eine Beschleunigung der Verfahren sowie ein Nachfolgemodell für das Förderinstrument der kostendeckenden Einspeisevergütung.

Ab 2023 werden keine neuen Projekte mehr in die KEV aufgenommen. «Die Windenergie wird wie die Wasserkraft oder Biomasse aber weiterhin auf staatliche Unterstützung angewiesen sein, um den Ausbau vorantreiben zu können», sagt Suisse-Eole-Sprecher Benjamin Szemkus.

Noch prekärer sieht es bei der Tiefengeothermie aus. Die Energiestrategie 2050 des Bundes rechnet mit einem Potenzial von 4,4 Terawattstunden (TWh) Strom für diese Form der Energiegewinnung. Das sind etwa 8 Prozent des Stromverbrauchs in der Schweiz. Bisher hat sich jedoch noch keine Kilowattstunde ergeben. Der Bundesrat will zwar für Projekte mehr Fördergelder sprechen.

Das grössere Problem ist jedoch die Akzeptanz in der Bevölkerung. Das Unternehmen Geo-Energie Suisse plant das einzige Projekt in der Schweiz in der jurassischen Gemeinde Haute-Sorne. Das Vorhaben ist aber durch eine Einsprache beim Bundesgericht blockiert. Es wird massgebend sein, ob in der Schweiz je Strom durch Energie aus dem Untergrund produziert wird.

Erstellt: 20.11.2018, 20:08 Uhr

Energiehunger bleibt gross

Der Hunger nach Energie in der Schweiz ist zwischen 2000 und 2017 nicht kleiner geworden. Im Gegenteil, er hat sogar – wenn auch nur leicht – zugenommen. Klimapolitisch ist bedeutsam: Vom Gesamtenergieverbrauch machten Brenn- und Treibstoffe letztes Jahr mit 418'000 Terajoule noch immer rund die Hälfte aus. Im Jahr 2000 waren es noch 502'000 gewesen. Das ist zwar immerhin ein Rückgang von 17 Prozent, allerdings hat er sich seit 2014 verlangsamt.

Dass die Einsparungen nicht grösser sind, liegt vor allem am Verkehr. Der Treibstoffverbrauch ist seit 2000 stabil, weil die wachsende Autoflotte die Effizienzgewinne wettmacht. Anders sieht es mit minus 40 Prozent bei den Brennstoffen aus. Experten erklären dies unter anderem mit der C02-Lenkungsabgabe, die nur auf Brennstoffe erhoben wird. Die Schweiz ist noch immer von fossiler Energie stark abhängig. Der Weg ins post-fossile Zeitalter ist lang. Im Pariser Klimavertrag hat sich die Schweiz verpflichtet, mitzuhelfen, die Erderwärmung auf möglichst 1,5 Grad zu begrenzen. (sth)

Bessere Netzplanung

Die Energiestrategie 2050 verlangt nach einem Stromnetz, das für die künftigen Belastungen ausgelegt ist. Der Winter 2015/16 hat zum Beispiel gezeigt, dass das Übertragungsnetz entlastet werden könnte, wenn im Winter mehr zusätzlicher Strom im Mittelland zur Verfügung stünde. Die nationale Netzgesellschaft hat dafür eine strategische Netzplanung vorgelegt. Einsprachen haben teilweise jahrelang verschiedene wichtige Ausbauprojekte blockiert.

Mitte 2019 tritt eine Gesetzgebung in Kraft, die Bewilligungsverfahren straffen soll. Projektverzögerungen wie der Bau der Höchstspannungs-Freileitung von Chamoson nach Chippis sollen demnach nicht mehr in diesem Ausmass vorkommen. Beschwerden haben die Realisierung jahrzehntelang behindert. Ohne diese Leitung können nur rund zwei Drittel der Stromproduktion aus der Walliser Wasserkraft ins Mittelland transportiert werden. Zum Beispiel Strom vom erweiterten Pumpspeicherkraftwerk Nant de Drance, das 2019 ans Netz geht. Die Freileitung soll nun 2021 in Betrieb gehen. (lae)

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