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Hightech, angebohrt

Schwereloses Sperma, fernvermessene Tiere, Löcher in der ISS: Im Weltraum tut sich Ungeheuerliches.

Das Loch war klein, nicht mehr als zwei Millimeter im Durchmesser, doch das genügte. Die Internationale Raumstation (ISS) registrierte gefährlichen Druckabfall.

Vergangene Woche nun wurde das Loch von der amerikanisch-russisch-deutschen Besatzung wacker gestopft, aber zurück bleibt ein ungutes Gefühl. Wie ist das Loch in die Aussenhülle von Modul Sojus MS-09 gekommen? Einschlag eines Mikrometeoriten? Schlamperei bei der Montage auf Erden? Russische Medien verbreiten bereits den Verdacht, die US-Astronauten hätten das Loch absichtlich gebohrt, um einen Abbruch des Einsatzes und die verfrühte Heimreise zu erzwingen (diese Zeitung berichtete). Es wird kälter im All.

All der Knatsch lenkt ab von der wahren Arbeit der ISS-Crew, auf die sie sich nun wieder konzentrieren darf. Gespannt ist man beispielsweise auf die Auswertung der menschlichen Spermaproben, die amerikanische Astronauten von Februar bis August im All aufgetaut haben. Die Nasa-Mission Micro-11 will so austesten, ob wir uns im Weltraum natürlich fortpflanzen könnten.

Sollte es Probleme geben, müssen die Kolonialpläne für den Mars neu gedacht werden. Und selbst wenn das Sperma sich im All wie gewünscht verhält, bleiben uns noch reproduktionstechnische Herausforderungen. «Wenn Menschen beginnen, Kinder auf dem Mars zu bekommen, wo man nur etwas mehr als ein Drittel seines ursprünglichen Körpergewichts wiegt, stellt sich die Frage, wie diese jungen Lebensformen heranwachsen werden», sagte der US-Astronom Neil Comins letztes Jahr der «Deutschen Welle». Hallo, Marsmenschlein.

Theoretisch liessen sich solche aus dem Weltraum ortbare Sender auch menschlichen Migranten anheften.

Mindestens so faszinierend wie Micro-11 ist das deutsch-russische Tierbeobachtungsprojekt Icarus. Vergangenen Monat haben zwei Astronauten nach jahrelanger Planung die Icarus-Antenne an der Aussenhülle der ISS angebracht. Sie soll bald Wildtiere auf dem Erdball orten: Forscher wollen Vögel und Säugetiere mit fünf Gramm schweren Mini-Sendern versehen und die Wanderbewegungen der Tiere aus dem All erfassen. Icarus steht für International Cooperation for Animal Research Using Space.

Die Wissenschaft verspricht sich von Icarus neben zoologischen Einsichten auch Frühwarnhinweise auf Naturkatastrophen. Die Viecher sind unruhig, etwas ist los. Auch Insektenplagen sollen so erkannt werden; Störche machen offenbar gerne Rast neben Heuschreckenschwärmen.

Zugvögel, Antilopenherden – alles blinkende Punkte auf dem grossen Display im Masterkontrollraum. Das Internet der Tiere. Theoretisch liessen sich solche aus dem Weltraum ortbare Sender auch menschlichen Migranten anheften, aber natürlich müsste man dafür ein bisschen mit den Grundrechten spielen. Sicher ist: Aus kosmischer Distanz scheint viel irdisches Gewusel mehr Sinn zu machen. Alles so schön übersichtlich. Bis irgendwer ein Loch bohrt.

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