«Hoch riskant und teuer: Die Atomenergie will niemand mehr»

Die Schweiz gehe nachlässig mit Atommüll um, sagt Marcos Buser. So schätzt der Geologe die Gefahr ein, die davon ausgeht.

«Die erneuerbaren Energien sind inzwischen unglaublich effizient», sagt der Geologe Marcos Buser. Foto: Urs Jaudas

«Die erneuerbaren Energien sind inzwischen unglaublich effizient», sagt der Geologe Marcos Buser. Foto: Urs Jaudas

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Marcos Buser, hätten Sie gedacht, dass Sie Müll Ihr Leben lang beschäftigen würde?
Nein. Niemand hat sich damals vorstellen können, dass das Thema der Entsorgung des Atommülls so lange ungelöst bleiben wird. Es geht wie bei der Klimaerwärmung um Abfälle. Ob die nun fest, flüssig oder gasförmig sind, ist unerheblich. Die Wirtschaft geht bis heute höchst fahrlässig mit deren Entsorgung um.

Vielleicht auch mal Thema für einen Schulstreik? Schliesslich geht es um die Sicherheit künftiger Generationen.
Absolut, ja. Ich hoffe, dass die Jungen mit ihren Aktionen den Produktionsprozess insgesamt in den Blick ­bekommen, sonst wird sich zu wenig ändern.

1968 war das Studium der Sozial­wissenschaften im Trend. Sie entschieden sich für Geologie. Deswegen?
Mich interessierten anfänglich die Sozial- und Geisteswissenschaften auch mehr. Aber dann entstand in den 70er-Jahren eine ähnliche Ökobewegung wie heute jene der Klimastreiks, und da spürte ich, dass mit der Frage des Atommülls ein eminent wichtiges ungelöstes Problem da war. Zur Lösung wollte ich als Geologe etwas beitragen, aber ich kam gleich von beiden Seiten unter Druck: Für die Atomlobby war ich ein Feind, dem man keine Aufträge oder gar eine Stelle gegeben hätte. Und für die Anti-AKW-Bewegung war ich ein Problemfall, weil ich bereit war, bei der Lösung zur sicheren Beseitigung von Atommüll mitzuhelfen.

Warum hat es die Schweiz in einem halben Jahrhundert nicht geschafft, den Nachweis für ein sicheres Endlager zu erbringen?
Die Stromwirtschaft hat das Thema von Anfang an massiv unterschätzt. Entsorgung kostet schliesslich nur, sie ist politisch unangenehm und man wusste, dass radioaktive Abfälle Ängste auslösen würden. Deshalb verharmlosten ihre Experten das Thema und beruhigten, man könne die Atomasche irgendwann später in den Untergrund versenken. Das war mehr Naivität und Nachlässigkeit als böse Absicht. Wie sträflich man das Problem unterschätzte, zeigte auch die fahrlässig errichtete Sondermülldeponie in Kölliken.

Befürworter der ­Kernenergie boten damals an, schwach- und mittelradioaktive Abfälle notfalls unter ihrem Bett zu lagern.
Das sagte Rudolf Rometsch, der damalige Präsident der Nationalen Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra). Sein Argument wirkt aus heutiger Sicht noch absurder. Es war plumpe Propaganda, die damals noch für wenig Aufruhr sorgte. Heute gäbe es einen Shitstorm, und so jemand wäre rasch weg vom Fenster.

Sie schreiben in Ihrem Buch, für die Nagra stünden die beiden Standorte für ein Endlager in der Schweiz längst fest: das Zürcher Weinland und der Bözberg.
Das ist schon seit 1988 klar. Geologisch ist dagegen auch nicht allzu viel einzuwenden, obschon die Quartärgeologie im Zürcher Weinland nicht ideal ist. Aber wie die Auswahl erfolgte, das war höchst manipulativ.

«Ich glaube, dass wir die Wende hinbringen, wenn die Wirtschaft ihre Verantwortung übernimmt.»

Weshalb?
Die anderen Standorte wurden nur alibimässig vorgeschlagen. Ziel zur Beseitigung hoch radioaktiver Abfälle war seit 1988 das Zürcher Weinland.

Nun will die Nagra den Nachweis für die sichere Endlagerung bis 2022 erbringen. Reicht diese Zeit?
Ursprünglich hatte die Nagra den sicheren Nachweis für 2014 vorgesehen, dann für 2016, jetzt soll der Sachplan 2030 vorliegen. Ich habe vor einem Jahrzehnt aber schon darauf hingewiesen, dass ein solcher Nachweis sehr viel mehr Zeit braucht. Das sieht die Nagra mittlerweile auch, sie tut aber so, als ob die Verzögerung aufgrund des komplexen Verfahrens nicht voraussehbar gewesen wäre. Dabei wäre es ein wichtiger Teil der Sicherheitskultur, auch Fehler zuzugeben.

Ein Endlager bräuchte die Mitsprache und die Zustimmung der betroffenen regionalen Bevölkerung. Ist unter diesen Voraussetzungen eine Zustimmung überhaupt realistisch?
Ich glaube schon. Der Verein «Klar» im Zürcher Weinland etwa ist inzwischen nicht mehr kategorisch gegen ein Tiefenlager, er verlangt aber eine langfristig tragfähige Lösung. Da hat ein Reifeprozess stattgefunden. Viele Menschen sind bereit, Hand für den Bau eines sicheren Endlagers zu bieten, auch im Hinblick auf die Sicherheit künftiger Generationen. Ob in einem so dicht besiedelten Gebiet wie dem Weinland aber je ein dauerhaftes Endlager gebaut wird, weiss ich nicht – vielleicht wird es dann bloss ein kontrolliertes Zwischenlager.

Eine europäische Lösung in einer strukturschwachen Region scheint aus Ihrer Sicht wahrscheinlicher?
Das wird Frankreich voraussichtlich ab 2030 im Nordosten, in Bure, betreiben. Aber auch dort muss man die Bevölkerung in den Entscheidungsprozess einbeziehen. Oft stellen Laien viel grundsätzlichere und unangenehmere Fragen als Experten, weil sie nicht eingebunden sind.

Welche Apokalypse halten Sie für die wahrscheinlichere: die Zerstörung der Erde durch den CO2-Verbrauch oder durch radioaktive Verstrahlung?
Ich bin kein Apokalyptiker und deshalb auch nicht grundsätzlich pessimistisch. Die Atombedrohung ist sicher am gefährlichsten, aber auch die Pestizide und alle organischen Belastungen stellen Bedrohungen dar. Man kann sie nur entschärfen, wenn man die industriellen Prozesse umbaut.

Trauen Sie das der Wirtschaft zu?
Ich glaube an die Aufklärung und daran, dass wir die Wende hinbringen, wenn die Wirtschaft ihre Verantwortung übernimmt.

Nach der Annahme des Energiegesetzes schien der Ausstieg aus der Atomenergie beschlossene Sache. Jetzt scheint plötzlich ein Wiedereinstieg möglich.
Nein, das denke ich nicht. Die Atomindustrie ist bedeutungslos geworden. Die erneuerbaren Energien sind inzwischen unglaublich effizient und haben hohe Wachstumsraten. Solar- und Windenergie, die intelligenten Speichersysteme werden sich sehr rasch entwickeln. Eine so hoch ­riskante Technik wie die Atomenergie, die ausserdem sehr viel teurer ist, will niemand mehr. Was sie am ­Leben erhält, ist einzig das militärische Interesse.

Das scheint aktueller als auch schon.
Es war immer aktuell. Weniger die Kündigung der Verträge zwischen den USA und Russland macht mir Sorgen, als dass weitere Staaten wie Saudiarabien, Nordkorea und der Iran auf dem Weg zu Atommächten sind. Heute kann man auch aus kleineren Reaktoren spaltbares Bombenmaterial gewinnen.

China plant mittelfristig rund 100 Kernkraftwerke.
China hat ein riesiges Problem mit der Luftverschmutzung in den Städten. Aber in den westlichen Gesellschaften wird die Atomindustrie keine Rolle mehr spielen.

Könnte die notwendige rasche Reduktion des CO2-Verbrauchs die Schweiz dazu bringen, die Laufzeit veralteter Atomkraftwerke zu verlängern?
Das wäre ein grosses Problem. Die Druckbehälter veralteter Reaktoren kann man nicht auswechseln. Schweden stand schon 2006 kurz vor einer Katastrophe im AKW Forsmark, bis zur Kernschmelze fehlten bloss 20 Minuten. Und dieses Land ist punkto Sicherheitskultur vergleichbar mit der Schweiz.

Gibt es heute irgendwo ein sicheres Endlager für radioaktive Abfälle?
Nein, nirgends. Es gibt zwei ehemalige Salzbergwerke in Deutschland, die dafür vorgesehen waren, und ein Lager in den USA für Abfälle aus den früheren Atomtests. Schweden und Finnland haben je ein Lager für schwach- und mittelaktive Abfälle errichtet. Ich war jetzt eben dort und bin erschüttert, was ich da gesehen habe. Ein Lager ist unter einem flachen Binnenmeer in 60 Meter Tiefe errichtet worden, da kommt Wasser rein – das soll angeblich sicher sein für 100'000 Jahre! Man argumentiert, dass sich das Wasser nicht bewege. Das ist so etwas von naiv und erinnert fatal an die Sonderdeponie in Kölliken.

Die Schweizer Atomlobby war einst mächtig, gut vernetzt mit Banken, Wirtschaftsverbänden und Politik. Wie stark ist dieses Netz heute noch?
Das Festungsdenken ist immer noch da: Eine Allianz der Stromunternehmen, reicher Kantone im Mittelland und der Wissenschaft hat sich abgeschottet. Neu ist, dass die militärischen Interessen und die Finanzindustrie nicht mehr daran beteiligt sind. Letztere hat sich zurückgezogen, als sie gemerkt hat, wie teuer ihr Engagement werden kann.

Warum ist bis heute weltweit keine Versicherung bereit, ein Atomkraftwerk für den Schadensfall unbegrenzt zu versichern?
Die Risiken sind derart hoch, dass ein grosser Unfall jede Versicherung ruinieren würde und die Rückversicherungen gleich mit. Versicherungen sind heute die grössten Alliierten der Umweltbewegung, weil sie errechnet haben, was auf dem Spiel steht.

Der Bund hat sich bis 2012 den Luxus geleistet, mit Ihnen einen Kritiker in der Kommission für nukleare Sicherheit zu haben. Bereuen Sie Ihren Abgang im Nachhinein?
Man meinte, mich einbinden zu können. Aber diese Kommission hat keine Macht. Sie müsste viel aktiver sein und auch bei der Vorsteherin des Departements Einfluss haben. Aber der aktuelle Präsident ist leider mutlos. Es ist ähnlich wie beim Skandal um die Postautos: Alle, die eingreifen könnten, nicken nur ab. Eine Kommission aus Experten müsste aber ihre Rolle als unabhängige Überprüferin wahrnehmen. Als mir ein ehemaliger Studienkollege die internen Dokumente der Nagra zeigte, sah ich, wie der Prozess manipuliert wurde. Man hat die Kommission zurückgestuft und ihre Mittel gekürzt.

Wie schätzen Sie Bundesrätin Simonetta Sommaruga ein, die dem Energiesektor vorsteht?
Ich sehe sie als moralisch integere Politikerin und traue ihr jene Unabhängigkeit zu, um die notwendigen Schritte zum raschen Ausstieg zu erkennen und die Altlasten aus 70 Jahren Atomwirtschaft zu beseitigen. Das habe ich ihrer Vorgängerin nicht zugetraut.

Erstellt: 22.06.2019, 10:54 Uhr

Der Nuklearexperte, der zum Whistleblower wurde

Marcos Buser, 1949 geboren, ist Geologe und Sozialwissenschaftler. Er beschäftigt sich seit vierzig Jahren mit der Nuklearenergie und war Experte in verschiedenen Gremien des Bundes. Kürzlich erschien sein Buch «Wohin mit dem Atommüll? Das nukleare Abenteuer und seine Folgen» (Rotpunkt-Verlag, 2019). (red)

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