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«Ich kann mir einen Strömungsabriss vorstellen»

Aviatik-Experte Hansjörg Egger über mögliche Absturzursachen der Ju-52 und welche Szenarien er ausschliesst.

Die Absturzstelle der Ju-52-Maschine liegt in unwegsamem Gelände am Piz Segnas oberhalb von Flims. (Video: Tamedia, SDA)

Die Ju-52 stürzte senkrecht ab. Auf was deutet dies hin?

Diese Art des Absturzes deutet auf einen Strömungsabriss hin, dabei wird der kritische Anstellwinkel der Tragfläche überschritten. Das Flugzeug hat dann zu wenig Auftrieb. Das kann etwa bei einer sehr steil geflogenen Kurve oder einem massiven technischen Defekt passieren.

Was ist eher wahrscheinlich?

Grundsätzlich kann ein technischer Defekt oder menschliches Versagen der Grund dafür sein. Wobei ich mir beides nur schwer vorstellen kann.

Demnach deutet vieles auf ein technisches Problem hin. Waren die hohen Temperaturen schuld einer möglichen Überhitzung der Motoren?

Auch das ist schwer vorstellbar. Schliesslich fliegen die Piloten in den Alpen auf einer gewissen Höhe mit tieferen Temperaturen als im flachen Gebiet. Zudem kennen die Piloten die thermischen Anforderungen und wissen, dass bei einer erhöhten Temperatur die Leistung des Flugzeugs leicht abfällt. Ich gehe davon aus, dass sie auch deshalb nach ihrer Zwischenlandung in Locarno nicht wieder aufgetankt haben. So ist das Flugzeug leichter und besser zu manövrieren.

Video – «Das Flugzeug ist nahezu senkrecht auf den Boden geprallt»

Erste Schlussfolgerungen: Daniel Knecht von der Schweizerischen Sicherheitsuntersuchungsstelle erklärt, was die Analyse der Unfallstelle ergibt. (Video: Tamedia, SDA)

Ist ein plötzlicher Ausfall der Motoren ein mögliches Szenario?

Auch das ist zu bezweifeln, gilt doch die Ju als eins der Flugzeuge, die man kaum zu Boden bringt, da sie so gute Segeleigenschaften hat. Selbst wenn alle Motoren aussteigen, kann man diesen Flugzeugtyp noch relativ sicher zu Boden bringen.

Waren unter Umständen massive Turbulenzen der Auslöser für den Absturz?

Tatsächlich kann es in den Alpen zu heftigen Abwinden kommen, welche das Manövrieren stark erschweren. Aber erfahrene Piloten sollten diese in der Regel handhaben können.

Derzeit gibt es Spekulationen, dass das Martinsloch für verhängnisvolle Turbulenzen gesorgt haben könnte.

Das mit den Wirbeln und Turbulenzen, ausgehend vom Martinsloch, tönt für mich reichlich abenteuerlich. Das könnte für einen Gleitschirm, der auf Tuchfühlung geht mit diesem Naturwunder oder es gar durchfliegen möchte, ein gewisses Problem darstellen, aber sicherlich nicht für eine Junkers Ju-52, die am Loch vorbeifliegt.

Die Ermittlungen seien «Detektivarbeit»: Helikopter fliegen von Flims zur Absturzstelle.  (5. August 2018)
Die Ermittlungen seien «Detektivarbeit»: Helikopter fliegen von Flims zur Absturzstelle. (5. August 2018)
Melanie Duchene, Keystone
«Gestern war der schwierigste und schwärzeste Tag in der 36-jähigen Geschichte der Ju-Air»: Kurt Waldmeier, Gründer und CEO Ju-Air an der Pressekonferenz am 5. August 2018.
«Gestern war der schwierigste und schwärzeste Tag in der 36-jähigen Geschichte der Ju-Air»: Kurt Waldmeier, Gründer und CEO Ju-Air an der Pressekonferenz am 5. August 2018.
Melanie Duchene, Keystone
Unter den Opfern befinden sich 8 Paare und 4 Einzelpersonen: Die Kantonspolizei informierte in Flims über die bisherigen Erkenntnisse zum Absturz. (5. August 2018)
Unter den Opfern befinden sich 8 Paare und 4 Einzelpersonen: Die Kantonspolizei informierte in Flims über die bisherigen Erkenntnisse zum Absturz. (5. August 2018)
Melanie Duchene, Keystone
«Den Einsatzkräften bot sich ein trauriges Bild»: Andreas Tobler, Chef Ermittlungsdienste der Kantonspolizei Graubünden an der Pressekonferenz. (5. August 2018)
«Den Einsatzkräften bot sich ein trauriges Bild»: Andreas Tobler, Chef Ermittlungsdienste der Kantonspolizei Graubünden an der Pressekonferenz. (5. August 2018)
Melanie Duchene, Keystone
«Es gab keine Fremdeinwirkung von aussen»: Daniel Knecht von der Sust am 5. August 2018.
«Es gab keine Fremdeinwirkung von aussen»: Daniel Knecht von der Sust am 5. August 2018.
Melanie Duchene, Keystone
Die Kantonspolizei Graubünden hat Aufnahmen der abgestürzten Tante Ju veröffentlicht.
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Kantonspolizei Graubünden
Alle 20 Insassen sind tot, wie die Kantonspolizei an einer Medienorientierung mitteilte.
Alle 20 Insassen sind tot, wie die Kantonspolizei an einer Medienorientierung mitteilte.
Kantonspolizei Graubünden
Erstes Bild des Unglücks: Bei Flims im Kanton Graubünden hat sich am Samstagnachmittag ein Flugzeugunglück ereignet.
Erstes Bild des Unglücks: Bei Flims im Kanton Graubünden hat sich am Samstagnachmittag ein Flugzeugunglück ereignet.
Leserreporter 20 Minuten
Eine Aufnahme der Absturzstelle am 5. August 2018.
Eine Aufnahme der Absturzstelle am 5. August 2018.
Arnd Wiegmann, Reuters
Die Absturzstelle am 5. August 2018.
Die Absturzstelle am 5. August 2018.
Arnd Wiegmann, Reuters
Die Rega sowie die Kantonspolizei Graubünden haben einen Einsatz am Piz Segnas bestätigt.
Die Rega sowie die Kantonspolizei Graubünden haben einen Einsatz am Piz Segnas bestätigt.
Screenshot Google Maps
Beim Absturz am Samstag könnten bis zu zwanzig Menschen ums Leben gekommen sein: Die Tschingelhoren, der Atlas und der Piz Segnas, v.l.n.r. (Archiv)
Beim Absturz am Samstag könnten bis zu zwanzig Menschen ums Leben gekommen sein: Die Tschingelhoren, der Atlas und der Piz Segnas, v.l.n.r. (Archiv)
Arno Balzarini, Keystone
Bis zu 17 Passagiere haben in einer Tante Ju Platz.
Bis zu 17 Passagiere haben in einer Tante Ju Platz.
20 Minuten Leserreporter
Gemäss der Kantonspolizei wurden die Einsatzkräfte mit Hubschraubern an den Absturzort geflogen: Der Piz Segnas und rechts hinten der Atlas. (Archiv)
Gemäss der Kantonspolizei wurden die Einsatzkräfte mit Hubschraubern an den Absturzort geflogen: Der Piz Segnas und rechts hinten der Atlas. (Archiv)
Arno Balzarini, Keystone
Informationen über den Unfallhergang und das Schicksal der Insassen sind noch nicht verfügbar: Piz Segnas, links, und die Tschingelhörner mit dem Martinsloch bei Elm und der markanten Linie der Glarner Hauptüberschiebung, einer geologischen Besonderheit in der Entstehung der Alpen. (Archiv)
Informationen über den Unfallhergang und das Schicksal der Insassen sind noch nicht verfügbar: Piz Segnas, links, und die Tschingelhörner mit dem Martinsloch bei Elm und der markanten Linie der Glarner Hauptüberschiebung, einer geologischen Besonderheit in der Entstehung der Alpen. (Archiv)
Gaetan Bally, Keystone
Auch zur Unglücksursache ist bislang nichts bekannt: Trinserhorn (Mitte) und Piz Segnas (links) aufgenommen vom Cassonsgrat oberhalb Flims. (Archiv)
Auch zur Unglücksursache ist bislang nichts bekannt: Trinserhorn (Mitte) und Piz Segnas (links) aufgenommen vom Cassonsgrat oberhalb Flims. (Archiv)
Arno Balzarini, Keystone
Bis am Sonntagabend ist der Luftraum über der Absturzstelle gesperrt: Bei der Maschine handelt es sich um die Ju-52 HB-HOT aus Dübendorf mit 17 Sitzplätzen.
Bis am Sonntagabend ist der Luftraum über der Absturzstelle gesperrt: Bei der Maschine handelt es sich um die Ju-52 HB-HOT aus Dübendorf mit 17 Sitzplätzen.
PD
Am Sonntagnachmittag werden Polizei und JU-AIR informieren: Eine undatierte Aufnahme eines Ju-52-Flugzeugs der JU-AIR in der Luft.
Am Sonntagnachmittag werden Polizei und JU-AIR informieren: Eine undatierte Aufnahme eines Ju-52-Flugzeugs der JU-AIR in der Luft.
Handout Ju-Air
Die Kantonspolizei Graubünden hat für Angehörige eine Hotline unter der Nummer 081 256 56 56 eingerichtet: Undatierte Aufnahme einer Ju-52.
Die Kantonspolizei Graubünden hat für Angehörige eine Hotline unter der Nummer 081 256 56 56 eingerichtet: Undatierte Aufnahme einer Ju-52.
Handout Ju-Air
Die Fluggesellschaft hat den Betrieb bis auf weiteres eingestellt: Undatierte Aufnahme von Ju-52-Flugzeugen der JU-AIR in der Luft.
Die Fluggesellschaft hat den Betrieb bis auf weiteres eingestellt: Undatierte Aufnahme von Ju-52-Flugzeugen der JU-AIR in der Luft.
Handout Ju-Air
Aufnahmen aus dem Inneren einer Ju-52 auf einem Instruktionsflug im März 2017.
Aufnahmen aus dem Inneren einer Ju-52 auf einem Instruktionsflug im März 2017.
Ruedi Baumann
Die Ju-52 hat drei unabhängige BMW-Motoren mit je 500 PS, die in Dübendorf gewartet werden.
Die Ju-52 hat drei unabhängige BMW-Motoren mit je 500 PS, die in Dübendorf gewartet werden.
Ruedi Baumann
Die Piloten sind meistens sehr erfahrene aktive oder pensionierte Berufspiloten.
Die Piloten sind meistens sehr erfahrene aktive oder pensionierte Berufspiloten.
Ruedi Baumann
Die «Grande Dame» der Luftfahrt,1936 in Dessau gebaut: Eine Ju-52 beim Frühlingscheck in einem Hangar der Lufthansa-Technik in Hamburg. (6. April 2016)
Die «Grande Dame» der Luftfahrt,1936 in Dessau gebaut: Eine Ju-52 beim Frühlingscheck in einem Hangar der Lufthansa-Technik in Hamburg. (6. April 2016)
Lukas Schulze, Keystone
Eine Junkers Ju-52 der Ju-Air steht im August 1989 an den Internationalen Flugtagen auf dem Flughafen Bern-Belp.
Eine Junkers Ju-52 der Ju-Air steht im August 1989 an den Internationalen Flugtagen auf dem Flughafen Bern-Belp.
Str, Keystone
2008 zierte die Tante Ju Wohlfahrtsmarken in Deutschland – Sonderbriefmarken für wohltätige Zwecke: Eine Ju-52 am 8. Juni 2008 auf dem Rollfeld des Flughafens Tempelhof in Berlin.
2008 zierte die Tante Ju Wohlfahrtsmarken in Deutschland – Sonderbriefmarken für wohltätige Zwecke: Eine Ju-52 am 8. Juni 2008 auf dem Rollfeld des Flughafens Tempelhof in Berlin.
Miguel Villagran, Keystone
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Und wie sieht es mit der Wartung aus?

Die Ju wird wohl wie kein anderes Flugzeug mit viel Know-how und Seriosität gewartet. Auch hier sind es vor allem sehr erfahrene Flugzeugmechaniker, welche diese schon seit Jahrzehnten kontrollieren und reparieren.

Wie erklären Sie sich, dass die Piloten keinen Notruf abgesetzt haben?

Das scheint eine der Fragen zu sein, welche man zum heutigen Zeitpunkt beantworten kann. Der Absturz ging schlichtweg zu schnell vor sich, zumal das Flugzeug ja auf einem Panoramaflug war und sich damit relativ nah am Boden befand. Die Piloten waren höchstwahrscheinlich damit beschäftigt, alles Mögliche zu unternehmen, um den Aufprall abzumildern, dass sie keine Zeit mehr hatten, einen solchen Notruf abzusetzen. Und dass es sehr schnell ging, zeigt sich am praktisch senkrechten Aufprall der Ju auf dem Hochplateau.

Ist das das Ende der Nostalgieflüge mit diesen Oldtimern?

Das glaube ich nicht, auch wenn die Angst vor einem solchen Flug sicher zunehmen wird. Entscheidend wird sein, was die Untersuchung der Schweizerischen Sicherheitsuntersuchungsstelle Sust ergibt. Und man darf nicht vergessen, dass die allermeisten Fluggesellschaften grössere und kleinere Unfälle verkraften mussten und trotzdem noch in der Luft sind.

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