Die Schweizer Landeskarte wird immer genauer, aber nie fertig

So exakt wie auf der neuen Landeskarte im Massstab 1:10'000 wurde die Schweiz noch nie dargestellt. Einige Details fehlen aber weiterhin.

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Die Schweizer Landeskarte im Massstab 1:25'000 ist der Inbegriff einer verlässlichen und schönen Karte. Generationen haben sich an das reiche Kartenbild gewöhnt. Mit der Landeskarte im Massstab 1:10'000 hat Swisstopo, das Bundesamt für Landestopografie, eine Karte geschaffen, die noch mehr Einzelheiten bietet. Der Unterschied zeigt sich etwa bei den Bahnhöfen, wo nun jedes einzelne Gleis sichtbar ist. Der Verlauf von Strassen und die Form grösserer Häuser werden exakter dargestellt. Zu sehen sind beispielsweise Schwimmbassins oder Tramhaltestellen.

Eigentlich sieht die Karte fast aus wie ein landesweiter Stadtplan. Dazu fehlt allerdings ein Element: Strassennamen. Aus den Daten des Eidgenössischen Gebäude- und Wohnungsregisters wird gegenwärtig eine gesamtschweizerische Liste der Strassennamen erstellt. Diese werde letztlich auch der Landeskarte 1:10'000 zugutekommen, sagt Ruedi Bösch, der Leiter Kommunikation bei Swisstopo. Der Bundesrat hat Swisstopo beauftragt, bis 2020 ein Strassen- und ein Gebäudeadressregister für das ganze Land zu schaffen. Deutschland ist in dieser Beziehung weiter, es gibt eine Karte der Bundesrepublik (Web Atlas DE), in der auf jede Quartierstrasse gezoomt werden kann, selbst die Hausnummern fehlen nicht. Stadtpläne von Schweizer Städten basieren auf den Daten der lokalen Vermessung und decken nicht das ganze Land ab.

Die Strassenbezeichnung ist Sache der Kantone. Im Topografischen Landschaftsmodell (TLM) von Swisstopo, der Datenbasis für die Landeskarten, figurieren 813'350 Strassen, davon haben 156'000 keinen Namen, in gewissen Kantonen jede zweite Strasse. Nicht jeder Feldweg braucht einen Namen, doch zu jeder Adresse muss künftig ein Strassennamen gehören. Die Gemeinden müssen fehlende Strassenbezeichnungen wo nötig festlegen. Bei Swisstopo machen sich die Fachleute Gedanken darüber, wie die Strassennamen dann in die vollautomatisch erzeugte Landeskarte 1:10'000 eingebaut werden sollen. Erste Erfahrungen sammeln sie mit Spezialstadt­plänen, die für die Armee produziert werden. Die Armee ist der grösste Kunde von Swisstopo (beide sind Teil des Verteidigungsdepartements) und hat vor Jahrzehnten schon Karten im Massstab 1:10'000 herstellen lassen. Diese sogenannten Festungskarten waren bis 2009 als geheim klassifiziert.

Noch mehr Informationen

Das Eidgenössische Gebäude- und Wohnungsregister (GWR) umfasste bisher nur bewohnte Gebäude, laut Gebäudestatistik des Bundes 1,7 Millionen. Als Auswirkung der 2012 vom Volk angenommenen Zweitwohnungsinitiative müssen nun alle Gebäude in das GWR aufgenommen werden und eine Identifikationsnummer erhalten. Die amtliche Vermessung erfasst landesweit 3,2 Millionen Objekte. Oberste Aufsichtsbehörde ist die Eidgenössische Vermessungsdirektion, die seit 1999 zu Swisstopo gehört.

Seither verschwimmt die Grenze zwischen den Daten, welche Geometer für die amtliche Vermessung im Gelände ­erheben, und den Landeskarten, die auf Luftbildern basieren. Letztlich soll es möglich sein, von den Liegenschaftendetails des Grundbuchs über die kommunalen Pläne und die kantonalen Geografischen Informationssysteme (GIS) bis zu den Landeskarten der verschiedenen Massstäbe nahtlos umzuschalten. Heute ist das erst zum Teil möglich. Die amtliche Vermessung arbeitet mit einem Massstab von 1:500 bis 1:5000 sehr exakt, stellt aber keine Landkarten her. Doch fliessen in diese Pläne immer mehr Zusatzinformationen der dritten Dimension ein.

Neu soll etwa das Stockwerkeigentum erfasst werden, auch ein landesweites Leitungskataster, das Auskunft über die Nutzung des Untergrundes durch Leitungen oder Geothermieanlagen gibt, ist in Vorbereitung. Die Landeskarte 1:10'000 wird jährlich aus den Daten des TLM-Modells erstellt, das laufend aktualisiert wird. Dies bedeutet nicht, dass die Karte quasi ein Live-Abbild des Landes zeigt. Wie bisher werden die Karten sektorweise alle sechs Jahre nachgeführt. Bis ein Einzelbaum, den der Wintersturm Burglind gefällt hat, aus der Karte verschwunden ist, kann es ein bis sechs Jahre gehen. Wichtige Veränderungen werden jedoch sofort einbezogen.

Neu soll auch die Nutzung des Untergrundes kartiert werden.

Ruedi Bösch von Swisstopo erwähnt als Beispiel die im Juli 2017 eröffnete Charles-Kuonen-Hängebrücke bei Randa im Kanton Wallis (mit 494 Metern die weltweit längste ihrer Art), die bereits in der Landeskarte 1:10'000 erscheint. Die im Dezember eröffnete Seilbahn von Schwyz nach Stoos, die steilste der Welt, ist schon in der Swiss TLM Map enthalten, sie wird in der Landeskarte bei der nächsten Aktualisierung erscheinen, auch wenn die volle Aktualisierung der Region noch nicht erfolgt.

Für die Nachführung nutzt Swisstopo zwei Vermessungsflugzeuge, die dem Bund gehören. Sie sind auf dem Militärflugplatz Dübendorf stationiert, werden von Piloten der Luftwaffe gesteuert und befliegen nach einem langfristigen Programm jährlich ein Drittel der Schweiz. Zwar wird die neue Karte automatisch erzeugt, doch Felszeichnungen müssen weiter von Spezialisten von Hand angefertigt werden. Das betrifft das Landschaftsbild, das sich durch den Rückzug der Gletscher verändert.

Mit Flugzeug schnell vermessen

Geometerbüros, die für die amtliche Vermessung tätig sind, arbeiten immer öfter mit Drohnen. «Drohnentechnik wird auch bei Swisstopo getestet und beobachtet», sagt Ruedi Bösch. Für die Nachführung der Landeskarte seien Drohnen aber nicht geeignet, vom Flugzeug aus lassen sich grosse Gebiete viel schneller vermessen. Satellitenbilder genügen in der Qualität noch nicht für alle Vermessungszwecke.

Einige Kantone setzen Satelliten und Drohnen aber schon ein, dies hilft der amtlichen Vermessung. Das ist auch höchste Zeit: Anno 1909 gab der Bundesrat den Geometern den Auftrag, innert 50 Jahren Grundbuchpläne über die ganze Schweiz zu erstellen. Heute sind zehn Prozent des Landes immer noch nicht nach den aktuellen amtlichen Standards vermessen. «Drohnen- und Satellitenbilder sind nützlich für die Bodenbedeckung, aber nicht für die Grundstückgrenzen», erklärt Ruedi Bösch. Die Bodenbedeckung ist Thema der sogenannten Arealstatistik des Bundesamtes für Statistik. Im Abstand von jeweils mehreren Jahren, ab 2019 in einem auf sechs Jahre verkürzten Takt, wird beobachtet, wie der Boden genutzt wird. Detailliert lässt sich dann auf der Karte verfolgen, wie Weiden durch Wohnblöcke oder Ackerland durch Industriequartiere abgelöst werden. Grundlage sind unter anderem die Luftbilder von Swisstopo.

Papierkarten weniger gefragt

Die Landeskarte 1:10'000 wird nicht auf Papier verkauft. Wer einen Ausschnitt braucht, kann ihn kostenlos über Map.geo.admin.ch herunterladen und ausdrucken. Die Karte ist für die digitale Nutzung ausgelegt und für die Weiterverwendung, zum Beispiel für thematische Karten. Das Geschäft mit gedruckten Karten ist rückläufig. Swisstopo verkaufte 2011 noch 700'000 Karten, seither schwankt der Absatz um die 500'000 Stück, je nach Bedarf der Armee. Eine Karte 1:10'000 auf Papier wäre unwirtschaftlich. «Im Massstab 1:25'000 decken 247 Blätter die Schweiz ab, im Massstab 1:10'000 wären wesentlich mehr Blätter nötig, die dann nur eine kleine Region zeigen», erklärt Ruedi Bösch. Auch die Armee setzt zunehmend auf digitale Produkte, verzichtet aber aus Sicherheitsgründen nicht auf Papierversionen. Unter Piloten wird diskutiert, ob Luftfahrtkarten auf Papier noch zeitgemäss seien. Die Meinungen gehen auseinander. Swisstopo wird jedenfalls weiterhin Papierprodukte anbieten, aufwendige und wenig gefragte Zusammensetzungen aber aus dem Sortiment nehmen.

Wenn die Landeskarte 1:10'000 schon so genau ist, kann man sie für die Navigation eines autonomen Fahrzeugs benützen? «Nein, dafür eignet sie sich nicht», sagt Bösch. Swisstopo war jedoch schon an Versuchen beteiligt und bietet den Positionierungsdienst Swipos an, mit dem die Daten der Satelliten­navigation verbessert werden. Zudem beliefert Swisstopo die Anbieter von Onlinediensten und Navigationssystemen mit Basiskarten. Der Benutzer erkennt das am kleinen Quellennachweis auf den Bildschirmkarten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.02.2018, 18:06 Uhr

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