In diesem Jahr fliege ich nicht

Wissenschaftler sollen beim Umdenken bei sich beginnen.

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Viele kennen diesen Zielkonflikt, aber auf uns Umweltwissenschaftlern lastet er besonders schwer: Flugreisen ermöglichen uns internationalen Austausch und direkte Erfahrungen von drängenden Problemen vor Ort, schädigen aber Umwelt und Klima. Um dem Dilemma zu entkommen, wage ich ein Experiment. Ich habe mir vorgenommen: In diesem Jahr fliege ich nicht.

Bis Ende Studium sass ich nie in einem Flugzeug und hatte keinen Fahrausweis. Das war damals, zumindest für einen Studenten der Umweltwissenschaften, nicht aussergewöhnlich. 15 Jahre später habe ich beruflich die Erde mindestens zehnmal umkreist, fliege regelmässig auf andere Kontinente und besitze Führerscheine dreier Länder. Das ist heute ebenfalls nichts Aussergewöhnliches, gerade in den Umweltwissenschaften.

Seit den 90er-Jahren hat sich das häufige Reisen in ferne Länder wie von selbst ergeben – es ist allseits akzeptiert und gehört zum Alltag. Aber: Fliegen ist nicht ökologisch und passt gleichzeitig perfekt zu Beruf des Umweltwissenschaftlers. Er lebt vom Drang, Neues zu entdecken, und vom Gedankenaustausch mit Kollegen aus anderen Kulturen.

Auf das Flugzeug zu verzichten, wird nicht einfach sein. Ich bin weiterhin für internationale Projekte verantwortlich. Ich habe bereits Einladungen für Vorträge abgelehnt und werde Verpflichtungen in einigen Gremien absagen müssen. Und ich weiss von interessanten Möglichkeiten für neue Projekte in verschiedenen Ländern. Ohne hinzufliegen, werden sich diese kaum ergeben.

Aber gerade weil es nicht einfach wird, interessiert es mich. Ich muss erfinderisch sein. Und das nicht nur, um gute Ausreden zu erfinden (dass ich nicht fliege, weil es dem Klima schadet, dürfte kaum als Entschuldigung gelten). Ich muss neue Arbeitsformen entwickeln. Vielleicht akzeptiert man mein Angebot, Vorträge an Tagungen per Skype zu halten. Das hat in der Vergangenheit schon funktioniert. Für die Forschungspartnerschaft der ETH auf den Seychellen planen wir virtuelle Arbeits- und Unterrichtsformen. Das internationale Bergprojekt Miren ist ein Vorbild: Ich koordiniere es seit zehn Jahren fast nur von zu Hause aus.

Die Pariser Klimakonferenz war ein Höhepunkt der Klimawissenschaften. 195 Staaten verpflichteten sich auf einen fundamentalen gesellschaftlichen Umbau. Nun treten wir aber in eine neue Phase. Es geht nicht mehr darum, Probleme zu erkennen, sondern sie zu lösen. Ab jetzt werden Wissenschaftler daran gemessen, ob sie ihre Forderungen nach radikalen Lösungen selber erfüllen können. Dafür ist das Fliegen ein gutes Testfeld. Es ist unwahrscheinlich, dass sich der Flugverkehr in den nächsten Jahrzehnten durch neue Technologien CO2-neutral gestalten lässt. Es braucht Verhaltensänderungen.

Die ETH soll nachziehen

Sollte daher die ETH die Flüge ihrer Mitarbeitenden und Studierenden begrenzen? Ich denke ja. Das wird zwar nicht einfach sein, birgt aber Chancen: Die ETH könnte Innovationskraft zeigen und Glaubwürdigkeit sichern. Wir können zeigen, dass ein ökologischer Umbau einer Institution möglich ist. Die ETH wird selbst zum Experiment. Denkbar wäre beispielsweise, die Flüge nach und nach zu reduzieren, um im Jahr 2040 noch ein Maximum von 10 Flügen pro Jahr für die gesamte ETH zu erreichen.

Wir werden erfinderisch sein müssen. Wir werden Kriterien für sinnvolles Fliegen bestimmen und neue Formen der internationalen wissenschaftlichen Zusammenarbeit entwickeln. Vielleicht werden sich auch neue Forschungsschwerpunkte ergeben, zum Beispiel ein verstärkter Fokus auf die Schweiz als Modellgebiet für eine gesellschaftliche Transformation hin zu einer nachhaltigen Zukunft.

Erstellt: 28.12.2016, 07:09 Uhr

Christoph Küffer

Der Umweltforscher ist Privatdozent am Institut für Integrative Biologie der ETH Zürich und Professor für Siedlungsökologie an der Hochschule für Technik in Rapperswil. Der Beitrag erschien zuerst im Zukunftsblog der ETH.

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