Jäger der verlorenen Gene

Der Paläogenetiker Svante Pääbo sagt, warum der Mensch sich im Vergleich zum Neandertaler besser artikulieren kann.

Am Anfang habe er einen Versuch mit einem Stück Kalbsleber gemacht, sagt Svante Pääbo. Foto: Urs Jaudas

Am Anfang habe er einen Versuch mit einem Stück Kalbsleber gemacht, sagt Svante Pääbo. Foto: Urs Jaudas

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Die Neandertaler sind nicht ausgestorben. «Ihre DNA lebt in den heutigen Menschen weiter – zumindest in Europa und Asien», sagt der berühmte Paläogenetiker Svante Pääbo. So trägt jeder von uns etwa ein bis drei Prozent vom Neandertaler in sich, wenn auch verteilt auf verschiedene Stellen im Erbgut. Noch immer erhält Pääbo Mails mit Bildern von Leuten, die glauben, dass sie selbst oder jemand, den sie kennen, mit dem Neandertaler grosse Ähnlichkeit hat. Es seien aber nicht mehr so viele wie im Jahr 2010, als er zusammen mit Kollegen das Neandertaler-Genom veröffentlicht habe.

Damals gelang Pääbo ein Geniestreich. Zusammen mit seinem Team knackte er nach jahrelanger mühseliger Arbeit den genetischen Code des vor 30'000 Jahren ausgestorbenen Steinzeitlers und verglich diesen mit demjenigen moderner Menschen. Anders als bislang vermutet, kristallisierte sich dabei heraus, dass Menschen und Neandertaler Sex miteinander hatten. Die Nachricht, dass sie es also doch getan hatten, verbreitete sich wie ein Lauffeuer und ging um die Welt.

«Einige berichteten sofort von der grossen Liebe», sagt Pääbo bei unserem Gespräch auf dem Kongress Basel Life von vergangener Woche. Doch dies gehöre ins Kapitel der Paläo-Romantik. Vielleicht habe es sich auch um eine Vergewaltigung gehandelt. Niemand könne dies genau wissen. Fest stehe lediglich, dass einige von ihnen sich vor mehr als 40'000 Jahren paarten und Kinder zeugten. Vermutlich in einer Region, die wir heute den Nahen Osten nennen. Danach trennten sich die Vorfahren von Europäern und Asiaten und zogen beide in unterschiedliche Richtungen weiter.

Zeitreise in Vergangenheit

Pääbo ist ein eloquenter Redner, der sich mit den Verzweigungen unseres Stammbaums bestens auskennt. In einem vollen Hörsaal des Congress Center Basel steht er nun vor rund 500 Zuhörern in legerem Look mit Hemd und Jeans hinter dem Stehpult, plaudert über unsere Vorfahren und deren Vettern, als seien es alles alte Bekannte. Zappt von Bild zu Bild und zeigt auf der Leinwand im Auditorium Knochenfragmente von Neandertalern und Frühmenschen, Fundorte in Rumänien und Sibirien, Wege der Migration nach der «Out of Africa»-Theorie und farbige Mosaikpuzzles von Milliarden sequenzierten Basenpaaren. In forschem Tempo rast er durch die Menschheitsgeschichte, strahlt aber gleichzeitig auch Gelassenheit aus. Als wenn er mitwandern würde, läuft er bei seinem Vortrag stets etwas hin und her.

 Jeder trägt ein bis drei Prozent der Gene des Neandertalers in sich. 

Der 62-jährige Professor gilt als der Papst der Paläogenetik. Der Mediziner ist der uneheliche Sohn des schwedischen Nobelpreisträgers Sune Berg­ström, den er zusammen mit seiner Mutter nur heimlich am Samstag treffen durfte. Denn sein Vater führte ein Doppelleben mit seiner offiziellen Familie. Wie wenig Pääbo ihn kannte, wurde ihm vor ein paar Jahren bei einem Spitalaufenthalt erneut klar. Dort bekam er aufgrund eines Blutgerinnsels das blutverdünnende Medikament Heparin, das ihm vermutlich das Leben rettete. «Erst im Nachhinein stellte ich fest, dass mein Vater 1943 die chemische Struktur dieses Vielfachzuckers aufgeklärt hatte», sagt Pääbo. Er versuche in seiner wenigen Freizeit deshalb vor allem für seine Ehefrau, die Primatologin Linda Vigilant, sowie für die beiden Kinder, die inzwischen 11 und 4 sind, da zu sein.

Pääbo hat eine steile Karriere hinter sich, die durch Meilensteine wie die Entschlüsselung der mitochondrialen Neandertaler-DNA im Jahr 1996 und die Sequenzierung des Neandertaler-Genoms gekennzeichnet sind. In seinem vor drei Jahren erschienenen Buch «Der Neandertaler und wir» beschreibt der Direktor des Max-Planck-Instituts in Leipzig aber auch den harten Konkurrenzkampf, als Erster zu publizieren. Ein solches Kopf-an-Kopf-Rennen scheint den sportlichen Forscher und seine Mannschaft geradezu anzuspornen. Auch sonst strebt Pääbos Team im wahrsten Sinne des Wortes gern ganz nach oben und trainiert dafür traditionsgemäss am Donnerstagabend an der Kletterwand mitten im modernen Gebäude. «Es gibt bei uns auch eine Sauna auf dem Dach», sagt der Schwede voller Stolz. Auch dies habe er bei der Gründung des Instituts vor 20 Jahren vorgeschlagen.

Was fasziniert ihn am Neandertaler? «Er ist unser engster Verwandter, und vor 800'000 Jahren hatten wir noch gemeinsame Ur-Ahnen», antwortet Pääbo. Es gehe bei der Forschung aber vor allem auch um uns. Was macht uns einzigartig? Zum Beispiel gibt es eine Gensequenz, die das Sprachgen FOXP2 bei uns einschaltet und beim Neandertaler nicht. Durch diesen kleinen Unterschied können wir in Millisekunden die zum Artikulieren notwendigen Muskeln im Mund-Rachen-Raum richtig koordinieren. Einfach fantastisch, sagt er.

Der Neandertaler, ein grosser Denker? Foto: LDA

In der Petrischale kann er auch DNA-Abschnitte der Neandertaler praktisch wieder zum Leben erwecken und deren Funktionsweise im Detail studieren. So fügt ein Mitarbeiter von ihm mit der Genschere Crispr/CAS9 einzelne Gensequenzen vom Neandertaler in menschliche Stammzellen ein und versetzt diese quasi – wie mit einer Zeitmaschine – ein paar Zehntausend Jahre zurück. «Die Neuronen kommunizieren miteinander und wachsen zu kleinen, ballförmigen Minigehirnen heran.»

Mumien aus der DDR

Warum wollte er nach dem Medizinstudium nicht Arzt werden? «Ein kleines Experiment im Sommer 1981 war daran schuld», sagt Pääbo. Dieses führte er heimlich neben seiner Doktorarbeit über Adeno­viren an der Universität Uppsala durch. Er versuchte herauszufinden, ob durch eine Mumifizierung im Gewebe eines Toten noch Erbmaterial vorhanden ist. Deshalb trocknete er im Laborofen ein paar Tage ein Stück Kalbsleber aus dem Supermarkt bei 50 Grad Celsius. Die Ergebnisse ermutigten ihn, nun auch nach DNA-Fragmenten in 30 menschlichen Mumien aus dem Bode-Museum in Ost-Berlin zu fahnden. Er glaubte, fündig geworden zu sein, und publizierte seine Resultate im angesehenen Fachblatt «Nature», wo die Studie prompt auf dem Cover landete.

Weitere Proben aus der DDR erhielt Pääbo aber nicht mehr, weil die Stasi danach behauptete, dass die Universität Uppsala ein antisozialistisches Propagandazentrum sei. Deshalb forschte er dann in Berkeley sowie in Zürich an ausgestorbenen Tieren wie dem Quagga oder dem Beutelwolf und später in München an Riesenfaultier, Wollhaarmammut und Höhlenbär weiter. «Da gab es zumindest bei der Analyse kein Problem mit der Kontamination menschlichen Erbguts», erzählt Pääbo. Denn bei der 1985 in «Nature» veröffentlichten Mumienstudie habe er unter dem Mikroskop zwar noch die Zellkerne mit DNA gesehen, doch bei der Analyse der Gensequenz habe es sich wohl eher um sein eigenes Erbgut gehandelt. «Seither habe ich einen regelrechten Sauberkeitsfimmel», sagt er grinsend. Eine Art Paranoia gegen Staub und Schuppen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.09.2017, 20:38 Uhr

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