Jetzt frackt China

Riesige Mengen an Schiefergas sollen bald aus den Provinzen im Westen gefördert werden. Das hat Folgen.

Gastanks in China: Fracking soll helfen, den enormen chinesischen Energiehunger zu stillen.<br />Foto: Redlink/Corbis

Gastanks in China: Fracking soll helfen, den enormen chinesischen Energiehunger zu stillen.
Foto: Redlink/Corbis

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sichuan ist ein Sweetspot – aus zwei ­guten Gründen, die sich schlecht miteinander vertragen. Ein süsser Flecken ist die Provinz im Südwesten Chinas vor allem wegen der Natur, der klaren Bergflüsse und dichten Wälder. Wegen der Steilhänge, an denen seltene Vögel ­brüten, und der Bambushaine, in denen einige der letzten frei lebenden Riesenpandas umherstreifen.

Sweetspot, so bezeichnen Fachleute aber eigentlich etwas anderes: ertrag­reiche Schiefergasfelder – und auch davon gibt es in Sichuan jede Menge. Etwa 30 Billionen Kubikmeter Schiefergas lagern im Untergrund von China, fast die Hälfte davon in Sichuan. Es sind die grössten Vorkommen an «unkonventionellem Erdgas» der Welt.

Wie gross die Begehrlichkeiten sind, die von diesen Schätzen geweckt werden, kann man nahe der kleinen Stadt Yibin beobachten. Wie Pilze schiessen dort derzeit Frackingbohrtürme aus dem Boden. Mit Drücken von Hunderten Bar pressen die Anlagen Tag für Tag Chemikalien, Wasser und Sand in den Untergrund. In einigen Kilometer Tiefe knackt die Flüssigkeit die Gesteinsschichten, die das Erdgas umschliessen. Feine Frakturen im Fels reissen auf, das Gas strömt nach oben.

Menschen und Gasfirmen könnten schon bald um Frischwasser konkurrieren.

Die Türme sind Vorboten eines Ressourcenbooms, der von ganz oben losgetreten wird. Die Zentralregierung giert nach Erdgas, fordert bis Ende Jahr eine Fördermenge von 6,5 Milliarden Kubikmetern. In fünf Jahren soll es fünf Mal so viel sein. Präsident Xi Jinping hat die «Revolution» der chinesischen Energiepolitik zur Chefsache erklärt: Er spricht von der «Grünisierung» der Wirtschaft, fordert seine Landsleute zum Energiesparen auf, verordnet Staatsbetrieben mehr Energieeffizienz.

Doch das alles reicht nicht, um den Energiehunger Chinas zu stillen. Neue Quellen müssen her, wenn möglich heimische. Die Regierung treibt die nackte Not. «China muss grosse Mengen Gas importieren, weil die Nachfrage so enorm ist», sagt David Fridley, Experte für den chinesischen Energiemarkt am US-amerikanischen Lawrence Berkeley National Laboratory. «Das wird zum Problem für die chinesische Energiesicherheit.»

Doch vor allem sehen Pekings Politiker Erdgas als einen möglichen Ausweg aus der Abhängigkeit Chinas von Kohle. Noch immer deckt diese über 60 Prozent des Energiebedarfs, hoffnungslos veraltete Kraftwerke wandeln ihre Hitze in Strom um. Kohle schwelt in alten Kohleöfen in den Häusern und verpestet die Luft. Wissenschaftler rätseln noch, wie viele Chinesen wegen der hohen Feinstaubwerte vorzeitig sterben – die Schätzungen reichen von 400 000 bis hin zu 1,2 Millionen im Jahr. «Der Smog ist ein Riesenproblem in den ­Städten im Osten, das erzeugt einen gewaltigen Druck in der Bevölkerung», sagt Li Yan, Energie-Chefin von Greenpeace China. «Die Regierung braucht dringend einen Durchbruch.» Mit Pipelines könnte das Gas aus Sichuan leicht bis in Küstenstädte wie Shanghai ge­leitet werden.

Chinesische Energiewende

Erdgas gilt als sauberer ­Energieträger, seine Verbrennung setzt weniger Emissionen frei. Damit wird Schiefergas auch zu einem Hoffnungsträger, wie China auf lange Sicht etwas zum Klimaschutz beitragen könnte. Spätestens 2030 sollen die Treibhausgasemissionen nicht weiter steigen, verspricht die Regierung auf internationalem Parkett. Ohne Erdgas dürfte der Plan kaum aufgehen.

Die Antwort ist eine chinesische Energiewende, und dem Fracking könnte dabei nach dem Vorbild der USA eine zentrale Rolle zukommen. Denn Schiefergas ist der Rohstoff, der die USA in weniger als einem Jahrzehnt aus der Abhängigkeit von Öl aus dem Nahen ­Osten befreit hat. Das günstige Gas aus Pennsylvania und Oklahoma hat Amerika eine kleine Renaissance der alten Industrien beschert, energiehungrige Fabriken sind plötzlich wieder konkurrenzfähig, der Ölpreis fällt. Auch an ­diesem Boom in Amerika orientieren sich Pekings Politiker, wenn sie von günstigem Gas aus eigenen Quellen träumen, von Fracking made in China.

In Chengdu haben sie den Startschuss gehört. Die Metropole mit 15 Millionen Einwohnern ist eine Boomtown des 21. Jahrhunderts. In der Hauptstadt ­Sichuans wachsen ständig neue Wolkenkratzer in den Himmel, Investment­firmen und europäische Konzerne wie Siemens und Bosch gründen Nieder­lassungen. Ein neues U-Bahn-System hat sich die Stadt kürzlich geleistet, die 15-stöckigen Einkaufszentren sind zum Bersten gefüllt mit westlichen Luxus­waren. In den Cafés nippen chinesische Jugendliche an Cappuccini und tippen auf den neuesten iPhones herum.

Wenn es nach Bao Hua Wang geht, dem Wirtschaftsreferenten der Stadt, ist Schiefergas der Schlüssel, um mehrere Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. «Die Industrie wächst um zehn Prozent im Jahr, wir haben einen gewaltigen Energiebedarf», sagt Wang. «Erdgas fehlt am allermeisten von allen Ressourcen.» Er will, dass sich die Stadt zum Knotenpunkt für die Frackingindustrie entwickelt. All die Bohrköpfe, Stahlrohre, Chemikalien, die man zum Fracken braucht, müssen schliesslich irgendwo hergestellt und verkauft werden – warum nicht gleich vor Ort? Dazu braucht es Dienstleister für die neue ­Industrie, Rohstoffexperten, auslän­dische Berater. Mit dem Schiefergas könne Chengdu zu einer «internationalen Stadt» aufsteigen, schwärmt Wang. Schiefergas nennt er in einem Atemzug mit Solarenergie und Windkraft als grüne, umweltfreundliche Alternative.

Im Untergrund Sichuans lauert allerdings noch eine Unbekannte, die bislang keiner der Verantwortlichen einkalkuliert.

Umweltschützer sind nicht sicher, ob diese Rechnung aufgeht. «Die Bevöl­kerung ist gross, das Land begrenzt, Wasser knapp», fasst Feng Yang von der Umweltorganisation Natural Resources Defense Council (NRDC) zusammen. «All das macht die Situation viel schwieriger als in den USA.» Besonders das ­Abwasser, das mitsamt dem Gas aus den Bohrlöchern schwappt, ist heikel. Es muss aufgefangen, gesammelt und aufwendig aufbereitet werden, damit es etwa kein Trinkwasser verunreinigt. In China gibt es derzeit noch keinerlei ­Gesetze dafür.

In den letzten Jahren gab es bereits vereinzelte Berichte über Explosionen auf Gasfeldern, weil Sicherheitsvorschriften lax gehandhabt wurden. In der Nachbarprovinz Shaanxi kappte eine Gasfirma kurzzeitig die Wasserversorgung einer ganzen Stadt, weil sie Probleme bei Bohrungen nicht in den Griff bekam. Mit einem Gesetz, das etwa den Gewässerschutz beim Schiefergasabbau regelt, rechnet Yang erst in ein bis zwei Jahren. Bis dahin dürften sich Zwischenfälle häufen.

Ruhiger wird es in den nächsten Jahren wohl nicht, denn ein Sweet­spot verhält sich ein wenig so wie ein rissiger Schlauch. Fliesst erst einmal Gas hindurch, muss man es rasch an sehr vielen Stellen auffangen, sonst knickt die Fördermenge ein. Immer mehr Löcher müssen gebohrt werden. Da die Reserven in Sichuan deutlich tiefer unter der Erde liegen als anderswo, müssen die Gas­firmen zudem mehr Wasser hineinpumpen und mit mehr Abwasser fertig­werden. «In vielen Regionen Chinas ist Wasser schon sehr knapp», sagt Ranming Song von der Umweltorganisation World Resources Institute (WRI). Seine Organisation hat nachgerechnet: 60 Prozent des chinesischen Schiefergases schlummern in Gegenden mit «stark gestressten» Wasservorräten oder zu trockenen Böden. Viele der bereits aktiven Felder lägen «sehr nahe» an Siedlungen. Das WRI treibt daher die Sorge um, dass bald Menschen und Gasfirmen um Frischwasser konkurrieren könnten.

Song zweifelt zudem eins der Grundversprechen der Technologie an – dass Erdgas besser für das Klima ist als Kohle. «Das stimmt nur, wenn man die Lecks im gesamten Lebenszyklus des Schiefer­gases im Zaum hält.» Erdgas ist flüchtig, es besteht zu einem grossen Teil aus ­Methan – einem Treibhausgas, von dem ein Molekül 25-mal klimawirksamer ist als ein Teilchen CO2. Entrinnen irgendwo zwischen den Sweetspots Sichuans und den Gasöfen in Shanghai mehr als drei Prozent, verpuffen die positiven Effekte für das Klima schon wieder.

Wie wenig ernst die Verantwortlichen diese Sorgen nehmen, lässt ein Gespräch mit Vertretern der staatlichen Gasfirmen in Chengdu erahnen. Nach langem Zögern gibt sich ein Ingenieur einen Ruck und möchte die Herausforderungen für die Umwelt darstellen. Sogleich gestikuliert sein Vorgesetzter, der Chef der staatlichen Investmentfirma, wild mit den Händen, bedeutet dem Untergebenen zu schweigen. «Alle technischen Schwierigkeiten sind gelöst», sagt er. Regulierung? Die komme schon bald. Umweltprobleme? Gibt es hier nicht.

Fracking erhöht Erdbebenrisiko

Im Untergrund Sichuans lauert allerdings noch eine Unbekannte, die bislang keiner der Verantwortlichen einkalkuliert. Erst 2008 bebte es in der Region mit einer Stärke von 7,9 auf der Richter­skala, bis zu 80'000 Menschen kamen bei dem Erdbeben ums Leben. 2013 schüttelte ein weiteres Erdbeben die Provinz durch, 200 Menschen starben.

Mittlerweile gilt es als gesichert, dass Frackingchemikalien, in den Boden gepresst, geologische Spannungen verstärken können. Entsprechende Daten aus Sichuan gibt es bislang nicht, dafür aus den USA. «Früher war stets Kalifornien der seismisch aktivste Staat», sagt Energieexperte David Fridley, «mittlerweile ist es Oklahoma.» Bevor die Fracking­industrie in Oklahoma anrückte, bebte es hier durchschnittlich einmal im Jahr mit einer Stärke von über 3. Letztes Jahr waren es 585 solcher Erdbeben.

Auch Sichuan hat sehr viele Verwerfungslinien im Untergrund, potenzielle Epizentren für Erdbeben. «Hier wäre das Einspeisen von Wasser ein grosses Problem», warnt Fridley. All das werde wohl in eine sehr grosse Rechnung der Regierung eingehen, schätzt er. Kohle oder Gas? Smog oder Fracking? Wasser für die Energieversorgung oder zum Trinken? Drohendes Erdbebenrisiko oder drohender Stromausfall? «Am Ende», sagt Fridley, «wird wohl alles auf einen riesigen Kompromiss hinauslaufen.»

Erstellt: 10.08.2015, 19:49 Uhr

Fracking in der Schweiz

Potenzial da, Widerstand auch

Ein Potenzial für die Gasförderung mittels Fracking ist in der Schweiz durchaus vorhanden, insbesondere im Mittelland. Doch die Technologie stösst auf Opposition. Warum das so ist, zeigt eine Studie des Wasserforschungsinstituts des ETH-Bereichs (Eawag) und des Instituts für Politikwissenschaft der Uni Bern.

Die Forscher analysierten die Situation in den Kantonen Bern, Neuenburg und Waadt. In allen drei Kanonen ­stehen demnach relativ starke Anti-Fracking-Koalitionen aus diversen Parteien, Stadtregierungen und Umweltverbänden ­einer kleineren Gruppe gegenüber, die Fracking als weniger problematisch beurteilt (vorwiegend die Parteien FDP und SVP). Besonders stark sind die Anti-Fracking-Koalitionen in Neuenburg und Bern. In Neuenburg formte sich Widerstand gegen geplante Bohrungen nach konventionellem Gas. 2014 führte dies zu einem Moratorium für sämtliche Gasförderungsprojekte. Ein definitives Verbot ist geplant. Im Kanton Bern besitzen zwei Firmen Schürfbewilligungen, verfolgen aber keine konkreten Vorhaben. Denn die Opposition ist gross. Mittlerweile hat sich die Regierung gar für ein Frackingverbot ausgesprochen. In der Waadt ist die Anti-Fracking-Koalition nicht ganz so stark. Dort besteht zwar seit 2011 ein Moratorium, ein definitives Verbot ist derzeit aber nicht geplant.

Wie Karin Ingold von der Eawag sowie der Uni Bern sagt, überlegt man sich in der Schweiz, das bis anhin in der Zuständigkeit der einzelnen Kantone liegende Problem des Frackings auf die nationale politische Agenda zu heben. «So will man eine schweizweite Lösung finden», sagt Ingold, Co-Autorin der Studie. Mit ihrer kritischen Haltung stehen die Schweizer Kantone nicht alleine da. Frankreich hat Fracking verboten, in Deutschland steht ein Verbot zur Diskussion. Und in England scheiterten Projekte bisher am lokalen Widerstand, obwohl die Regierung die Ausbeutung von Schiefergas explizit fördert. (jol)

Artikel zum Thema

Die Kehrseite des Fracking-Booms

In Kalifornien wurden vor 120 Jahren die ersten Ölvorkommen entdeckt. Bis heute bohren kleine Unternehmer rund um Bakersfield nach Öl. Doch die Veteranen der US-Erdölindustrie leiden zurzeit besonders unter dem Preiskampf auf dem Ölmarkt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Kommentare

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Was für eine Aussicht: Ein Mountainbiker macht Rast auf dem Gipfel des Garmil. Im Hintergrund sieht man die Churfirsten und die Alviergruppe. (13. September 2019)
(Bild: Gian Ehrenzeller) Mehr...