Kohlendioxid zum Schleuderpreis

Mit bizarren Tricks rechnet die US-Regierung die in Zukunft zu erwartenden Schäden durch CO2-Emissionen klein. Das soll Obamas Plan für eine saubere Energiewirtschaft zunichtemachen.

Gerade einmal einen Dollar soll es künftig kosten, eine Tonne Kohlendioxid in die Luft zu blasen: Kohlekraftwerk in Kentucky. Foto: Luke Sharrett (Bloomberg, Getty Images)

Gerade einmal einen Dollar soll es künftig kosten, eine Tonne Kohlendioxid in die Luft zu blasen: Kohlekraftwerk in Kentucky. Foto: Luke Sharrett (Bloomberg, Getty Images)

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Ein Dollar ist die kleinste Geldnote der USA. Für den grünen Schein bekommt man im amerikanischen Alltag mit Glück einen Kaffee, einen Schokoriegel oder eine Tageszeitung, aber nicht viel mehr. Ein Dollar ist auch der Preis, den es in Donald Trumps Amerika kosten soll, eine Tonne Kohlendioxid (CO2) in die Luft zu blasen – ein echtes ­Schnäppchen. Dies schlägt die mächtige Umwelt­behörde EPA unter ihrem neuen Chef Scott Pruitt vor. Der Dumpingpreis soll die vom früheren Präsidenten Barack Obama angestossene Reform der Energiewirtschaft zunichtemachen.

Das Manöver wirkt zunächst widersprüchlich. Wieso soll der CO2-Ausstoss überhaupt beziffert werden? Der US-Präsident und seine Adlaten stehen bekanntlich im Ruf, die Nachteile von Treibhausgasen nicht sonderlich ernst zu nehmen. Eine verpflichtende Gebühr für Emissionen gibt es in den USA nicht, anders als in Europa.

Tatsächlich müssen auch in Trumps Amerika die zu erwartenden Schäden durch den Kohlendioxid-Ausstoss als ökonomische Kenngrösse beziffert werden. Der Grund ist unter anderem ein Urteil des Supreme Court aus dem Jahr 2007, in dem festgestellt wurde, dass Treibhausgase ein Gesundheitsrisiko darstellen. Einen Preis festzulegen, ist somit kein Einfall der Republikaner. Seit der ersten Amtszeit des demokratischen Präsidenten Barack Obama gibt es für die US-Behörden eine verbindliche Rechengrösse, die Social Cost of Carbon (soziale Kosten von Kohlenstoff) heisst, kurz SCC. Sie beziffert, welche Folgen der Ausstoss einer Tonne CO2 hat: für Natur und Infrastruktur, Felder und Wälder, Gesundheit und Luftqualität. Der Preis fliesst in Kosten-Nutzen-Rechnungen ein, mit denen US-Behörden Vorschläge für neue Verordnungen und Gesetzesvorschläge bewerten müssen. Was kostet es die Volkswirtschaft, was bringt es ihr, wenn zum Beispiel Autos sparsamer sind oder Kohlekraftwerke auf ihre Emissionen achten?

«Clean Power Plan» aushebeln

Der Wirtschaftswissenschaftler Michael Greenstone von der University of Chicago nennt die SCC den «Dreh- und Angelpunkt der nationalen Klimapolitik», ja sogar «die wichtigste Zahl, von der man noch nie gehört hat». Knapp 80 Gesetze nehmen auf sie Bezug. Diese Gesetze regeln nicht nur Kraftwerke, sondern auch Autos, Kühlschränke und Waschmaschinen. Insgesamt geht es um eine Billion Dollar, rechnet ein weiterer Ökonom vor. Unter Obama lag die Schadensumme jeder Tonne Treibhausgas, die zum Beispiel 2030 ausgestossen wird, zuletzt bei rund 50 Dollar.

Derlei Notierungen hob Trump in einer seiner ersten Amtshandlungen auf. Indem seine Regierung die zu erwartenden Schäden aus jeder Tonne CO2 nun irgendwo zwischen einem und rund sieben Dollar festsetzt, ändert sich die Mathematik und die Argumentations­logik der Energie- und Klimapolitik. Mit Obamas Rechnung war CO2-Einsparung ein Gewinn für die Nation, unter Trump wird sie als Verlustgeschäft dargestellt.

Scott Pruitt und seine ­Umweltbehörde nutzen die flach geklopfte Rechengrösse nun als Brechstange, um eine entscheidende Reform aus Obamas Zeiten auszuhebeln: den Clean Power Plan. Der sollte die Energiewirtschaft umkrempeln und den üppigen Treibhausgas-Ausstoss der Kraftwerke drosseln. Amerika wollte damit beginnen, seine Pflichten aus dem Pariser Klimaabkommen zu erfüllen. Ausserdem, so die Hochrechnung, sollte die Reform einen Gewinn von 25 bis 45 Milliarden Dollar im Jahr 2030 einbringen. Doch Trump will den Vertrag von Paris kündigen. Für seine Argumentation wäre es hilfreich, würde aus dem genannten 25-Milliarden-Gewinn ein 15-Milliarden-Verlust.

«Die SCC ist die wichtigste Zahl, von der man noch nie gehört hat.» 

Michael Greenstone, University of Chicago

Damit die SCC den Zielen der neuen Regierung dient, hat Pruitts Behörde hart zugefasst. Seine Spezialisten haben mehrere Tricks angewandt: Erstens rechnen sie nicht mehr global, sondern berücksichtigen nur Schäden, die amerikanische Emissionen in den USA anrichten. Was die Treibhausgase in Afrika bewirken, bleibt aussen vor. Allein diese Beschränkung drückt den SCC auf ein Viertel bis ein Zehntel seines vorherigen Werts. Ein zweiter Trick ist die Veränderung des sogenannten Diskontsatzes: Mit dieser Kennzahl werden künftig zu erwartende Kosten auf die heutige Kaufkraft umgerechnet. Ein hoher Satz lässt mögliche Verpflichtungen kommender Jahrzehnte klein erscheinen.

EPA-Chef Pruitt orientiert sich dabei unverdrossen an einer Vorgabe des vom Weissen Haus kontrollierten Budget-Büros, beim Diskontsatz sieben Prozent anzusetzen. Ein Wert, der unter unabhängigen Ökonomen als absurd gilt. Doch Pruitt dient er, um auf den Kampfpreis von einem Dollar pro ausgestossener Tonne CO2 zu kommen. Mit einem Diskontsatz von drei Prozent ergeben sich sieben Dollar pro Tonne im Jahr 2030.

Auf dieser Seite des Atlantiks liegen die Preisannahmen für Schäden durch CO2-Ausstoss viel höher. So setzt das deutsche Umweltbundesamt in seiner fünf Jahre alten so genannten Methodenkonvention einen Satz von etwa 145 Euro (mit Kaufkraft von 2010) für das Jahr 2030 an – umgerechnet ungefähr 190 Dollar. Zudem wird dieses Zahlenwerk gerade überarbeitet, in der nächsten Fassung dürften wohl deutlich mehr als 150 Euro veranschlagt werden.

Der Weltklimarat IPCC und die Weltbank ermitteln den Kohlendioxid-Preis anders. Sie vermeiden die aufgeladene Diskussion über Diskontsätze. Grossen Einfluss darauf hatte der Ökonom Ottmar Edenhofer vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Er war beim jüngsten Bericht des IPCC Co-Vorsitzender der zuständigen Arbeitsgruppe III. «Wir legen zugrunde, wie viel CO2 die Menschheit noch ausstossen darf, wenn sie die 2-Grad-Grenze einhalten will. Und daraus berechnen wir einen Preis», sagt er.

Mit dieser Methode kam auch eine Kommission der Weltbank jüngst auf einen Wert von 50 bis 100 Dollar jeder Tonne des Treibhausgases, die im Jahr 2030 ausgestossen wird. Dieser Preis wird allerdings auch im europäischen Emissionshandel (ETS) zurzeit nicht ­annähernd erreicht. Er liegt eher auf Trump-Niveau bei knapp acht Euro (gut neun Dollar) für Emissionszertifikate.

Basis für die Berechnung der amerikanischen Kenngrösse SCC sind Computermodelle, die das Klima- und Wirtschaftsgeschehen verknüpfen. Die komplexen Simulationen setzen grundsätzlich voraus, dass der Klimawandel der wirtschaftlichen Entwicklung schadet und beispielsweise Grundstücke an der Küste durch Fluten verloren gehen.

Einen Effekt vergessen

Dass der Klimawandel Schäden steigert, widerspricht indes der Ideologie von Klimaleugnern wie Pruitt diametral. Umso erstaunlicher, dass der EPA-Vorschlag sogar besagt: «Es wird erwartet, dass Emissionen in der Zukunft grössere zusätzliche Schäden verursachen, weil physikalische und ökonomische Systeme infolge des fortschreitenden Klimawandels immer mehr gestresst werden.» Besser könnten es Klimaforscher kaum ausdrücken. Doch dank der genannten Tricks wirkt der Klimawandel am Ende wie ein ökonomischer Gewinn.

Diese Kombination aus Akzeptanz der Wissenschaft und Todesstoss für die Schadenberechnung löst teils starke Kritik aus. Die Regierung habe die politische Entscheidung getroffen, «den Clean Power Plan zu widerrufen. Und dann haben sie alles getan, damit die Zahlen stimmen», sagte der Ökonom Michael Greenstone gegenüber der «Washington Post».

Gleichzeitig zeigt es, welche Schwierigkeiten die Umweltbehörde hat, fundierte Argumente gegen den Clean Power Plan zu finden. Pruitts Behörde versucht in einem fast 200 Seiten langen Papier vorzurechnen, dass die Gesetz­gebung Obamas die amerikanische Volkswirtschaft mehr kostet, als die vermiedenen Schäden wert sind. Um diesen Beweis zu führen, reichen nicht einmal die genannten Buchhaltungstricks. Die EPA-Autoren haben zudem kurzerhand die Kosten für die Energiewirtschaft gegenüber früheren Behördenschätzungen verdoppelt. Dann rechnet die EPA die flach geklopften SCC dagegen. Trotz dieser Eingriffe – Kosten rauf, Nutzen runter – bleibt der Kohlendioxid-Ausstoss ein Nachteil. Also muss weiter nachgeholfen werden.

Die Rettung – aus Pruitts Sicht – bringt ein letzter Kunstgriff: Seine Spezialisten behaupten in ihrem Zahlenwerk, eine weitere Verbesserung der Luftqualität bringe dort, wo die Grenzwerte eingehalten werden, keinen Vorteil mehr bei Gesundheitskosten. Epidemiologen bestreiten das vehement. Doch erst damit ergeben sich die von der Trump-Regierung erwünschten Zahlen: Das Abschaffen des Clean Power Plan brächte den Amerikanern demnach ein Plus von 10 bis 14 Milliarden Dollar im Jahr 2030. Für diese Prognose musste Pruitts Team viermal massiv gegen die Erkenntnisse der Wissenschaft verstossen.

Einen Effekt hat der Jurist Pruitt dabei aber womöglich nicht bedacht. «Weil die EPA in der Logik der Klimaökonomie bleibt und das Verfahren zur Berechnung der Social Cost of Carbon im Prinzip übernimmt», sagt Ottmar Edenhofer, «setzt sie sich Gerichtsklagen aus, die das alles überprüfen können.» Und die US-Gerichte haben schon etliche der Vorhaben und Initiativen der Regierung Trump wieder gestoppt.

Erstellt: 20.11.2017, 18:00 Uhr

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energieintensive Anlagen wie Kohlen- und Gaskraftwerke oder Raffinerien und Stahlwerke in 31 Ländern (EU-Staaten plus Island, Liechtenstein und Norwegen) unterstehen dem europäischen Emissionsmarkt. Dazu kommen Luftfahrtsunternehmen, die eine Fluglinie zwischen diesen Staaten betreiben. Das heisst: Die EU teilt diesen Einrichtungen bestimmte Rechte zu, Treibhausgase zu produzieren. Wer die Pflichten übererfüllt, kann Rechte an Unternehmen verkaufen, die es nicht schaffen, ihre Treibhausgase auf die erforderliche Menge zu senken. Bis vor kurzem gab die EU diese Emissionszertifikate kostenlos ab. Nun wird ein grosser Teil versteigert. Da die Nachfrage an Zertifikaten kleiner war als das Angebot, wurde nun ein Teil der Zertifikate aus dem Handel genommen. So soll der Marktpreis steigen. Die Zuteilung der Emissionsrechte wird von Jahr zu Jahr gekürzt.

7,35

Euro kostete gestern laut der deutschen Handelsplattform für Energie- und Umweltprodukte EEX eine Tonne CO2 auf dem europäischen Markt. Das ist ein zu tiefes Preisniveau, um bei Unternehmen Anreize zu schaffen, weitere Anstrengungen zu unternehmen, fossile durch erneuerbare Energie zu ersetzen.

45%

der Emissionen in der EU werden durch den Emissionshandel abgedeckt. Der europäische Emissionsmarkt war der erste weltweit. Inzwischen werden Handelssysteme in China, Japan, Kanada, Südkorea, den USA und auch in der Schweiz betrieben oder entwickelt. (lae)

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