Mehr Aufklärung, bitte!

Piccards Botschaft an die Welt, der neue Klimavertrag in Paris, eine revolutionäre Technologie für die Genchirurgie: Das vergangene Jahr zeigt, dass Fortschritt Weitsicht braucht.

Unterwegs in eine postfossile Zukunft: Solar Impulse 2 bei Nagano, Japan. Foto: André Borschberg (Solar Impulse, Keystone)

Unterwegs in eine postfossile Zukunft: Solar Impulse 2 bei Nagano, Japan. Foto: André Borschberg (Solar Impulse, Keystone)

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Es war ein heroischer Moment, als sich die Positionslichter der Solar Impulse 2 am Freitag, 3. Juli, der Landepiste auf Hawaii näherten. Der Flieger war fünf Tage und fünf Nächte ununterbrochen unterwegs, nur mit der Energie der Sonne. Nach der Landung umarmte Bertrand Piccard den Piloten und Freund André Borschberg innig. Der Erfolg des ersten bemannten Solarfluges über den Pazifik war lange Zeit auf Messers Schneide. In Hawaii wurde die Expedition dann aber gestoppt: Überhitzte Batterien, zu lange Reparaturzeit. Der Weiterflug von Hawaii nach Europa ist erst im kommenden Frühling geplant.

Piccard und Borschberg machten mit ihrer abenteuerlichen Weltreise, ihrer beeindruckenden Logistik und der modernen Kommunikation bestes Marketing für die Intelligenz des Menschen und seine Fähigkeiten. Gekonnt platzierten sie dabei die Botschaft vom Ausstieg aus der gewohnten globalen Energiever­sorgung – aus Kohle, Erdöl, Erdgas.

Unbewusst deckten die Pioniere aber auch die Gratwanderung von Forschung und Ingenieurleistung auf. Die Wissenschaft sieht einen Irrtum in einem System, auf das sie mehr als ein Jahrhundert lang baute. Die fossile Energiewirtschaft ist das Rückgrat moderner Errungenschaften und des Wohlstands. Dank leistungsfähiger Computer stellen die Klimaforscher heute fest, dass nur eine radikale Abkehr von der fossilen Energie eine ökologisch kritische Erderwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts verhindern kann.

Nun müssen wir unsere gewohnte Energieversorgung grundsätzlich infrage stellen und uns mit einer fernen Zukunft auseinandersetzen. Wir müssen Risiken abschätzen – und das auf der Basis von Computermodellen, welche die reale Welt gut, aber nie im Massstab 1:1 abbilden können. Dafür wurden wir zu wenig vorbereitet. Es dauerte deshalb Jahrzehnte, bis die Ergebnisse der Klimaforschung in Politik und Wirtschaft wirklich ernst genommen wurden. Der Klimavertrag von Paris, den die UNO-Staaten im Dezember beschlossen, bringt zumindest auf dem Papier eine Zäsur. Er anerkennt die Ergebnisse der Klimaforschung. Die Staaten sollen anhand wissenschaftlicher Erkenntnisse den langfristigen Reduktionspfad für Treibhausgase festlegen.

Es wird sich in den nächsten Jahren zeigen, ob der Mensch heute weiter vorausblicken wird, als es seine Vorfahren taten. Denn die Wissenschaft zeigt vor allem Wege auf, entscheiden müssen Politik und Gesellschaft. So gibt es die vernünftige und technisch fortgeschrittene Option der klima­freundlichen Energie und Energie­effizienz . Es gibt aber auch ein unerprobtes Konzept, das den Weg ins postfossile Zeitalter nur halbherzig einschlägt: Es lässt die Treibhausgase im Boden verschwinden und überlässt den Nachkommen eine CO2-Deponie.

Der Klimawandel zeigt exemplarisch, wie wichtig es in einer techno­logisch galoppierenden Welt ist, die Folgen von Innovationen abzuschätzen. Das zeigt auch ein anderes Beispiel in diesem Jahr. Ende April gaben chinesische Forscher bekannt, sie hätten menschliche Embryos genetisch verändert. Ein Tabubruch. Möglich machte dies eine revolutionäre Technologie mit Namen Crispr, die Martin Jinek von der Universität Zürich entwickelte. Die Methode erlaubt es, relativ einfach im Erbgut etwa genetische Defekte zu korrigieren, die sonst zu Krankheiten führen würden. Das präzise Verfahren ist aber auch für den Missbrauch prädestiniert, sei es in der Biowaffenforschung oder in der Reproduktionsmedizin. Forscher wie Jinek machten sich Sorgen und schlugen eine Konferenz vor, an der Regeln zur Arbeit mit Crispr überlegt werden sollten.

Wissenschaftler müssen neugierig sein, sind aber verpflichtet, die Grenzen und die Chancen ihrer Arbeit in der Öffentlichkeit auszuloten. Da letztlich Gesellschaft und Politik über künftige Entwicklungen entscheiden, braucht es Aufklärung. Universitäten, Schulen und Medien sind in dieser komplizierten Welt gefordert.

Erstellt: 30.12.2015, 20:01 Uhr

Themen, die zu reden gaben

Human Brain Project

Rattenhirn im Computer simuliert


Forscher des umstrittenen Human Brain Project veröffentlichen im Oktober im Fachblatt «Cell» einen ersten Erfolg: die Simulation eines Hirnabschnittes einer Ratte am Computer. Das Projekt wird von der ETH Lausanne koordiniert und ist auf Erfolgsmeldungen angewiesen. Das Vorhaben, das menschliche Hirn digital zu rekonstruieren, stösst bis heute unter Neurowissenschaftlern auf grosse Kritik. Es gab zudem einen offenen Protestbrief und zwei Expertenberichte, die dazu führten, dass die Organisations­struktur und Projekte angepasst werden müssen. Die EU-Kommission unterstützt das «Forschungsflaggschiff» in den nächsten zehn Jahren mit bis zu 1,2 Milliarden Euro. (ml )



Hepatitis C

Hoher Preis für eingeschränkte Therapien

Brisante Zahlen liefert eine Studie der Universitäten Bern und Zürich. Sie zeigt auf, dass eine frühere Behandlung von Hepatitis C aus medizinischer Sicht zu weniger Todesfällen und Ansteckungen führt. Die Resultate stimmen insofern nachdenklich, weil das Bundesamt für Gesundheit die Verschreibung der Medikamente aus Kostengründen mit einer sogenannten Limitatio eingeschränkt hat. Das heisst: Die Krankenkassen übernehmen die Kosten nur bei Patienten, deren Leber bereits deutlich vernarbt ist oder die unter Begleiterkrankungen von Hepatitis C leiden. Die Therapie kostet pro Person Zehntausende Franken. Rund 80 000 Menschen sind mit Hepatitis infiziert. (ml)


Energie

Persönlichkeiten machen sich stark für die Energiewende

Der Unternehmer und ETH-Titularprofessor für Informationstechnologie Anton Gunzinger zeigt in seinem Buch «Kraftwerk Schweiz» auf, dass die Schweiz mit ihren Pumpspeicherseen alle Voraussetzungen dazu hat, bereits 2035 auch ohne Atomkraft, dafür mit erneuerbarer Energie das fossile Zeitalter allmählich zu verlassen. In die gleiche Richtung zielt der emeritierte ETH-Professor und Ingenieur Hansjürg Leibundgut, dessen an der ETH entwickeltes Energie-Gesamtkonzept für Gebäude bereits als «Zeleganz» auf dem Markt ist. Das gesamte Paket funktioniert mit minimalem Stromverbrauch und emissionsfrei, sofern der Strom aus erneuerbarer Energie stammt. (ml)


Raumfahrt

Die Rakete Falcon 9 fliegt ins All und kehrt heim


Milliardäre liefern sich einen Wettkampf um Raketen, die wiederverwertet werden können. Die Nase vorn hat seit dem 21. Dezember das US-Unternehmen Space X von Tesla-Gründer Elon Musk. Die Trägerrakete Falcon 9 brachte in elf Minuten elf Satelliten ins All und kehrte unversehrt und aufrecht wieder an den Startplatz zurück. Die Konkurrenz schläft allerdings nicht. Bereits im November gelang dem Amazon-Unternehmen Blue Origin ein unbemannter Testflug ins All mit sicherer Rückkehr. Die Firma verfolgt das gleiche Ziel wie Virgin Galactic des Milliardärs Richard Branson: Passagierflüge in den Weltraum. Bisher kann Branson allerdings noch keinen Erfolg ausweisen. (ml )


ADHS und Ritalin

Die UNO kritisiert die hiesige ADHS-Diagnose-Praxis


Kinder in der Schweiz würden zu häufig die Diagnose ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) erhalten, kritisiert Anfang Jahr der Kinderrechtsausschuss der UNO. Es sei offensichtlich, dass hierzulande zu oberflächlich diagnostiziert und zu schnell eine Therapie mit Ritalin verordnet werde. Diese Vorwürfe stossen auf heftigen Widerstand. Laut Susanne Walitza, der Ärztlichen Direktorin des Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienstes des Kantons Zürich, «entbehrt die Kritik jeder Grundlage und ist durchgängig unkorrekt». Seit 2010 stiegen die Diagnosen nicht mehr an, und auch über die Nebenwirkungen von Ritalin wisse man heute sehr genau Bescheid. (nw)


Affenversuche

Regierungsrat weist Rekurs gegen Versuchsbewilligung zurück

Anfang Dezember lässt der Regierungsrat verlauten, die Uni und die ETH Zürich dürften geplante Versuche mit drei Rhesusaffen durchführen. Er weist einen Rekurs von drei Mitgliedern der Tierschutzkommission mit der Begründung ab, der zu erwartende Erkenntnisgewinn würde die Belastungen rechtfertigen. Die Kommission hatte die Versuche vor über einem Jahr genehmigt. Mit den Experimenten wollen die Forscher jene Gehirnprozesse besser verstehen, die kognitiven Störungen, etwa einer Schizophrenie, zugrunde liegen. Ob die Versuche durchgeführt werden können, bleibt aber ungewiss. Die Rekurrenten haben angekündigt, den Rekurs ans Verwaltungsgericht weiterzuziehen. (nw)

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