Mit Vollgas in Richtung digitale ID

Das ETH-Start-up PXL Vision will im umkämpften Zukunftsmarkt vorne mitspielen.

Sie tanzen auf dem internationalen Hightech-Parkett: Die Gründer der Firma PXL Vision, Michael Born (rechts) und Karim Nemr. Fotos: Urs Jaudas

Sie tanzen auf dem internationalen Hightech-Parkett: Die Gründer der Firma PXL Vision, Michael Born (rechts) und Karim Nemr. Fotos: Urs Jaudas

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Es war eine spektakuläre Übernahme: Im Februar kaufte das milliardenschwer bewertete US-Start-up Magic Leap die 3-D-Abteilung des ETH-Spin-offs Dacuda. Und so kam es, dass im März vier ehemalige Dacuda-Mitarbeiter die Firma PXL Vision gründeten. Sie übernahmen ein florierendes Kundengeschäft – und brechen gleichzeitig zu neuen Ufern auf. Das Ziel ihrer Forschung ist nichts Geringeres als die Erschaffung eines digitalen Selbst.

Die junge Firma bezog neue Büros in Zürich-Enge. Hier kümmert sich die Hälfte der 20 Mitarbeiter (die andere programmiert in Novi Sad, der Ukraine und in Armenien) einerseits um beste­hende Kunden aus Dacuda-Zeiten und tüftelt andererseits unter Hochdruck an neuen Projekten. Computer-Vision heisst das Feld, auf dem PXL Vision ganz vorne mitmischen will. Die Konkurrenz im heiss umkämpften Zukunftsmarkt ist indes enorm und der Computer-Vision-Standort Zürich mit Facebook, Magic Leap, Disney oder Apple um einen ambitionierten Mitbewerber reicher.

Digitale Identifikation durch die Handykamera.

Dabei dreht sich in den Labs alles darum, Daten oder Bildinformationen mittels Kameras in Echtzeit zu erfassen. Oder wie Mitgründer Michael Born sagt: «Wir wollen Maschinen das Sehen beibringen.» Maschinen sollen aber nicht nur sehen oder lesen, sondern immer mehr auch erkennen und Bildinhalte interpretieren. «Das heisst, man muss zunehmend auch Intelligenz reinbringen», sagt der gebürtige Berner. Das geschieht mittels Algorithmen, «die es dem Computer ermöglichen, Inhalte innerhalb von Sekundenbruchteilen zu erkennen, zu interpretieren und aufzubereiten».

Der 40-jährige HSG-Ökonom wollte es nochmals wissen und hat als einziger der einstigen Dacuda-Gründer das Angebot ausgeschlagen, bei Magic Leap einzusteigen. Die Ausgangslage, mit bestehenden Kunden und vertrauten Mitarbeitern nochmals eine Firma gründen zu können, sei einfach zu ideal gewesen, sagt er. Neben ihm sitzt PXL-Mitgründer Karim Nemr, 32 Jahre alt, ebenfalls ein Ex-Dacuda-Mann, und nickt lächelnd.

Tatsächlich kann er zufrieden sein. Die junge Firma hat die erste Anwendung seit vergangener Woche auf dem Markt, eine sogenannte Onboarding-­Lösung, also eine App, mit der neue Kunden aufgenommen werden: den ID-Checker von Sunrise. Damit muss der Kunde, will er einen Vertrag abschliessen, zur Identifikation nicht mehr persönlich im Laden erscheinen.

Echtheitscheck durch Blinzeln

«Am besten zeigen wir das schnell», sagt Nemr, springt auf und holt Smartphone und ID hervor. Dann öffnet er die App und scannt mit der Kamera beide Seiten des Ausweises. In Echtzeit liest die Software die Daten und das Porträtfoto aus. Der Nutzer wird aufgefordert, sein Gesicht mit der Handykamera kurz zu filmen und dabei zu blinzeln. So wird sichergestellt, dass der Nutzer echt ist und kein Video verwendet wird.

Die Bildinformationen werden dann mit dem Passfoto abgeglichen, vorerst von Sunrise-Mitarbeitern, später automatisiert. Nemr: «Damit wissen wir, dass derjenige, der sich erfasst hat, auch der Besitzer der ID ist.» Am Schluss kann man mit Stift oder von Hand auf dem Handybildschirm unterschreiben, fertig. Und wie weiss die App, dass die ID nicht gefälscht ist? Man könne heutzutage mit Bildverarbeitung relativ viele Sicherheitschecks durchführen, sagt Born. In allen Ländern seien die Sicherheitsmerkmale der Ausweise indes unterschiedlich und für viele Checks super­hochauflösende Kameras nötig: «Wir müssen uns daher auf jene beschränken, die mit einer Handykamera durchführbar sind», sagt Born. So kann man erkennen, ob Abmessungen und Textelemente stimmen oder das richtige Druckverfahren angewandt wurde.

Das Interesse von Banken und Telecomfirmen an der App ist laut PXL gross, weil alle ihre Geschäftsprozesse digitalisieren wollten. Auch für die Polizei sei sie interessant, weil bei Strassenkontrollen gefälschte Ausweise sofort auffliegen. Heute könnten Maschinen Gesichter zuverlässiger erkennen als Menschen, ist Born überzeugt. «Damit der Kunde die Online-Identifikation künftig nicht bei Swisscom, Banken oder Airbnb wiederholen muss, arbeiten wir auf Hochtouren an unserem digitalen Selbst», sagt Karim Nemr.

Diese digitale Version soll im Netz dieselben Möglichkeiten und Rechte haben wie in der realen Welt und es Nutzern dereinst weltweit erlauben, sicher und kostengünstig Daten, Produkte oder Dienstleistungen auszutauschen. Eine Konkurrenz zur eben vorgestellten Swiss ID oder anderen digitalen IDs sei es nicht: «Vielmehr ist es unser Ziel, es Swiss-ID-Nutzern zu ermöglichen, die Dienste unseres global und dezentral aufgebauten Netzwerks zu nutzen», sagt Nemr.

Dacuda und die Scanner-Maus

Das hört sich gut an. Das Vorsprechen bei der Bank zur Kontoeröffnung würde künftig entfallen; ebenso liesse sich vom Notar eine Bestätigung einfordern, ohne dass man leibhaftig erscheinen muss. Anwendungsbeispiele gibt es viele. Ihre Ziele hat die junge Firma drum hochgesteckt: «Wir wollen die Onboarding-Technologie der Sunrise-App lizenzieren, global ausrollen und die Digital-ID vorantreiben und zu einem Standard machen», sagt Born selbstbewusst. Unmöglich ist das nicht, hat die Führungscrew doch das internationale Hightech-Parkett bereits betreten – und das nicht erst seit Magic Leap.

Das erste Mal von sich reden gemacht haben die PXL-Gründer vor sechs Jahren, als sie mit Dacuda ein Scan-Modul entwickelten, das sich in Computermäuse integrieren lässt und Texte und Bilder digitalisieren kann. Fährt man mit der Maus über ein Dokument, ist die Software in der Lage, aus Hunderten von Fotos das Original in Echtzeit zusammenzufügen.

Eine VR-Brille zum Gamen

Dacuda gelang es damals, den koreanischen Elektronikriesen LG von der Technik zu überzeugen. Inzwischen sind weitere dazugekommen. Heute gibt es die Dacuda-Maus weltweit in diversen Ausführungen. Den grossen Durchbruch hat sie aber nicht geschafft.

Das dabei aufgebaute Software- und Mechatronik-Wissen wird heute auch in einem anderen zukunftsträchtigen Bereich eingesetzt, in dem PXL aktiv ist: der virtuellen Realität (VR). Gemeinsam mit der Optikfirma Zeiss arbeiten Entwickler in Zürich an einer VR-Brille zum Gamen, bei der die Daten vom PC drahtlos direkt aufs Smartphone gestreamt werden, das in der Brille steckt. Bei bisherigen Brillen ist das bis jetzt nur mit Kabel möglich. Wann die Brille in den Handel kommt, ist offen. Ein Kurztest zeigt aber, dass es noch etwas dauern dürfte.

Nichtsdestotrotz, Know-how, Visionen und Ambitionen sind da, der erfahrene Gründer weiss aber auch: Wenn PXL seine Vision der E-ID vorantreiben will, braucht es Geld, viel Geld. Weshalb man mittelfristig verschiedene Finanzierungsformen prüfe. Denn im noch jungen Computer-Vision-Geschäft müsse man schnell sein «und im richtigen Augenblick richtig Gas geben können».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.11.2017, 17:24 Uhr

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