Mühleberg-Ende: Es droht Notrecht

Im Dezember geht erstmals ein Schweizer AKW vom Netz. Das erhöht das Risiko von Stromausfällen. Nun prüft der Bund extreme Massnahmen.

Um allfällige Stromengpässe zu überbrücken, will Swissgrid die Kapazitäten erhöhen: Schaltzentrale im AKW Mühleberg. Foto: Urs Jaudas

Um allfällige Stromengpässe zu überbrücken, will Swissgrid die Kapazitäten erhöhen: Schaltzentrale im AKW Mühleberg. Foto: Urs Jaudas

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

In 36 Tagen ist es so weit. Der Berner Energiekonzern BKW wird den Betrieb des Atomkraftwerks Mühleberg nach 47 Jahren einstellen. Mit der Abschaltung fällt eine bedeutende Stromquelle weg. Die Produktion der BKW reduziert sich um ein Viertel und halbiert sich im Kanton Bern.

Gesamtschweizerisch deckt Mühleberg rund fünf Prozent des Strom­bedarfs. Die BKW versichert, ihre Kundschaft «auch in Zukunft zuverlässig» mit Strom beliefern zu können – «dank unserem in- und ausländischen Produktionspark, dem internationalen Handels­geschäft sowie unserer europaweiten Vernetzung».

Das ist die Sicht des Produzenten. Für die nationale Netzgesellschaft Swissgrid, die für den sicheren Betrieb des Schweizer Übertragungsnetzes verantwortlich ist, stellen sich andere Fragen. «Die Schweiz ist auch Teil der Transitversorgung in Europa, und zudem gibt es die Pumpspeicherkraftwerke im Wallis, die nachts Strom zum Wasser pumpen wollen», sagt Maurice Dierick, Leiter Market bei Swissgrid.

«Technisch müssen wir parat sein für den Worst Case.»Irene Fischbach, Leiterin Kommunikation bei Swissgrid

Ohne Mühleberg fällt Strom aus der Schweiz weg, es braucht mehr Stromimporte, das Netz in der Nordwestschweiz wird ­dadurch zusätzlich belastet. «Das kann man beheben durch eine Spannungserhöhung, um die Leitungskapazität zu vergrössern», sagt Dierick. Konkret: Eine Verstärkung des Netz­abschnitts zwischen dem bernischen Mühleberg und Basse­court im Kanton Jura würde das Problem entschärfen.

Die Freileitung dort ist auf 380 Kilovolt (kV, 380'000 Volt) ausgelegt, wurde aber bis jetzt auf 220 Kilovolt betrieben. Swissgrid will schon lange die Spannung auf das höchste Niveau steigern. Der Plan des Netzbetreibers war, das Projekt bis zum Wegfall des AKW Mühleberg zu realisieren. Doch das Projekt ist immer noch blockiert. «Die Dringlichkeit ist ziemlich hoch», sagt Maurice Dierick.

Grafik vergrössern

Beim Gespräch mit Swissgrid-Vertretern fällt der Begriff Notrecht. «Wir sind verpflichtet, alle möglichen Szenarien zu prüfen, um unsere Aufgabe zu erfüllen», sagt Irene Fischbach, Leiterin Kommunikation bei Swissgrid. Ein Notfallszenario wäre, die Leitung im Stundentakt während einiger Tage auf 380 Kilovolt Spannung zu schalten, wenn ­Gefahr droht, dass das Über­tragungsnetz in der Nordwestschweiz ausfällt.

Technisch wäre das möglich. Es gibt seit 1978 zwischen ­Mühleberg und Bassecourt eine Leitung, die für eine Betriebsspannung von 380 kV bewilligt ist. Bisher wurde sie aber nur mit der niedrigeren Spannung von 220 kV betrieben. Technisch könnte man vereinfacht gesagt den Schalter umlegen, um auf die höhere Spannungsebene zu gelangen.

Inzwischen wurden aber unter anderem die Grenzwerte für die nicht ionisierende Strahlung verschärft. Um die Vorschriften einzuhalten, müsste man an 54 von 142 Masten Bauarbeiten vornehmen. Dazu braucht es eine Planungsgenehmigung, was die betroffenen Gemeinden bewog, neue Wünsche anzubringen. Der Fall liegt nun beim Bundesverwaltungsgericht. Wie lange es gehen wird, bis der verstärkte Stromnerv in Betrieb sein wird, kann Swissgrid schlecht abschätzen.

Juristisch nicht klar definiert

«Technisch müssen wir trotzdem parat sein für den Worst Case», sagt Irene Fischbach. Das betrifft vor allem die Winterzeit. Wie sähe ein Extremszenario aus? «Wenn die Wasserspeicher fast leer sind, in Frankreich Kernkraftwerke ausfallen – und eine Kältewelle ansteht», erklärt Maurice Dierick. Grundsätzlich hat der Gesetzgeber auf der Grundlage des Stromversorgungsgesetzes die Möglichkeit, Notrecht zu sprechen. Trotzdem ist die Sachlage juristisch nicht klar definiert. Obliegt der Entscheid zur Spannungserhöhung dem Bundesrat? «Wann soll man intervenieren, wann besteht eine Gefährdung: Solche Einzelheiten sind nicht geregelt», sagt Fischbach.

Die Befürchtungen von Swissgrid sind keine alarmistischen Szenarien. Besten Anschauungsunterricht gab es im Winter 2015/2016: Ab Mitte August 2015 waren Beznau I und II ausser Betrieb. Hinzu kam ein vorangegangener trockener Sommer, die Flüsse führten weniger Wasser als sonst, entsprechend tief war die Energieausbeute der Laufwasserkraftwerke. Im Herbst hatte das grösste Atomkraftwerk Leibstadt einen Defekt.

Weil die Stromwirtschaft den Ausfall durch die Produktion aus den Speicherkraftwerken kompensierte, entleerten sich die Speicherseen ziemlich rasch. Der November brachte nicht den erhofften Regen. Im Winter 2015/2016 konnten Stromunterbrüche nur durch enorm viele Massnahmen verhindert werden. Das Risiko steigt durch starke ­Importe im Winter enorm.

Grundlagen für Notfall

Das Übertragungsnetz könnte entlastet werden, wenn mehr zusätzlicher inländischer Strom im Mittelland zur Verfügung stünde. Dafür braucht es Höchstspannungsleitungen zwischen Chippis VS und Bickigen BE und Chamoson VS und Chippis. Beim ersten Projekt liegt noch keine Plangenehmigung vor, die Leitung von Chamoson ist im Bau.

Dennoch: Swissgrid will für den Worst Case gewappnet sein. Das Bundesamt für Energie (BFE) versucht nun, unter anderem mit dem Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung und der Eidgenössischen Elektrizitätskommission für diesen Fall juristische Grundlagen zu legen. «Wer wann für welche Bewilligungen, Analysen oder die direkte Ergreifung von Massnahmen zuständig ist, ist sehr komplex und stark vom Einzelfall abhängig», sagt BFE-Geschäftsleitungsmitglied Marianne Zünd. Wann die Arbeiten abgeschlossen sind, ist laut Zünd offen.

Erstellt: 14.11.2019, 10:21 Uhr

Artikel zum Thema

«Hoch riskant und teuer: Die Atomenergie will niemand mehr»

Interview Die Schweiz gehe nachlässig mit Atommüll um, sagt Marcos Buser. So schätzt der Geologe die Gefahr ein, die davon ausgeht. Mehr...

Sterben die Atomkraftwerke aus?

Weltweit werden weniger Atomkraftwerke gebaut. Ein Bericht schätzt sie als ungeeignet für den Klimaschutz ein. Mehr...

Neue Atomreaktoren für den Klimaschutz

SonntagsZeitung Die Atomlobby will das AKW-Verbot mittelfristig aufheben, um den CO2-Ausstoss zu senken. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Feuerschweif: Eine Spezialeinheit demonstriert am Indian Navy Day in Mumbai ihr Können. (4. Dezember 2019)
(Bild: Francis Mascarenhas) Mehr...