Neue Waffen gegen alte Bomben

Forscher haben die Gefahr durch versunkene Munition vor der deutschen Küste ausgelotet. Künftig soll ein Gerät selbstständig den Kriegsschrott unter Wasser entschärfen.

Sprengung einer alten Fliegerbombe in der Ostsee bei Sassnitz. Künftig sollen Roboter diese Arbeit deutlich dezenter erledigen. Foto: Jens Koehler (Imago)

Sprengung einer alten Fliegerbombe in der Ostsee bei Sassnitz. Künftig sollen Roboter diese Arbeit deutlich dezenter erledigen. Foto: Jens Koehler (Imago)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die neueste Waffe im Kampf gegen alte Bomben im Meer liegt zwischen Stangen in einem containergrossen Raum. Eine Plane verbirgt das Innere vor den Blicken der Gäste. Die patentgeschützte Technologie in der Vorführhalle des Bergungsunternehmens Boskalis Hirdes EOD Services in Hamburg-Harburg verträgt noch nicht zu viel Öffentlichkeit. Immerhin geht es bei dieser Demonstration, Projektname «Robemm», um einen anspruchsvollen Wurf, den das deutsche Bundeswirtschafts­ministerium in den vergangenen drei Jahren mit 3,5 Millionen Euro gefördert hat: Die Firmeningenieure haben eine Trockenkammer entworfen, die unter Wasser alte Munition aufnehmen und selbstständig unschädlich machen kann.

Die Gäste gehen in den Empfangsraum, um von dort per ­Livekamera die Präsentation aus der Kammer zu erleben. Eine Bombenattrappe erscheint in einer Klappe. Ein Roboterarm nähert sich, dockt an, führt einen Wasserstrahlschneider ein. Nebel steigt auf, als der Roboterarm mit präzisen Schnitten den Zündmechanismus unterbricht. Er bekommt den ausgeschnittenen Zünder nicht ganz aus der Attrappe. Irgendetwas klemmt. Aber Frank Seubring, technischer Direktor bei Boskalis Hirdes, ist nicht verunsichert. «Dafür ist es ein Testverfahren», sagt er, «es wird weitergeforscht.»

Gefahr für Offshore-Anlagen

Kriegsschrott im Meer ist für die Nach-Nachkriegsgesellschaft ein grosses Thema. Jahrzehntelang redete kaum jemand darüber, was wohl auch daran lag, dass die alte Munition in den Tiefen der See ganz gut aufgehoben zu sein schien. Aber diese Haltung funktioniert spätestens nicht mehr, seit der Meeresgrund sich zum Bauplatz der Energiewende-­Gesellschaft entwickelt hat. Windparkprojekte vor der Küste sind schon in Verzug geraten, weil ihre Kabeltrassen über vermintes Gebiet führten. Auch bei den nächsten geplanten Off­shore-Anlagen wird die Gefahr in der Tiefe lauern. Gefragt sind Technologien, die den Kriegsschrott finden und risikoarm wie umweltschonend wegräumen.

Experten schätzen, dass allein in den deutschen Meeren 1,6 Millionen Tonnen Kriegsschrott vor sich hin rosten: 300'000 Tonnen in der Ostsee, 1,3 Millionen in der Nordsee. Schleswig-Holsteins Umweltministerium brach vor einigen Jahren das Schweigen darüber, nachdem der damalige Minister Robert Habeck (Grüne) die Mahnungen findiger Behördenmitarbeiter erhört hatte. Seither laufen vielfältige Forschungen. Robemm ist dabei das wohl spektakulärste Projekt mit dem sperrigsten Titel, ausgeschrieben: «Robotisches Unterwasser-Bergungs- und Entsorgungsverfahren inklusive Technik zur Delaboration von Munition im Meer, insbesondere im Küsten- und Flachwasserbereich».

Und es gibt weitere Initiativen. Anfang Februar stellten das Thünen- und das Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven die Ergebnisse ihres EU-geförderten Forschungsprojekts Daimon vor (Decision Aid for Marine Mu­nition), bei dem es um die Auswirkungen der Munition auf die Meeresfauna ging. Bald darauf folgte die Bilanz von Udemm (Umweltmonitoring für die Dela­boration von Munition im Meer), bei dem Meeresforscher des Kieler Helmholtz-Instituts Geomar und des Instituts für Ostsee­forschung in Warnemünde sowie Toxikologen der Uni Kiel das Orten von Munition anhand der Wasserqualität ermöglichten.

Fische mit Lebertumoren

Daimon und Udemm liefern Daten, die zeigen, wo der geplante Roboter am dringendsten gebraucht wird. Sicherheit bei Baumassnahmen und auf Schiffsrouten hat oberste Priorität bei der Kampfmittelräumung; dass Ankertauminen oder Wasserbomben auch nach Jahrzehnten noch explodieren können, war immer klar. Dass die Munition auf Dauer auch das Leben im Meer und damit letztlich den Menschen schädigen könnte, war lange eher eine überhörte Mahnung von Naturschützern.

Jetzt hat Daimon gezeigt, dass Fische im Munitionsversenkungs­gebiet Kolberger Heide gehäuft Lebertumore aufweisen und Spuren des krebserregenden Sprengstoffs TNT im Muskelfleisch haben. Udemm hat an gleicher Stelle nachgewiesen, dass die TNT-Konzentration im Umkreis von einem Meter um die Bomben relativ hoch ist. «Die Kolberger Heide», sagt der Geomar-Professor Jens Greinert, «ist ein Kontaminations-Pool.»

Die Kolberger Heide ist eine Unterwasserlandschaft nordöstlich der Kieler Förde, nur wenige Kilometer vor der Küste des Badeorts Heidkate. Nach dem Zweiten Weltkrieg entsorgten die Alliierten unter anderem dort tonnenweise Munition. Das zwölf Quadratkilometer grosse Areal ist Sperrgebiet. Den Udemm-Forschern diente es als Kulisse für ihre Tests. Dort haben sie gezeigt, dass der Kriegsschrott sprengstofftypische Verbindungen ans Wasser abgibt. Dass Muscheln diese aufnehmen, wenn sie in der Nähe liegen. Und andere Organismen ebenso: «Kriecht ein Seestern drüber, wird der auch kontaminiert», sagt Greinert.

Dass die Munition das Leben im Meer und den ­Menschen ­schädigen könnte, war lange eher eine überhörte Mahnung von Naturschützern.

Liegt der Sprengstoff komplett frei, weil Salzwasser und Zeit die Stahlhülle zerfressen haben, belastet er das Meer noch stärker. Und Ostseewasser ganz ohne TNT-Gehalt gibt es laut Udemm praktisch nicht mehr. «Überall, wo wir Proben genommen haben, haben wir TNT nachgewiesen», sagt Greinert. Ist das Meer ein Salzwasser-Sprengstoff-Gemisch? So dramatisch sei es nicht, sagt Greinert: TNT verdünne sich schnell, die Konzentration des Sprengstoffs sei nur daher auffällig, weil die Geomar-Forscher hypersensible Messmethoden mit Nachweismengen anwendeten, die tausendmal geringer seien als alles, was man bisher nachweisen konnte.

Wie viel TNT ist gefährlich?

Allerdings finden Toxikologen schon kleinste Spuren von Sprengstoff im Meer zu viel. Die Bombenfelder könnten auf Dauer ganze Generationen von Meeresorganismen schädigen.­ Greinert sagt: «Man will keine Population kranker Fische hervorbringen.» Er empfiehlt deshalb eine achtsame Beobachtung der Kriegsreste unter Wasser.

Die Methoden dazu hat Udemm hervorgebracht, und Geomar wird das Thema weiterverfolgen. «Wir müssen stringent und methodisch gucken, wann wie viel TNT ins Wasser kommt und ob es gefährlich ist», sagt Greinert. Auch aus dem Bundesumweltministerium heisst es mit Verweis auf die jüngsten Forschungen: «Hier wird zu prüfen sein, inwieweit sich die Ergebnisse unmittelbar auf andere Gebiete in der Ostsee und darüber hinaus übertragen lassen.» Noch sieht die Behörde keine grossräumige Gefährdung.

Dort, wo der Kriegsschrott gefährlich ist, käme Robemm ins Spiel. Noch ist die Kampfmittelräumung auf offener See ein komplizierter Vorgang, der meistens mit Sprengungen endet, begleitet von teuren Schutz- und Vergrämungsmassnahmen, damit die Druckwelle der Detonation und der Lärm nicht so viel Schaden anrichten.

Mit Robemm wäre alles anders. Die Unterwasserkammer mit dem Roboterarm würde von einem Ponton aus an der richtigen Stelle mit einem autonomen Räumfahrzeug ausgesetzt. Das Fahrzeug würde die Bomben auf die Klappe der Trockenkammer legen, der Roboterarm würde ferngesteuert mit den Daten des Kampfmittels versorgt und könnte dieses dann selbstständig mit gezielten Schnitten entschärfen. Der Sprengstoff würde auf See vernichtet, der Metallschrott an Land recycelt.

Wird diese Vision Realität? Vorerst haben die Boskalis-Hirdes-Ingenieure nur bewiesen, dass ihr Konzept funktioniert. Der nächste Schritt wäre, einen Prototyp zu bauen, der sich ­bewähren muss, ehe irgend-wann eine Serienproduktion ­beginnt. «Ein privatwirtschaft­liches Unternehmen kann das ­allein nicht stemmen», sagt ­Geschäftsführer Jan Paulsen und sendet damit eine klare Botschaft aus. Wenn Politik und Gesellschaft wollen, dass die Bomben im Meer geräuschlos und ohne krankmachende Rückstände verschwinden, dann müssen sie sich auch an den nachfolgenden Projekten finanziell beteiligen.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 01.05.2019, 18:21 Uhr

Artikel zum Thema

Hier lagern die radioaktiven Abfälle – ein Besuch im Zwischenlager

Der Bau eines Tiefenlagers ist ein ständiges Politikum. Von der provisorischen Lösung in Würenlingen spricht indes niemand. So funktioniert die Lagerung. Mehr...

In die Umwelt geschleudert

Waschmaschinen spülen erhebliche Mengen Mikroplastik in die Natur. Vor allem Fleece-Stoffe geben die Teilchen ab. Das Problem liesse sich lösen. Mehr...

Was Autos über ihre Fahrer wissen

Sobald man sich in ein Auto setzt, werden Daten gesammelt. Was gespeichert wird und wer Zugriff hat. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Fanliebe: Kurz vor dem sechsten Spiel des NBA Finals zwischen den Toronto Raptors und den Golden State Warriors herrscht im Fansektor grosse Anspannung. (Toronto, 13. Juni 2019)
(Bild: Chris Helgren ) Mehr...