Die zentrale Frage beim neuen Wettlauf zum Mond

Die Chinesen wollen den Mond erschliessen. Deshalb hat es nun auch US-Präsident Donald Trump plötzlich wieder eilig.

Die USA wie auch China wollen auf dem Mond  eine permanente Basis errichten, um von dort aus das Weltall zu erforschen. Hier ein Bild der Nasa. Foto: Keystone

Die USA wie auch China wollen auf dem Mond eine permanente Basis errichten, um von dort aus das Weltall zu erforschen. Hier ein Bild der Nasa. Foto: Keystone

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Mondlandung, das ist Apollo 11 und Neil Armstrong, Fernrohr und Schwarzweiss-Fernsehen. Es ist Geschichte. Doch die Faszination für den Mondflug ist zurück, wie das weltweite Interesse an der ersten Landung auf der erdabgewandten Seite des Trabanten Anfang Jahr gezeigt hat. Gelungen war das den Chinesen mit ihrer Sonde Chang’e-4, benannt nach der chinesischen Mondgöttin. Peking verbuchte damit nicht nur einen Prestige-Erfolg. Vielmehr gehört China nun definitiv zum exklusiven Kreis der Weltraum-Mächte, mit den USA, Russland und – von geringerer Bedeutung – der Europäischen Union, Japan und Indien. Den Chinesen ist eine echte Premiere gelungen.

Seit dem Ende des Kalten Kriegs hat man im Weltraum-Club miteinander kooperiert. Als der Spaceshuttle ab 2011 am Boden blieb, flogen die US-Astronauten mit russischen Sojus-Raketen zur Internationalen Raumstation ISS. Das ist immer noch so, obwohl die Spannungen zwischen den USA und Russland wegen der Krisen in der Ukraine und in Syrien wieder zugenommen haben; das Weltall aber blieb von Sanktionen verschont.

Ob die Harmonie im Orbit anhält, scheint jedoch fraglich. Denn China macht sich auf, den Mond zu kolonisieren – mit Aussenposten, nicht unähnlich jenen im Südchinesischen Meer. Präsident Xi Jinping hat die Raumfahrt zur Priorität der Kommunistischen Partei erhoben: China will nicht nur auf der Welt die Nummer 1 werden, sondern auch im Weltall.

Chang’e-4 war auch nicht das Ende des Mond-Programms, sondern das Ende dessen Anfangs. Das strategische Ziel der Chinesen sei es, auf dem Mond eine Basis aufzubauen, um von dort aus das Weltall zu erkunden, schreibt Namrata Goswami. Die indische Sicherheitsexpertin berät die Regierung in Delhi und publiziert in den USA zum Thema «Weltall und Grossmächte». Am lunaren Südpol werden Hunderte Millionen Tonnen Wasser vermutet, womit die beiden wichtigsten Komponenten für Raketen-Treibstoff bereitstünden: Wasserstoff und Sauerstoff. «Das reicht für unzählige Missionen bis an den Rand des Sonnensystems.»

Tankstelle im Weltraum

Bisher ist der Radius der Menschheit begrenzt geblieben, weil die Raketen im Weltall nicht aufgetankt werden können. Sollte das gelingen, wäre es ein Quantensprung, da die Fortbewegung viel weniger Energie benötigt, sobald die Erdanziehungskraft einmal überwunden ist: Um eine Tonne Ladung von unserem Planeten ins Weltall zu befördern, braucht es 19 Tonnen Treibstoff; vom Trabanten aus genügt eine Tonne. So liessen sich Asteroide ausbeuten, die um die Sonne kreisen. Diese Mini-Planeten enthalten enorme Ressourcen, darunter Eisenerze, gefrorenes Wasser, Thorium, Titan oder Platin.

«Den Chinesen geht es aber nicht nur um den Mond als Basis», sagt Namrata Goswami. Sie wollen auch den Mond selbst ausbeuten, vor allem den Südpol, der reich an Bodenschätzen sei. Die chinesische Sonde hat deshalb in der Nähe aufgesetzt. Während die Apollo 11 den Mond erkundete, soll ihn die Chang’e-4 erschliessen. Das sei der erste Schritt hin zur Industrialisierung des Mondes, etwa um einen Solarsatelliten aufzubauen. Damit liesse sich Sonnenenergie sammeln und auf der Erde verteilen. «Die Amerikaner haben kein nationales Programm für derart grosse Infrastrukturprojekte», sagt Namrata Goswami.

US-Präsident Donald Trump hat jedoch – auch mit Blick auf Chinas Ambitionen im All – die Gründung der US-Space Force (USSF) angekündigt, die sechste amerikanische Teilstreitkraft. Ob Washington damit auf die chinesische Expansion reagieren kann, bleibt abzuwarten. Politikwissenschaftlerin Namrata Goswami ist skeptisch: «Amerika und seine Führung sind noch nicht aufgewacht.» Zumindest hat nun aber Trumps Vize am Dienstag angekündigt, dass die USA binnen fünf Jahren auf den Mond zurückkehren sollen. «Die erste Frau und der nächste Mann dort oben werden amerikanische Astronauten sein», sagte Mike Pence vor dem nationalen Raumfahrtsrat in Huntsville, Alabama, und er mahnte zur Eile: «Scheitern ist keine Option.»

Diese Ausgangslage erinnert an das sogenannte Space Race in den 1950er- und 1960er-Jahren. Auch Pence verglich die heutige Situation mit damals, als sich die Supermächte einen «Wettlauf ins Weltall» lieferten. Das war Kalter Krieg zum Mitfiebern, fast wie bei den Eishockeyspielen zwischen der Sowjetunion und den USA. Allerdings ging es beim Space Race nicht nur um Propaganda-Erfolge, sondern auch um die Entwicklung ballistischer Raketen, die anstatt einer Mondfähre einen Atomsprengkopf tragen konnten.

Die chinesische Sonde Chang’e-4 landete am 3. Januar 2019 auf der Rückseite des Mondes. Foto: Keystone

Die Sowjets hatten 1957 mit dem Flug des Sputnik die Welt überrascht und die westlichen Regierungen schockiert. In der Schweiz reagierte man mit der Einführung der Mengenlehre im Mathematik-Unterricht, die Nato-Staaten rüsteten auf, und die USA investierten in die Entwicklung von Raketen. Doch Moskau triumphierte erneut: 1961 flog Juri Gagarin als erster Mensch ins Weltall, umrundete mehrmals die Erde und landete als Held der Sowjetunion.

Unter Zugzwang griff US-Präsident John F. Kennedy scheinbar nach den Sternen, als er kurz darauf ankündigte, bis zum Ende des Jahrzehnts einen Mann auf den Mond und wieder heil zurück zu bringen: «Wir haben den Mond als Ziel gewählt, nicht weil es leicht zu erreichen ist, sondern gerade weil es schwierig ist.» Am 21. Juli 1969 erfüllte Neil Armstrong Kennedys Versprechen. Auch die Schweiz freute sich und erfand die Raketen-Glace. Mit Rückstand ins Rennen gestartet, waren die USA die weltweit bewunderten Sieger.

Dieses Mal bleiben wir oben

Ob nochmals eine solche Aufholjagd gelingen kann, ist umstritten. Doch die USA wollen zurück auf den Mond. Aufgeschreckt durch den chinesischen Erfolg, hat Trump den Fokus der Nasa vom Mars wieder auf den Mond verschoben. «Dieses Mal, wenn wir zum Mond fliegen, werden wir bleiben», sagte Jim Bridenstine, der Chef der US-Raumfahrtbehörde. Analog zu China planen auch die USA einen Aussenposten.

Derweil üben die Chinesen bereits, auf dem Mond zu überleben. An der Beihang-Universität in Peking simulierten die Chinesen 2017 eine Forschungsstation auf dem Erdtrabanten. Acht Studenten lebten 365 Tage lang mit einem bioregenerativen Support-System: Die Probanden rezyklierten Sauerstoff, Wasser und Essen und züchteten Kartoffeln, Weizen, Zwiebeln und Karotten. Gemäss Namrata Goswami war auch das eine erfolgreiche Weltpremiere. Ob Menschen auf dem Mond längere Zeit überleben können, bleibt unklar. Unbestritten ist, dass China in den kommenden 10 bis 15 Jahren viel daran setzen wird, die technischen Voraussetzungen dafür zu schaffen.

Nicht alle Raumfahrt-Experten im Westen lassen sich durch die chinesischen Erfolge beunruhigen. Adam Minter, Technikexperte bei Bloomberg, verweist darauf, dass sich in den USA nicht nur die staatliche Nasa um die Raumfahrt kümmere. «Dutzende Firmen bieten ihre Dienste an vom Bau kleiner Satelliten bis zu Erkundungen des Mondes», schreibt Minter, der zeitweise in Shanghai lebt. Er verweist auf Elon Musk, der kürzlich mit seiner Firma Spacex einen erfolgreichen Test absolviert hat. Die neue Kapsel Crew Dragon ist dafür vorgesehen, künftig US-Astronauten zur ISS zu fliegen. Oder auf Amazon-Besitzer Jeff Bezos. Der reichste Mensch der Welt plant für 2023 eine unbemannte Mondlandung.

Namrata Goswami aus Indien bleibt skeptisch: «Sich auf einige wenige idealistische Milliardäre zu verlassen, ist eine unsichere Strategie.» Dem US-Vizepräsidenten kommen die privaten Initiativen jedoch gelegen, um die Nasa, der er «bürokratische Schwerfälligkeit» vorwirft, unter Druck zu setzen: «Wenn kommerzielle Raketen der einzige Weg sind, um amerikanische Astronauten in fünf Jahren zum Mond zu bringen, dann werden es eben kommerzielle Raketen sein», sagte Pence.

Wer also kann sich in einem tech­nologischen Wettlauf durchsetzen, eine rigide kommunistische Diktatur oder eine liberale demokratische Gesellschaft? Das ist die zentrale Frage beim Space Race des 21. Jahrhundert. So wie schon beim Vorläufer in den 1960er-Jahren.

Erstellt: 27.03.2019, 18:24 Uhr

Hochfliegende Pläne

Die Amerikaner entwickeln ein neues Raumschiff für Erkundungsflüge zum Mond und zu Asteroiden. Die Nasa hat den Flug der Orion mit vier Astronauten für 2020 angekündigt, realistisch ist eher 2023. Ausserdem wollen die USA die Raumstation Lunar Gateway aufbauen, eine Art ISS im Orbit des Mondes. Und 2028 sollen wieder Astronauten auf dem Trabanten landen, so der ursprüngliche Plan. Nun hat die Regierung Trump den bemannten Mondflug auf 2024 vorverlegt. Zur Vorbereitung will die Nasa ein unbemanntes Gefährt auf dem Mond absetzen. Die bemannte Marsmission ist in den 2030er-Jahren vorgesehen.

Auch China will auf den roten Planeten. 2020 soll eine Sonde zum Mars fliegen, 2022 eine zu einem Asteroiden und bis 2029 eine zum Jupiter. 2035 plant Chinas Nationale Raumadministration (CNSA), eine im All auftankbare Rakete zu testen, und 2040 geht ein nuklear angetriebenes Spaceshuttle an den Start. Bisher haben die Chinesen ihre Deadlines stets eingehalten. (chm)

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