Nur ein Abenteuer reicht nicht

Bertrand Piccard und André Borschberg haben mit der Weltumrundung von Solar Impulse 2 Grosses geleistet. Doch die ganz grosse Herausforderung kommt erst.

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So werden Heldengeschichten geschrieben. Mit Rekorden. Die beiden Schweizer Abenteurer und Piloten Bertrand Piccard und André Borschberg haben auf ihrem Flug um die Welt mit dem Flieger Solar Impulse 2 neue Marken gesetzt. Mit grossem Brimborium sind sie am 9. März 2015 in Abu Dhabi gestartet. Gut eine Woche später als geplant. Fast hatte man das Gefühl, die Verspätung gehöre zur Dramaturgie. Am 3. Juli 2015 ist der grosse Tag von André Borschberg. Er hebt ab zur Königsetappe über den Pazifik. Sie dauert fünf Tage und fünf Nächte. Der Pilot kommt im engen Cockpit an seine physischen Grenzen. Noch nie war jemand so lange und so weit mit einem Flugzeug unterwegs, das seine Antriebsenergie allein aus der Sonne schöpft. Grenzwertig ist auch die letzte Flugstrecke von Kairo nach Abu Dhabi. Hitze und starke Aufwinde machen Piccard und den Ingenieuren zu­ schaffen.

Superlative und Emotionen

Die Welt nimmt über die sozialen Medien Anteil an jedem Detail der langen Reise, an den Entscheiden der Ingenieure, an der Gürtelrose von Borschberg, an der Magenverstimmung von Piccard und auch an jeder Botschaft, welche die Piloten für eine bessere Welt mit sauberer Energie aussenden. Kein Hightech-Abenteuer wurde jemals so professionell inszeniert. Die Weltumrundung ist schon in aller Munde, als Piccard 2003 den Beginn des Projekts verkündet. Der Westschweizer geizt nicht mit Superlativen. Die effizientesten Solarzellen und Elektromotoren würden eingesetzt. Das gesamte Energiesystem des Fliegers sei einzigartig.

Er versteht es, das Projekt brillant in der Schweiz und im Ausland zu vermarkten. Träume kann der studierte Psychiater wie kein Zweiter verkaufen.

Solar Impulse 2 löst an jedem Etappenort Emotionen aus. Wie der Flieger sich jeweils schwebend in der Dämmerung der Landepiste nähert, fasziniert. Der mobile Hangar beeindruckt. Solartechnik ist in Ländern wie Indien, Burma oder Ägypten noch Neuland.

So wird per Internet einem Millionenpublikum eine Energietechnik präsentiert, die bisher als wenig «sexy» galt: hocheffiziente Solarzellen, modernste Elektromotoren, starke Batterien, ein Hightech-Cockpit. Politiker und Diplomaten stellen sich gerne mit den Pionieren vor das Flugzeug. So lässt sich leichter über Klimaschutz und Energiesparen reden.

Grafik: So hat die Solar Impulse 2 die Welt umrundet Grafik zum Vergrössern anklicken

Doch die Dramaturgie des Traumes hat einige Durchhänger. Das Schauspiel zieht sich in die Länge. Zweifel kommen auf, ob das Solarflugzeug der richtige Werbeträger für die Energiewende ist. Ein Flugzeug, das nur bei absolut optimalen meteorologischen Bedingungen starten kann. Skeptiker lästern über die Ökobilanz des Projekts, weil der Flieger zum Start der Weltumrundung von Payerne nach Abu Dhabi geflogen werden muss. Ein Spektakel fürs Ego der beiden Piloten, kritisieren manche.

Der grösste Dämpfer ist jedoch die lange Zwangspause nach dem Rekordflug über den Pazifik im letzten Sommer. Solar Impulse 2 muss in Hawaii überwintern: Die Reparaturzeit für die überhitzten Batterien ist zu lang. Aus den geplanten fünf werden gut siebzehn Monate. Bertrand Piccard bleibt der anvisierte grosse Auftritt als Weltrekordmann und Solarbotschafter an der Klimakonferenz in Paris im Dezember verwehrt. Dort wird ein neuer internationaler Klimavertrag ­beschlossen, der den Ausstieg aus der fossilen Energie besiegelt. Und als Solar Impulse Mitte April die abenteuerliche Weltreise wieder aufnimmt, ist die Magie verloren. Das Interesse am Energieprojekt Piccards ist gesunken, auch in der Schweiz. Die Rekorde werden zwar in die Bücher eingehen. Doch wie lange hält sich ihre Botschaft einer künftigen sauberen Welt – ohne Kohle, Erdöl und Erdgas zu verbrennen? In Erinnerung wird nicht eine grosse technische Leistung bleiben. Die Ingenieure erfanden nichts fundamental Neues. Vorhandene Technik wurde clever für das Abenteuer optimiert. Die Bewunderung für zwei wagemutige Männer führt erfahrungsgemäss nicht zu grundlegend politischen Veränderungen. Immerhin bleibt die Gewissheit, dass mit Sonnenenergie viel erreicht werden kann.

Die grosse Chance

Die Realisierung von Piccards und Borschbergs Traum, die Erde zu retten, beginnt deshalb erst jetzt richtig. Die beiden charismatischen Männer haben nun die grosse Chance, mit weiteren Initiativen und über ihr weltweites Netzwerk die fortschrittlichen Politiker und Unternehmer davon zu überzeugen, aus der fossilen Energie auszusteigen. Die Voraussetzungen dafür sind da: Es wurden noch nie so viele Solarkraftwerke und Windkraft-Anlagen gebaut wie im letzten Jahr, obwohl der Preis für fossile Energie dramatisch sank. Weltweit arbeiten bereits gut 8 Millionen Menschen am Durchbruch der erneuerbaren Energie. Es scheint, dass die Industrie nicht zuletzt dank Initiativen wie zum Beispiel jener von Elektroautobauer Tesla in der Entwicklung leistungsstarker Batterien schneller vorwärtskommt als erwartet. Auch in der Schweiz steigt die Nachfrage nach Solaranlagen auf dem eigenen Dach kontinuierlich. Zudem ziehen immer mehr grössere Unternehmen oder Pensionskassen ihre Investitionen in fossile Energie ab. Heute wird erst 1 Prozent des weltweiten Strombedarfs durch Sonne gedeckt; in der Schweiz sind es rund 2,5 Prozent.

Die fossile Energiewirtschaft war ein gutes Jahrhundert das Rückgrat moderner Errungenschaften und des Wohlstandes. Eine Abkehr von diesem Zeitalter braucht Geduld. Am Durchhaltevermögen der zwei Flugpioniere soll es nicht liegen.

Erstellt: 25.07.2016, 22:25 Uhr

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