Ohne Elektroauto gibt es keine Energiewende

Allen Einwänden zum Trotz: Stromgetriebene Fahrzeuge sind die umweltfreundlichste Form der Mobilität. Der Tesla ist bloss ein schlechtes Beispiel.

Ressourcenschonender als ein Tesla: Elektro-Kleinwagen aus chinesischer Produktion. Foto: Reuters

Ressourcenschonender als ein Tesla: Elektro-Kleinwagen aus chinesischer Produktion. Foto: Reuters

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Seit der Multimilliardär Elon Musk seinen Tesla propagiert, steht das Elektroauto für Reiche – Anschaffungskosten ab knapp 90'000 Franken – für die Elektromobilität schlechthin. Die Autoindustrie auf elektrisch umzubauen, ist eine hehre Absicht. Musks Argumente klingen tatsächlich umwelt- und klimafreundlich. Ob aber der Tesla das richtige Fahrzeug ist, um die Vorteile der Elektromobilität zu bekräftigen, ist fraglich. Denn der Wagen eignet sich in dieser Version wenig dazu. Die Batterien für eine grosse Reichweite machen ihn 2,1 Tonnen schwer, und die Leistung von bis zu 700 PS hat nichts mit Nachhaltigkeit zu tun. Es überrascht also nicht, wenn die Umweltwerte heute nicht dem Bild entsprechen, das Verfechter der Elektromobilität malen.

Sinnvoller ist es, die Kompaktfahrzeugklasse in der Grössenordnung zwischen Kleinwagen und Mittelklasse miteinander zu vergleichen. Dabei zeigt eine Studie des Zentrums für Technologieabschätzung (TA-Swiss) Folgendes: Elektrofahrzeuge emittieren im Vergleich zu Autos mit Verbrennungsmotor deutlich weniger Treibhausgase pro gefahrenen Kilometer. Und zwar selbst dann, wenn sie ihre Energie aus dem Strommix der EU mit Anteilen an Kohlestrom beziehen. Auch wenn in der Schweiz Gaskraftwerke als Ersatz für die Atomkraft gebaut würden, wäre die CO2-Bilanz immer noch besser. Insofern ist das Land für die Elektromobilität geschaffen, dank dem eigenen, praktisch CO2-freien Stromangebot.

Ohne Materialrecycling geht es nicht

Wer also heute in der Schweiz ein Mittelklasse-Elektroauto kauft, darf durchaus argumentieren, er sei klimafreundlich unterwegs. Solange er nicht dem Irrtum verfällt, das reiche als Ausrede, um mehr zu fahren. Der Klimabonus wäre dann schnell aufgebraucht. Es muss ihm auch bewusst sein, dass er nach wie vor zu den Pionieren gehört, zumal diese Fahrzeuge umwelttechnisch erst am Anfang stehen: So sind zum Beispiel Lithium für den Bau der Batterien und Seltene Erden für die Elektronik nicht unbeschränkt vorhanden und kommen nur in wenigen Ländern vor. Allerdings gibt es Konzepte für Elektromotoren und Batterien, die keine kritischen Metalle enthalten.

Der Umweltvorteil eines Elektroantriebs – berechnet über die gesamte Lebensdauer, von der Herstellung bis zur Entsorgung – ist aber längerfristig von der Entwicklung des Recyclings der begrenzten Materialien abhängig. Je grösser die Nachfrage nach Elektrofahrzeugen, desto stärker wird der ökonomische Anreiz sein, Recycling-Technologien zu entwickeln, die es bis dato nur ansatzweise gibt. Die Schweiz könnte dabei mit ihrem technischen Know-how an den Hochschulen und in der Industrie davon profitieren. Rohstoffrecycling ist ein globales Geschäft.

Das Auto als Stromspeicher

Die Elektromobilität spielt eine wichtige Rolle in der Energiestrategie 2050 des Bundesrates. Grundsätzlich soll die fossile Energie Schritt für Schritt durch Strom ersetzt werden. Elektrizität wird durch unterschiedliche Arten bereitgestellt: Wasserkraft, Fotovoltaik, Windenergie und bisweilen auch Atomkraft. Spielen diese Energiequellen künftig auch in der Mobilität eine Rolle, so kann die einseitige Abhängigkeit der fossilen Energie aus dem Ausland reduziert werden. Mit 9 Prozent der Schweizer Stromproduktion, so Schätzungen der TA-Swiss, lassen sich 65 Prozent des motorisierten Individualverkehrs elektrifizieren.

Das Elektroauto ist zwar in erster Linie ein Fortbewegungsmittel. Es kann aber im Vergleich zu den Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor selber zum Stromversorger werden. Autos sind täglich im Durchschnitt 23 Stunden parkiert. Deshalb lassen sie sich als Energiespeicher nutzen. Mit überschüssigem Sonnenstrom bei schönem Wetter Autobatterien geladen und damit lokale Stromnetze entlastet werden.

Sprechen wir von der künftigen klimaschonenden Stromversorgung, müssen wir auch über die Rolle des Verkehrs offen diskutieren.

Das «Tages-Anzeiger»-Forum «Mobilität 2015 - Roadmap zum Auto der Zukunft» findet am 24. November 2015 im Gottlieb Duttweiler Institut in Rüschlikon statt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.11.2015, 19:24 Uhr

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