Ohne Strategie zum Erfolg

Der Bund verzichtet auf einen Masterplan bei der Elektromobilität. Der Durchbruch auf dem Schweizer Markt wird nach 2020 erwartet. Noch fehlen allerdings Ladestationen.

Elektroautos werden sich nach Ansicht der Bundesbehörden auch ohne besondere staatliche Eingriffe durchsetzen. Foto: Thomas Egli

Elektroautos werden sich nach Ansicht der Bundesbehörden auch ohne besondere staatliche Eingriffe durchsetzen. Foto: Thomas Egli

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Vor zehn Jahren gehörte der Besitzer eines Elektroautos in der Schweiz noch zur Gattung Pionier. Heute liegt er im Trend. Die Zuwachsrate an reinen Elektro- und Hybridautos übertraf im letzten Jahr jene der Benzin- und Dieselfahrzeuge. Steil steigt die Zahl der Neuzulassungen an, allerdings immer noch auf bescheidenem Niveau. Rund 47'000 E-Autos fahren seit 2010 auf den Schweizer Strassen. Für Umweltorganisationen und den Verband Swiss Emobility geht die Entwicklung immer noch zu langsam vor sich.

Christoph Schreyer, Leiter Mobilität beim Bundesamt für Energie, glaubt jedoch, dass sich das schon bald ändern wird. Er begründet seinen Optimismus in einer neuen Emissionsvorschrift, welche die Schweiz von der EU übernehmen wird. Das hat das Parlament Ende September im Rahmen des ersten Massnahmenpakets der Energiestrategie 2050 beschlossen. Jeder Neuwagen darf ab 2021 im Durchschnitt nur noch 95 Gramm Kohlendioxid (CO2) pro Kilometer ausstossen.

Infografik: Steigende Nachfrage nach Elektroautos Grafik vergrössern

«Eine strenge Regel, die Autoimporteure nur erreichen werden, wenn sie den Absatz von Elektroautos und Plug-in-Hybriden markant erhöhen», sagt Schreyer. Plug-ins fahren mit Elektro- und Verbrennungsmotor, und deren Batterie wird an der Steckdose aufgeladen.

Keine Kaufprämien

Schreyer listet eine Reihe weiterer Massnahmen des Bundes auf, die der Elektromobilität zum baldigen Durchbruch verhelfen sollen. Knapp 13 Millionen gab der Bund in den Jahren 2010 bis 2014 aus für Forschung und Entwicklung, für ­Pilot- und Demonstrationsprojekte und für Informationskampagnen und Beratung. Und derzeit tourt das Bundesamt für Energie mit der Roadshow «CO2tieferlegen» durch die grössten Schweizer Städte und Messen. Sie will die Öffentlichkeit darauf aufmerksam machen, dass die Angebotspalette an effizienten Fahrzeugen ständig grösser wird.

Eine «separate Strategie» sei deshalb nicht notwendig, heisst es im letztjährigen Bericht des Bundesrates auf die ­Motion «Elektromobilität. Masterplan für eine sinnvolle Entwicklung», die 2012 vom Parlament gutgeheissen wurde. So kommen auch keine Prämien infrage beim Kauf eines Elektroautos. «Für Subventionen wie in Norwegen sind in der Schweiz politisch keine Mehrheiten zu finden», sagt Christoph Schreyer. Ein Käufer zahlt in Norwegen weder Import- noch Mehrwertsteuer. Zudem zahlt er nicht einen Rappen fürs Parkieren, und es ist ihm erlaubt, die Busspur zu benutzen. Wie recht Schreyer mit der Schweizer Mentalität hat, bekam seine Chefin, Energieministerin Doris Leuthard, diese Woche zu spüren. Ihr Vorschlag, den Pannenstreifen für Elektroautos freizugeben, wurde harsch kritisiert.

«Für Subventionen wie in Norwegen sind in der Schweiz politisch keine Mehrheiten zu finden»

Schreyer ist jedoch davon überzeugt, dass sich die Elektroautos bereits mittelfristig auch ohne öffentliche Kaufprämien durchsetzen werden. Als Beispiel nennt er den neuen Opel Ampera-e, der kürzlich am Autosalon in Paris vorgestellt wurde. Das ist ein Mittelklasse­wagen, der laut Hersteller mit einer Batterieladung über 400 Kilometer fährt und unter 40'000 Franken kostet. «Dieses Fahrzeug wird absolut massentauglich sein», sagt Schreyer. Auch klimapolitisch ist für ihn die Elektromobilität inzwischen opportun. Mit dem Schweizer Strommix, so zeigen Daten des Paul-Scherrer-Instituts, sind Elektroautos schon heute punkto CO2-Emissionen den Verbrennungsmotoren überlegen. Dabei sind auch die höheren Emissionen bei der Herstellung des Fahrzeugs und der Batterie einkalkuliert.

So korrigieren auch die Autoren des TA-Swiss-Berichts zur Elektromobilität in der Schweiz ihre Einschätzung zur Entwicklung der Elektromobilität nach oben – auch wenn niemand etwas zur Förderung unternimmt. Peter de Haan von Basler und Partner, Mitautor der Studie, sieht dank den neuen Emissionsvorschriften ab dem Jahr 2020 einen starken Aufschwung. Dann soll der Marktanteil von Elektroautos und Plug-in-Hybriden etwa 10 Prozent der Neuzulassungen betragen. Jörg Beckmann vom Verband Swiss Emobility schätzt, dass 2020 etwa 100'000 Elektroautos in der Schweiz unterwegs sein ­werden.

Hürden für Investoren

In den nächsten Jahren soll jedoch die jährliche Wachstumsrate eher sinken, weil die fehlende Ladeinfrastruktur hemmend wirkt. «Das Bundesamt für Energie hat nicht geplant, analog zu den EU-Mitgliedsstaaten eine Ladesäulenverordnung mit zwingenden Vorgaben zu erlassen», sagt Peter de Haan. Er kritisiert auch, dass der Bund die Errichtung von Schnellladepunkten auf dem Hochleistungs-Strassennetz derzeit nicht koordiniere. In die gleiche Kerbe haut auch Swiss Emobility.

«Es müssen bestehende ordnungspolitische Hürden abgebaut werden»

«Es müssen bestehende ordnungspolitische Hürden abgebaut werden», sagt Jörg Beckmann. Er spricht dabei unter anderen die Raststätten an den Autobahnen an, die sich ideal für Schnellladestationen eigneten. Wegen alter Konzessionen zwischen Bund, den Kantonen und Gemeinden sei es für Investoren allerdings schwierig, eine Schnellladinfrastruktur aufzubauen. Eine Stromabgabe an Dritte ist in den Verträgen nicht vorgesehen.

Dabei sei der Bundesrat überzeugt, dass der Aufbau der Ladeinfrastruktur am effizientesten auf privater Basis erfolge, wie vom Bundesamt für Energie (BFE) zu erfahren ist. Der Bund setze auf den direkten Austausch mit der Branche. Dazu hat das BFE Anfang Jahr die Plattform «Ladenetz Schweiz» lanciert. Zudem hat das Bundesamt für Strassen (Astra) immerhin Empfehlungen für Schnellladestationen auf Autobahnraststätten publiziert. Das sei der «Schweizer Weg»: ohne grosse staatliche Markteingriffe und Vorschriften. Als Erfolgsbeispiel führt das BFE das Westschweizer Start-up Greenmotion an, das in den nächsten Jahren ein Netz von etwa 1600 Schnellladestationen errichten will.

Wie schnell auch immer die Elektromobilität in der Schweiz kommen wird: Der Bundesrat will langfristig bis zum Jahr 2050 die CO2-Emissionen pro Kopf auf ein bis zwei Tonnen reduzieren. «Um dieses Ziel zu erreichen, müsste der Individualverkehr total elektrifiziert werden», sagt Stefan Hirschberg vom Paul-Scherrer-Institut. Der Physiker bezieht sich dabei auf neue Modellrechnungen, die demnächst veröffentlicht werden. Eine Voraussetzung sei dabei eine konsequente Energiestrategie der Schweiz in Richtung CO2-freie Energie bei der Eigenproduktion und beim Importstrom.

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Erstellt: 13.10.2016, 19:09 Uhr

Serie

Elektroautos

Die Entwicklung der Elektroautos schreitet schneller voran als erwartet. Das zeigen die jüngsten Zahlen zur Marktentwicklung. Was uns in nächster Zukunft erwartet, dokumentieren wir in einer losen Serie. Bisher sind folgende Beiträge erschienen: «Offensive gegen Tesla (27. 9.); «Jetzt tut sich Entscheidendes» (30. 9.). In der nächsten Folge wird der Elektro- mit dem Verbrennungsmotor verglichen. (lae)

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