Wenn Ärzte simulieren

Ärzte und Pflegekräfte trainieren in Simulations-OPs die menschliche Seite ihrer Arbeit: Fehleranalyse, Teamwork und Gesprächskultur.

Eine Geburt im Simulationszentrum der Universität Zürich. Das Spitalteam muss hier zeigen, dass es gut zusammenarbeiten kann: Bild: Sabina Bobst

Eine Geburt im Simulationszentrum der Universität Zürich. Das Spitalteam muss hier zeigen, dass es gut zusammenarbeiten kann: Bild: Sabina Bobst

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Simulation gehört zu den Methoden der Aus- und Weiterbildung in vielen Berufen. Piloten, Panzerfahrer oder Kraftwerkoperateure üben an Simulatoren, für Verkehrsingenieure gibt es an der ETH sogar eine grosse Modellbahnanlage mit Signaltechnik aus der realen Welt. Ärzte, Pflegefachleute und medizintechnisches Fachpersonal des Universitätsspitals Zürich werden zum Üben in die realistischen Operationsräume des Simulationszentrums aufgeboten.

Hier wird zum Beispiel mithilfe einer Puppe – die Fachleute sprechen von Phantom – eine Geburt nachgeahmt. Der Übungsleiter kann von einem Regieraum aus die Funktionen des Phantoms fernsteuern, etwa Komplikationen, wenn das Kind nicht die normale Lage hat. Trainiert wird aber nicht vordergründig die Handhabung von Geräten und Instrumenten, sondern die menschliche Seite der Arbeit. Es geht deshalb auch nicht darum, eine Situation zu schaffen, die möglichst realitätsnah ist. Die Simulation soll Ärzte und Pflegende in eine Umgebung versetzen, in der die Gruppendynamik des Teams sichtbar wird.

Das Fachgebiet von Michaela Kolbe, der Leiterin des Simulationszentrums, ist die Arbeits- und Organisationspsychologie. Dazu gehört, was die Fachleute mit Debriefing und mit Speaking Up bezeichnen. Es geht um die Nachbearbeitung von Risikosituationen, um die Analyse sowohl von Fehlern als auch von Erfolgen. In einer Fachzeitschrift wurde das Thema prägnant in eine Titelzeile gepackt: «Warum hast du nichts gesagt?» Der wichtigste Teil der Übungen im Simulationsraum kommt denn auch jeweils am Schluss. Die Equipe hat ihre Aufgaben am Phantompatienten gelöst. Medizinisch haben die Abläufe geklappt, im wirklichen Leben würde der Fall als erfolgreich abgeschlossen.

Selbstkritik und Offenheit

Nicht so im Simulator: Nun kommt die Analyse. Die Beteiligten diskutieren, wie sie den Prozess erlebt haben und wie sie sich ihr Handeln im Team erklären. Jetzt steht nicht mehr der Patient im Mittelpunkt. Nun sind Selbstkritik und Offenheit gefragt. Die Szenen am Operationstisch oder im Gebärsaal wurden aufgezeichnet, kritische Situationen können auf der Leinwand nachvollzogen werden.

Sprechen die Beteiligten jetzt spontan über die Mängel bei der Zusammenarbeit? «Nein», sagt Adrian Marty, der medizinische Leiter des Simulationszentrums. Eher reden sie über technische Details, als eine Diskussion über das Verhalten von Kollegen oder gar des Chefs zu beginnen.

Das Gespräch müsse von den Instruktoren gezielt in Gang gebracht werden. Hemmungen, einer Kollegin zu nahe zu treten, müssen abgebaut werden. Da hilft es sehr, dass die Übung in einer Umgebung stattfindet, in der sich die Teilnehmer sicher aufgehoben fühlen und von wo nichts – vor allem nicht die Videoaufzeichnung – nach aussen gelangt.

Schwierige Fehlersuche

«Was einen weiterbringt, sind die Reflexion und die Entschleunigung», sagt Michaela Kolbe. Die Simulation macht möglich, was im Alltagsbetrieb nicht geht. Man kann die Aufzeichnung anhalten und in Ruhe besprechen. Der Vorgang der Nachbesprechung sei viel komplexer, als gemeinhin angenommen werde, sagt die Psychologin. «Das Schwierige ist, herauszufinden, warum ein Fehler passiert ist», erklärt Adrian Marty aus seiner Erfahrung. Oft liegt die Ursache darin, dass Unklarheiten nicht ausgesprochen wurden. Man hat nicht nachgefragt, vielleicht nicht gewagt, eine Frage zu stellen. Sich einzumischen, gilt nicht unbedingt als Tugend bei der Arbeit.

Spielt die Hierarchie in einem Operationsraum eine Rolle? Immer weniger, finden die beiden Experten des Simulationszentrums. Viele Oberärzte und Chefärzte seien sich bewusst, wie wichtig ein offenes Gesprächsklima bei der Verhinderung von Fehlern sei. «Natürlich muss man wissen, in welchem Ton man eine Kritik anbringt», meint Marty. Auch darüber könne man im Simulationsmodell diskutieren. Die meisten Teilnehmenden äusserten sich nachher positiv über ihre Erfahrungen mit dem Simulator.

«Man muss fair sein, es geht nicht um eine Prüfung oder einen Eignungstest.»Michaela Kolbe, Leiterin des Simulationszentrums

Als Grundsatz gilt im Universitätsspital, dass alle medizinischen Angestellten einmal im Jahr einen halben oder ganzen Tag im Simulationszentrum zubringen sollen. Allerdings machten es der Schichtbetrieb und die Arbeitszeitbegrenzung schwierig, diese Vorgabe einzuhalten, bedauert Michaela Kolbe. Besonders lehrreich seien Übungen mit Teilnehmern aus ganz unterschiedlichen Kliniken, sagt Adrian Marty. Bei der interdisziplinären Zusammenarbeit zeigten sich die Probleme und auch die Vorteile des Teamworks besonders deutlich. In der Regel sind die Teilnehmenden einer Sparte unter sich, die Übungen werden von Instruktoren aus dem gleichen Fachgebiet vorbereitet und begleitet.

Die Übungsleiter werden aus dem Personal der Abteilungen rekrutiert und für die Arbeit mit Simulationen geschult. Die Leitung des Zentrums unterstützt die Übungsanlagen und Trainings. «Manchmal müssen wir ein wenig bremsen», sagt Adrian Marty. Die Fälle sollen die Teilnehmer nicht überfordern und sich an der Realität orientieren. «Man muss fair sein, es geht nicht um eine Prüfung oder einen Eignungstest», betont Michaela Kolbe.

Dass bei den Simulationen auch eher selten vorkommende Zwischenfälle gespielt werden, ist Programm. Das kommt letztlich auch dem Patienten zugute. Simulationen als Prüfungsinstrument einzusetzen, findet Adrian Marty allerdings heikel, obschon international gegenwärtig ein Trend in diese Richtung bestehe. «Aber allein mit einer Simulation kann man nicht beweisen, ob jemand ein guter Arzt wird.»

Die Nasa als Vorbild

In einer Simulationssituation und der nachfolgenden Analyse kann man das Teamwork untersuchen und verbessern. Michaela Kolbe nutzt die Erfahrungen des Simulationszentrums, um hinter das Geheimnis der Teamarbeit zu kommen. Die Hindernisse, die einem offenen Gespräch im Wege stehen, kennt man jetzt.

In einem Forschungsprojekt, das vom Schweizerischen Nationalfonds unterstützt wird, möchten Kolbe und ihr Team Methoden entwickeln, um die Nachbearbeitung zu verbessern. Die Simulationsumgebung ist dafür das Übungsfeld, doch Debriefing und Speaking Up müssten auch im Alltag zur Selbstverständlichkeit werden. In einer Betaversion wird bereits eine App getestet, die es erleichtert, eine Nachbesprechung auch im Alltag zu strukturieren.

Noch weiter geht die Forschung bei der Frage, wie sich Teamwork definieren, messen und lehren lässt. Diese Arbeit steht erst am Anfang. Michaela Kolbe hat sich an aktuellen Entwicklungen der US-Raumfahrtbehörde Nasa orientiert. «Für die Raumfahrt ist Teamfähigkeit sehr wichtig, die Astronauten sind weit weg und auf sich allein gestellt», erklärt Michaela Kolbe. Bei der Nasa werde mit Körpersensoren experimentiert, deren Daten Auskunft über gewisse Stresszustände eines Teams geben. «Wir verwenden diese Sensoren auch in einer Studie», sagt sie. Welche Schlüsse aus den Daten möglich seien, müsse aber erst noch erforscht werden. Das Ziel ist es, Genaueres über das Phänomen Teamwork zu erfahren, damit diese wichtige Fähigkeit noch gezielter gefördert werden könnte.

Erstellt: 18.06.2018, 10:33 Uhr

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