Müssen sich die Anwohner Sorgen machen?

Heute um 12.30 Uhr wird das Atomkraftwerk Mühleberg abgeschaltet. Was passiert da genau?

Am Freitag um 12.30 Uhr ist es so weit: Zwei Knöpfe werden gedrückt und das Atomkraftwerk Mühleberg unspektakulär abgeschaltet. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

Am Freitag um 12.30 Uhr ist es so weit: Zwei Knöpfe werden gedrückt und das Atomkraftwerk Mühleberg unspektakulär abgeschaltet. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

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Wie und wann wird das Atomkraftwerk abgeschaltet?
Heute, Freitagmorgen, fährt die Betreiberin BKW ihr Atomkraftwerk Schritt für Schritt runter, indem Steuerstäbe zwischen die Brennstoff­elemente mit Uran eingeführt werden, um eine Kettenreaktion zu unterbinden. Am Mittag gegen 12.30 Uhr ist es dann so weit: Zwei Knöpfe werden gedrückt und das Atomkraftwerk unspektakulär abgeschaltet. Der Druck im Kernreaktor wird dann abgebaut. Innerhalb von 7 Stunden wird die Temperatur des Reaktorwassers von 280 auf 100 Grad Celsius fallen. Am 22. Dezember ist der Prozess des Herunterfahrens abgeschlossen. Wir berichten live über die Abschaltung.

Wie viel Strom fällt nach der Abschaltung weg?
Mühleberg deckt etwa 5 Prozent des schweizerischen Strombedarfs ab. Das Atomkraftwerk hat in den letzten 47 Jahren etwa 120 Milliarden Kilowattstunden produziert, was gemäss BKW den heutigen Konsum der Stadt Bern für mehr als hundert Jahre decken würde. Mit der Abschaltung reduziert sich die Produktion der BKW um ein Viertel und halbiert sich im Kanton Bern. Neu stammt ab 2020 die Stromproduktion zu 22 Prozent aus dem Kanton Bern, zu 28 Prozent aus der restlichen Schweiz und zu 50 Prozent aus dem Ausland.

Wird nun mehr Kohlestrom aus dem Ausland in die Schweiz fliessen?
Es wird wohl unter dem Strich über das ganze Jahr betrachtet nur wenig mehr Importstrom fliessen. Am meisten Strom wird im Winter importiert. Die BKW hat bisher auch dank Mühle­berg ausschliesslich CO2-armen Strom anbieten können. Der vorgeschriebene Herkunftsnachweis wird im nächsten Jahr zeigen, ob es auch in Zukunft ohne Kohlestrom gehen wird.

Wird das Stromnetz nach der Abschaltungstärker belastet?
Zeitweise wird das Stromnetz in der Nordwestschweiz durch Importstrom aus Deutschland und Frankreich zusätzlich belastet. Die nationale Netzgesellschaft Swissgrid wollte deshalb bis zum Wegfall von Mühleberg den Netzabschnitt zwischen dem bernischen Mühleberg und Bassecourt im Kanton Jura verstärken. Das Projekt ist gut aufgegleist, jedoch durch Einsprachen blockiert.

Müssen wir mit mehr lokalen Störungen im Stromnetz rechnen?
Grundsätzlich ist die Abschaltung für die Energieversorgung der Schweiz kein Problem. Doch im schlimmsten Fall kann das Risiko im Winter durch starke Importe steigen: Wenn weitere Atomkraftwerke durch Störungen oder Reparaturen aussteigen und gleichzeitig Laufwasserkraftwerke nach einer Trockenperiode weniger Strom produzieren und Stauseen ungewöhnlich wenig Wasser führen. Geschehen im Winter 2015/16.

Der Rückbau verursacht 200'000 Tonnen Material. Nur ein Teil davon ist radioaktiv.

Wie viele Atomkraftwerke sind bisher in Europa abgeschaltet worden?
In Deutschland sind 29 Reaktorblöcke abgeschaltet worden. Die restlichen sieben sollen bis spätestens 2022 vom Netz gehen. In Frankreich wird das Atomkraftwerk Fessenheim 2020 ausser Betrieb gesetzt. Grossbritannien will bis 2035 alle sieben Atomkraftwerke abschalten.

Welches Atomkraftwerk in der Schweiz wird als Nächstes vom Netz gehen?
Das wird wohl Beznau sein. Seine beiden Meiler haben die Jahrgänge 1969 respektive 1971, sie sind also deutlich älter als die zwei anderen verbleibenden AKW Gösgen (1979) und Leibstadt (1984). Eine Gewähr dafür gibt es freilich nicht. Die Energiestrategie 2050 sieht keine fixen Abschaltdaten für die noch laufenden Atomkraftwerke vor. Vielmehr dürfen die Meiler so lange weiterlaufen, als sie von der Atomaufsichtsbehörde des Bundes (Ensi) als sicher eingestuft werden. Die Axpo hat angekündigt, Beznau ungefähr bis 2030 weiterbetreiben zu wollen, also rund 60 Jahre.

Wann beginnt der Rückbau von Mühleberg?
Am 6. Januar nach den Weihnachtsferien. «Es war immer ein grosses Anliegen, dass wir nach dem Abstellen nahtlos weitermachen können», sagt BKW-Chefin Suzanne Thoma. Weil ein zügiges Vorgehen die Kosten des Rückbaus senke. Ein 15-köpfiges Team war für die Planung des Rückbaus verantwortlich. Für den operativen Einsatz wird die Gruppe auf 100 Leute erweitert.

Wann ist der Rückbau abgeschlossen?
Nach 15 Jahren. Weil die Anlage nach 47 Betriebsjahren voller Material ist, das in unterschiedlichem Ausmass selber radioaktiv oder verstrahlt ist. Man kann den AKW-Rückbau mit dem Abriss eines Gebäudes vergleichen, das stark kontaminiert ist, zum Beispiel mit Asbest – nur in einem sehr viel grösseren Massstab.

Beginnt die Demontage sofort?
Nein. Zuerst laufen Vorbereitungsarbeiten ausserhalb des Reaktors an. Der Reaktor verbleibt noch drei Monate unan­getastet im abgeschalteten Zustand. In dieser Zeit hat sich der radioaktive Zerfall der ausgedienten Brennelemente um das 1000-fache gegenüber dem Betrieb reduziert. Nach drei Monaten werden die Brennstäbe aus dem Reaktor in das Lagerbecken umplatziert – und dieses mit einem autarken Sicherheitssystem ausgestattet. Das Brennstabbecken, ein Wasserbecken, ist dann vom übrigen Reaktor abgekoppelt, sodass dort demontiert werden kann. Das Gros der Zerlegungsarbeiten beginnt erst, wenn die Brennstäbe 2024 aus dem AKW entfernt sind.

Wo werden die Brennstäbe zwischengelagert?
Sie gelangen ins zentrale Zwischenlager (Zwilag) in Würen­lingen, wo sie gelagert bleiben, bis das Endlager gemäss aktueller Planung um 2060 in Betrieb ist. Mit der Entfernung der hoch radioaktiven Brennstäbe wird das Atomkraftwerk von rund 98 Prozent der Radioaktivität befreit. Im Zwilag hat es genügend Platz, um die radioaktiven Rückbaumaterialien aller fünf Schweizer Atomkraftwerke zu deponieren.

Das Personal wird beim Rückbau ständig radiologisch überwacht. Das gilt auch für die Abluft und das Abwasser.

Was passiert mit dem Rest?
Bis 2031 wird das restliche radioaktive Material entfernt. In viel Kleinarbeit müssen unzählige Anlagenteile zerlegt, wenn möglich von der Strahlung gesäubert und sortiert werden. Dabei kommen unterschiedliche Techniken zum Einsatz. Die hoch radioaktiven Reaktoreinbauten etwa werden von ferngesteuerten Maschinen unter Wasser zerlegt. Leicht verstrahlte Materialien können mit Sandstrahlern oder Hochdruckreinigern dekontaminiert werden, teils reicht bereits Waschen oder Wischen. Die von der Radioaktivität befreiten Gebäudehüllen werden dann bis 2034 konventionell abgerissen. Gereinigte Materialien kommen auf die normale Deponie, nach Möglichkeit werden sie wiederverwertet. Radioaktive Stoffe gelangen ebenfalls ins Zwilag.

Wie viel Atomabfall entsteht?
Das AKW Mühleberg weist eine Gesamtmasse von 200'000 Tonnen auf. Nach der Reinigung eines Teils des radioaktiv verunreinigten Materials verbleiben rund 4000 Tonnen oder knapp 2 Prozent radioaktiver Abfall. Gut 100 Tonnen davon sind hoch radioaktiv und damit am schwierigsten zu lagern. Der Rest gehört in die Kategorie schwach- und mittalaktiv.

Müssen sich Mitarbeiter und Anwohner während des Rückbaus Sorgen machen?
Beim Rückbau gelten die gleich hohen Standards wie beim Betrieb des Atomkraftwerkes. Sämtliche Arbeiten mit radioaktivem Material werden unter den erforderlichen Schutzmassnahmen im Gebäude durchgeführt. Mitarbeiter sind wenn nötig in Arbeitsboxen tätig, die über einen eigenen gefilterten Luftkreislauf verfügen. Das Personal wird ständig radiologisch überwacht. Das gilt auch für die Abluft und das Abwasser. Deren Radioaktivität muss gemäss BKW deutlich unter den gesetzlichen Limiten liegen.

Wann ist das Gelände frei von radioaktivem Material?
Ende 2030, wenn der Rückbauplan eingehalten wird. Gibt es keine radioaktiven Quellen mehr, gibt die Behörde das Gelände frei. Ab 2034 kann das Areal neu genutzt werden.

Was geschieht mit dem Personal des Kraftwerkes?
Für die BKW ist es zentral, das AKW mit der Betriebsmannschaft zurückzubauen – um davon zu profitieren, dass das Personal die Anlage gut kennt. Von den rund 350 AKW-Angestellten werden im Durchschnitt 200 für die Stilllegung gebraucht, rund 100 werden im Lauf des Prozesses pensioniert, weitere wechseln zu anderen BKW-Gesellschaften. Durchschnittlich 80 Personen kommen zusätz­lich von spezialisierten Unternehmen.

Ist das Gelände 2034 eine grüne Wiese?
Da legt sich die BKW bisher nicht fest. Möglich sei auch eine industrielle Nutzung, heisst es. Falls dereinst Erdgaskraftwerke, die bisher nicht wirtschaftlich sind, zur Debatte stehen, wäre Mühleberg ein zumindest denkbarer Standort.

Erstellt: 20.12.2019, 07:32 Uhr

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