Drohnenstopp trifft private Piloten am härtesten

Alle Gesuche für Drohnenflüge liegen auf Eis, weil das Bundesamt für Zivilluftfahrt überlastet ist.

Der Luftraum wird immer knapper: Drohnen im Formationsflug bei Losone. Foto: Pablo Gianinazzi (Keystone)

Der Luftraum wird immer knapper: Drohnen im Formationsflug bei Losone. Foto: Pablo Gianinazzi (Keystone)

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Die Schweizer seien ein drohnenfreundliches Volk, schreibt die amerikanische Zeitschrift «Drone 360» in ihren Reisetipps für Drohnenfotografen. Der liberale Umgang mit den unbemannten Flugobjekten lockt internationale Firmen an. So testet ein Unternehmen aus dem Silicon Valley im Tessin den Transport medizinischer Proben zwischen Spitälern und in Zollikon einen Päcklilieferdienst mit seinen Drohnen. In Amerika wären diese Versuche wegen der strengen Regulierung kaum möglich.

Doch jetzt zeigt sich, dass Private von der grundsätzlich liberalen Praxis gar nicht profiteren können – etwa Hochzeitspaare, die ihr Fest mit einer Drohne fotografieren wollen. Wiegt sie mehr als 500 Gramm, müssen sie dafür beim Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) eine Erlaubnis einholen. Nun hat dieses aber einen Bewilligungsstopp verhängt, weil es durch die Flut und die Komplexität der Gesuche völlig überlastet ist.

Alle Gesuche liegen derzeit auf Eis. Das Bazl will sich neu organisieren. Dann wird es zuerst die kommerziellen Gesuche bearbeiten. «Bis wir private Anträge bearbeiten können, dürfte es Frühling werden», sagt Bazl-Sprecherin Nicole Räz. Lässt ein Pilot seine bewilligungspflichtige Drohne trotzdem steigen, macht er sich strafbar. Die Überforderung des Bazl hat sich seit langem abgezeichnet. Bereits im September ergriff es Massnahmen: Es führte für vier bestimmte Szenarien vereinfachte Verfahren ein – etwa für angebundene Drohnen über einer Menschenmenge.


Video – Intelligente Drohnen erkennen Haie

Drohnen über dem Strand: So sollen Badende besser geschützt werden. (Video: Tamedia)


Offensichtlich fruchtete die Vorkehrung nicht, denn seit Ende November sind die Verfahren von der Bazl-Homepage verschwunden. Zwar wenden die Experten diese Verfahren nach wie vor an. «Wir stellen sie aber nicht mehr online, weil die Gesuche derzeit ohnehin nicht bearbeitet würden», sagt Räz. Angesichts der steigenden Anzahl Drohnen ist zu erwarten, dass auch die Zahl der Gesuche weiter zunehmen wird. Trotzdem will das Bazl an seiner liberalen Haltung im Umgang Drohnen festhalten: «Wir sind überzeugt, dass dies der richtige Weg ist und die in der Schweiz geltenden Normen völlig ausreichen.»

Über 100'000 Drohnen in der Schweiz

Empfohlen wird aber ein diskretes Vorgehen, «um die Einheimischen nicht zu irritieren». Obwohl für die meisten Einheimischen hierzulande eine Drohne noch nichts Alltägliches ist, soll es Schätzungen zufolge in der Schweiz bereits mehr als 100'000 Stück geben. Und das ist erst der Anfang: Die Hersteller rechnen damit, dass im Jahr 2020 weltweit mehr als 7,8 Millionen Drohnen unterwegs sein werden. Ebenso viele sollen es bis 2050 alleine in Europa sein. Produziert werden die preisgünstigen kleinen Modelle zu Hundertausenden in China und anderswo. Komplizierte professionelle Systeme werden aber auch durch spezialisierte Schweizer KMU hergestellt.

Beim Publikum ist das Interesse – und die Verunsicherung – gross. Das Bundesamt sei organisatorisch überfordert, heisst es auf der Website des Bundesamtes für Zivilluftfahrt (Bazl): «Aus diesem Grund können in den nächsten Monaten weder generelle Anfragen zu Drohnen noch Gesuche für Bewilligungen beantwortet werden.» Die diversen Vorschriften können der Website des Bazl entnommen werden. Sie betreffen einerseits die Sicherheit, andererseits den Schutz der Privatsphäre vor fliegenden, spähenden Kameras.

Gefährliche Annäherungen

In der Drohnenwelt spielen Schweizer Unternehmen nicht nur als Ingenieurdienstleister eine wichtige Rolle. Die Flugsicherung Skyguide ist an mehreren nationalen und internationalen Versuchen beteiligt. Dabei geht es um die Überwachung von Freileitungen, um Transporte oder um die Integration der Drohnen in den Luftraum. Dies spielt für die Sicherheit im Luftverkehr eine bedeutende Rolle, da es dieses Jahr in der Schweiz und in Europa wiederholt zu gefährlichen Annäherungen zwischen Passagiermaschinen und den unbemannten Flugobjekten kam. Skyguide hat deshalb in Genf zusammen mit verschiedenen Partnern erstmals das Konzept U-Space demonstriert. Dabei werden die Drohnen in einer zentralen Datenbank erfasst und ihre Flugpläne sowie GPS-Standortmeldungen an die Flugsicherung übermittelt. Ihr Benutzer muss sich dazu vor dem Flug über sein Smartphone registrieren. Er kann dadurch identifiziert und via Handynummer ermittelt werden.

In verbotene Zonen einzufliegen – etwa in der Nähe von Flughäfen – wird durch virtuelle Zäune automatisch verunmöglicht. Dieses sogenannte Geofencing findet auch bei Autodiebstahlanlagen, autonomen Autos oder elektronischen Fussfesseln Anwendung. Im Vordergrund des Systems, das 2019 betriebsbereit sein soll, steht ein geregelter Verkehr. Schliesslich geht es dabei um die Sicherheit der Airliner. Das zeigt ein Vorfall, der sich vor zwei Monaten ereignete. In Kanada kollidierte erstmals eine Drohne mit einem Linienjet. Der Passagierflieger befand sich in einer Höhe von 450 Metern im Anflug auf die Pisten von Québec, als er mit dem unbemannten Flugobjekt zusammenstiess. Der Vorfall ging glimpflich aus: Die nur leicht beschädigte Maschine konnte sicher landen. Verletzt wurde niemand.

Vorläufig keine Anmelde- oder Ausbildungspflicht

Wie verheerend Kollisionen mit Drohnen sein können, zeigt eine Studie aus England. Die Tests des Military Aviation Authority und des britischen Verkehrsdepartements haben ergeben, dass die Konstruktionsart einer Drohne eine massgebliche Rolle spielt – unabhängig vom Gewicht des Flugobjekts. So können Drohnen von nur 400 Gramm Helikopter ernsthaft beschädigen, wenn ihre Rotoren nicht mit Plastik verkleidet sind. Wie die Tests ergaben, können die Folgen eines Zusammenstosses für Kleinflugzeuge desaströs sein – selbst wenn dieses stillsteht: Schnellere Drohnenmodelle können ihre Windschutzscheibe problemlos durchschlagen. Die Fenster der Airliner sind typischerweise gegen Vogelschlag gewappnet – und damit auch besser gegen den Einschlag einer Drohne geschützt. Allerdings können bei höheren Geschwindigkeiten Quadrokopter von über 3,5 Kilogramm gewisse Windschutzscheiben von Passagiermaschinen penetrieren und sie damit in ernsthafte Schwierigkeiten bringen.

Im Bericht «Zivile Drohnen in der Schweiz» zitierte das Bazl 2016 eine Branchenorganisation, laut der es mehr als 1700 Modelle auf dem Markt gibt. Inzwischen dürften es noch etliche mehr sein. Von millionenteuren Militär- und Forschungsdrohnen, die sehr hoch und sehr weit fliegen können und wie Jets aussehen, bis zum fliegenden Spielzeug aus dem Supermarkt gibt es alles. Unter den Begriff Drohnen fallen Modelle verschiedenster Bauart und Grösse. Seit langem sind die grossen militärischen Drohnen in das System der Flugsicherung einbezogen, sie werden von geschulten Militärpiloten gesteuert. Für Hobbyflieger mit kleinen Drohnen gibt es vorläufig keine Anmelde- oder Ausbildungspflicht. Kurse sowohl für Anfänger als auch für Leute, die professionelle Flüge anbieten wollen, führt der Drohnenverband durch.

Rehkitze im Gras entdecken

Die EU-Kommission erwartet, dass in den kommenden zehn Jahren im Drohnengeschäft jährlich mehrere Milliarden umgesetzt werden. Kommerziell genutzt werden die fliegenden Kameras bereits heute von vielen Fotografen, quasi als überhohes Stativ. Film- und Fernsehaufnahmen per Drohne sind einfacher und billiger als vom Helikopter aus. Warenlieferungen, Überwachungsfunktionen oder Vermessung sind weitere interessante Anwendungen. Für die Blaulichtorganisationen eignen sich Drohnen etwa bei Katastrophen, Grossanlässen oder bei der Dokumentation von Unfallschauplätzen. Auch in der Landwirtschaft lassen sich Drohnen verwenden. Tierschützer wollen sie einsetzen, um Rehkitze im Gras zu finden oder Tiere zu beobachten.

Zukunftschancen im Drohnengeschäft sieht das kleine Schweizer Unternehmen Flarm. Seine Geräte senden und empfangen Daten der Flugzeuge und dienen der Vermeidung von Kollisionen. Fast alle Segelflugzeuge und viele Helikopter und Sportflugzeuge, die ausserhalb des von der Flugsicherung kontrollierten Luftraums verkehren, besitzen heute das System Flarm. Es wurde bisher 35'000 Mal verkauft und eignet sich bestens auch für Drohnen. Wenn Piloten auf Sicht fliegen, haben sie wenig Chancen, eine Drohne von Auge rechtzeitig zu entdecken, Flarm kann da helfen. Geschäftsjets und Verkehrsflugzeuge sind allerdings nicht mit Flarm ausgerüstet, sondern verwenden ein anderes System für die Kollisionswarnung.

Immer grösser wird das Geschäft mit der Drohnenabwehr. Rheinmetall Air Defence in Oerlikon hat kürzlich erste Schweizer Strafanstalten mit Anlagen ausgerüstet, die einen Alarm auslösen, wenn eine Drohne den Zaun überfliegt. Ebenso wie Rheinmetall bietet die dieses Jahr aus dem Airbus-Konzern herausgelöste Hensoldt ein Abwehrsystem. Solche Anlagen können Drohnen auf verbotenem Kurs, etwa in der Nähe eines Flughafens oder einer Grossveranstaltung wie das WEF, per Funk zur Landung zwingen. Durch einen Laserstrahl lassen sich Eindringlinge auch innert Sekunden zerstören, was auf Versuchsgeländen in der Schweiz von den beiden Firmen erfolgreich demonstriert wurde.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.12.2017, 21:42 Uhr

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Wann dürfen Drohnen starten?

Drohnen bis zu einem Gewicht von 30 Kilogramm können in der Schweiz ohne Bewilligung benutzt werden. Diese Grenze gilt ebenso für Fluggeräte wie Ballone oder Drachen. Allerdings gelten dabei recht ausführliche Einschränkungen. Es gibt Zonen, in denen überhaupt nicht geflogen werden darf (in der Nähe von Flugplätzen, in Vogel- und Wildschutzzonen), es gibt Höhenbeschränkungen. Für Flüge über Menschenansammlungen braucht es eine Bewilligung des Bundesamts für Zivilluftfahrt und immer Sichtkontakt zwischen Pilot und Gerät. (Red)

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