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So ein Bild schafft heute jeder

Früher war die Tierbeobachtung nur Spezialisten vorbehalten. Dank Wildtierkameras bekommen jetzt auch Laien wild lebende Luchse oder Bären vor die Linse.

Kathrin Zinkant
Die fix installierte Wildtierkamera wartet geduldiger als jede Fotografin: Luchs in Schweizer Hügellandschaft. Foto: Laurent Geslin (Keystone)
Die fix installierte Wildtierkamera wartet geduldiger als jede Fotografin: Luchs in Schweizer Hügellandschaft. Foto: Laurent Geslin (Keystone)

Es schnuppert, es stupst, und immer hat es die Augen dabei weit geöffnet. Der sonderbare kleine Kasten am Baum hat die Neugier des Rehs geweckt und beschert Tim Harrell jetzt wunderschöne Aufnahmen. Selbst der zarte Wimpernkranz des Tiers ist auf dem Video zu erkennen. Später streift dann ein Bock mit abgebrochenem Geweih vorbei, ein Kojote versucht sogar, mit dem Gerät zu spielen. Auch Schwarzbären und Alligatoren hat Harrell aus einer Nähe betrachtet, die selbst Profifilmer nur selten erleben.

Tim Harrell schafft das, ohne selbst anwesend zu sein. Alle paar Wochen kommt er vorbei, um seine Wildtierkameras in den Sümpfen Floridas einzusammeln – um zu sehen, was wenige Menschen jemals zu Gesicht bekommen. Seine Sichtungen postet er dann auf Youtube.

Forscher spürten gleich mehrereExemplare des Vietnam-Kantschils auf. Das Säugetier galt eigentlich als ausgestorben.

Man muss aber nicht in Florida wohnen, um mithilfe der kleinen, in Tarnfarben gehaltenen Kästen einem Reh in die Augen zu schauen. Die Beobachtung von Tieren mit Wildtierkameras klappt auch in hiesigen Gefilden – und selbst auf der hauseigenen Terrasse, im Garten oder, besonders ertragreich, am Futternapf des frei laufenden Katers.

Der Aufwand ist vergleichsweise gering, viele wetterfeste Selbstauslöserkameras lassen sich heute online bestellen, sind rasch mit Batterien und einer Speicherkarte bestückt und schliesslich an einen Baum oder Pfosten geschnallt. Und es lohnt sich, denn wer ahnt schon, wie sich nachts, wenn der Mensch schläft, die Hoheitsverhältnisse ändern. Da teilen sich Igel und Waschbär in trauter Zweisamkeit das Katzenfutter, streift der Fuchs immer wieder durch das vermeintlich fuchssichere Hühnergehege.

Überraschende Entdeckung

Fachleute setzen Wildtierkameras seit längerem ein. Musste man sich beim Monitoring früher auf die Deutung von Spuren verlassen, erfassen die Kameras die Tiere heute direkt. Das erlaubt teilweise sogar eine individuelle Beschreibung der Tiere – und es hilft auch der Forschung. Andreas Wilting vom Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin hat mit Studienleiter An Nguyen vor wenigen Wochen eine Entdeckung im Fachmagazin «Nature Ecology and Evolution» veröffentlicht, die Wildtierkameras im Süden Vietnams ermöglicht hatten.

Das Forscherteam spürte mithilfe von 30 Kameras gleich mehrere Exemplare des Vietnam-Kantschils auf. Das Säugetier galt eigentlich als ausgestorben. Lokale Augenzeugen hatten zwar berichtet, das rehartige Wesen gesehen zu haben. Doch niemand konnte diese Berichte auch überprüfen. Das hasengrosse Hirschferkel mit der silbernen Fellzeichnung war erst auf den gestochen scharfen Bildern der modernen Fotofallen klar zu erkennen. «Es sind immer noch wenige Exemplare, die streng geschützt werden müssen», sagt Wilting.

Wurde dank einer Wildtierkamera in Vietnam wiederentdeckt: das Vietnam-Kantschil. Foto: AFP
Wurde dank einer Wildtierkamera in Vietnam wiederentdeckt: das Vietnam-Kantschil. Foto: AFP

Dem digitalen Fortschritt billigt er einen entscheidenden Anteil an der Entdeckung zu. «Klassische Fotofallen haben mit analogen Filmen gearbeitet, da passten 36 Aufnahmen drauf.» Die Wildtierkameras hingegen zeichnen Tausende Bilder und Hunderte Videos auf.

Weniger glücklich ist Wilting allerdings über den Freizeithype um die Trailcams, denn der habe technische Konsequenzen. «Die Weiterentwicklung dieser Kameras ist heute vollständig auf die Bedürfnisse von Jägern und Hobbynutzern ausgerichtet», sagt der Forscher. So seien lichtstarke Blitze von diesen Zielgruppen unerwünscht, wegen der Auffälligkeit der Kameras und weil helle Blitze die Tiere verschrecken könnten. Die meisten neuen Geräte arbeiten daher mit Infrarot oder sogar Schwarzlicht. Das gilt auch für die Kameras des US-Jagdwaffenherstellers Browning, für die Tim Harrell mit seinen Youtube-Videos nicht gerade die schlechteste Reklame macht.

Fotofalle: Bär im Schweizerischen Nationalpark, 2017. Foto: Keystone
Fotofalle: Bär im Schweizerischen Nationalpark, 2017. Foto: Keystone

«Für die Wissenschaft ist helles Blitzlicht jedoch essenziell, um Tiere wie das Kantschil eindeutig identifizieren zu können», sagt Wilting. Dazu komme, dass die meisten Kameras auch in ihrer Wettertauglichkeit auf kühlere, trockenere Bedingungen ausgerichtet seien.

«Wir haben praktisch keine Geräte, die für tropische Regenwälder geeignet sind», sagt Wilting. Länger als 60 Tage könne man sich deshalb nicht darauf verlassen, dass die Elektronik dem eingedrungenen Wasser in der Wärme standhält. Danach müsse man die Geräte trocknen, einige gehen trotzdem kaputt. «Wir würden uns Kameras wünschen, die unter diesen Bedingungen länger halten, um Tiervorkommen längerfristig dokumentieren zu können.» Nach Wiltings Aussage gibt es bislang allerdings nur eine ­Organisation, die sich der Entwicklung solcher speziellen Forschungskameras gewidmet hat.

Heikle Kameraplatzierung

Den Normalbürger, der das Treiben auf dem eigenen Grundstück oder im nahen Wald verfolgen will, ficht das natürlich nicht an. Dafür hat er andere Probleme. Das erste ist die Handhabung. Einen guten Platz für die ­Kamera zu finden, ist nämlich nicht so einfach, denn jede Bewegung löst eine Aufnahme aus – und bewegen können sich nicht nur Tiere. Wer Pech hat, der findet nach einer Nacht am Fluss statt des ver­muteten Bibers 450 Videos von wogendem Schilfgras auf der Speicherkarte.

Das zweite Problem ist juristischer Natur und dürfte nur wenigen Hobbynutzern bewusst sein. Trailcams dürfen weder im öffentlichen Raum noch ohne Einverständnis der Besitzer auf Privatgrundstücken installiert werden. Das gilt auch, wenn die fraglichen Areale dabei nur zufällig ins Bild geraten. Wanderwege, staatliche Forste und auch Nachbars Garten sind deshalb tabu, auch die kleine Strasse vor dem Haus sollte nicht erfasst werden.

Von den Anbietern wird auf diesen Umstand, wenn überhaupt, nur selten mit Nachdruck hingewiesen. Das Geschäft ist ja verlockend, die Hersteller haben das wachsende Interesse von Laien jenseits des Jagdbedarfs längst erkannt. So bekommt man Wildtierkameras inzwischen sogar schon für um die 60 Franken. Die Qualität der Bilder fällt bei solchen Geräten zwar weniger gut aus als bei den hochwertigen Kameras für um 200 Franken, und auch Laufzeit und Speicherkapazität sind geringer. Wer es wirklich ernst meint mit der Tierbeobachtung, greift deshalb lieber zu den teureren Modellen, von denen sich einige inzwischen per Smartphone ansteuern lassen.

Auf der anderen Seite tut es bei den Billig-Trailcams nicht so weh, wenn die Aufnahmegeräte geklaut werden. Und das werden sie oft.

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