So fliesst der Strom ohne AKW

Der letzte Winter zeigt, wie sich das Schweizer Versorgungsnetz in heiklen Situationen stabilisieren lässt – selbst wenn die Atomreaktoren Beznau I und II ausser Betrieb sind.

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Sie zählt zu den zentralen Fragen im Abstimmungskampf: Gefährdet eine Annahme der Atomausstiegsinitiative die ­sichere Stromversorgung der Schweiz? Energieministerin Doris Leuthard hat im Oktober von einem möglichen Blackout gesprochen. Diese Warnung hat die nationale Netzgesellschaft Swissgrid nicht bestätigt. Bis vor wenigen Tagen. Da hat Swissgrid-Chef Yves Zumwald in einem Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Interview auf einmal gesagt, Stromausfälle in Zürich und Bern seien möglich. Befürworter der Initiative wie der GLP-­Nationalrat Jürg Grossen kritisieren, dies widerspreche den mündlichen Beteuerungen, die am Parlamentariertreffen vom 28. September in Bern gemacht wurden. Damals hätten Swissgrid-Experten von bedeutenden, aber bewältigbaren Her­ausforderungen gesprochen.

Nur Teilausfälle befürchtet

Was stimmt nun? Offensichtlich gibt es hier ein begriffliches Missverständnis. «Wenn Swissgrid von einem Blackout spricht, dann geht es um einen landesweiten Stromausfall», sagt Irene Fischbach, Kommunikationschefin bei Swissgrid. Das Risiko dafür sei aber nach wie vor klein. Die Wahrscheinlichkeit für Teilausfälle im Raum Bern und Zürich hingegen würde grösser, falls die Initiative angenommen werde. Swissgrid spricht in diesem Zusammenhang von Unterbrüchen. «Die normalerweise innert weniger Stunden behoben werden können», präzisiert Fischbach. Und fügt an: Auch nach einem Ja für die Atomausstiegsinitiative sei es voraussichtlich machbar, die Stromversorgung im Land sicherzustellen. «Aber mit viel mehr Risiken und grossem Aufwand, weil das Netz dann grundsätzlich instabiler und noch mehr an die Belastungsgrenze kommt.» Die Ini­tiative sieht in einem ersten Schritt vor, die drei kleinsten Atomkraftwerke, Beznau I und II sowie Mühleberg, bis Ende 2017 vom Netz zu nehmen.

Der schlimmste Fall

Wie schlimm wäre es nun tatsächlich für die Schweizer Energieversorgung, die im letzten Jahr vom World Energy Council als die beste in Europa ausgezeichnet wurde? Guten Anschauungsunterricht gibt der vergangene Winter. Es war eine aussergewöhnliche Situation: Ab Mitte August waren Beznau I und II ausser Betrieb. Hinzu kam ein trockener Sommer 2015. Die Flüsse führten weniger Wasser, und entsprechend geringer fiel die Stromausbeute der Laufwasserkraftwerke aus. Im Herbst hatte das grösste Atomkraftwerk Leibstadt einen Defekt. Die Stromwirtschaft kompensierte diesen gut zweiwöchigen Ausfall teilweise mit einer Stromproduktion aus den Speicherkraftwerken. Damit entleerten sich die Speicherseen Mitte Oktober überdurchschnittlich rasch – und der November brachte nicht den erwarteten Regen.

Infografik: Stromlast Grafik vergrössern

Die Schweiz ist im Winter bis zu 40 Prozent auf Stromimporte aus Frankreich, Deutschland und Österreich angewiesen. Dieser Strom fliesst über das Übertragungsnetz mit der elektrischen Höchstspannung von 380 Kilovolt (kV) und wird auf das nächstuntere Hochspannungsnetz von 220 kV transformiert, weil 95 Prozent des Stroms über diese Leitungen ins Verteilnetz der Regionen transportiert werden. Der starke Import in der kalten Jahreszeit führe stets in der Nordschweiz zu einem Engpass im Übertragungsnetz, heisst es im kürzlich veröffentlichten Bericht zur angespannten Energie- und Netzsituation des vergangenen Winters. Konkret: Die ungewöhnliche Situation mit dem Ausfall der zwei Reaktorblöcke in Beznau, die direkt ins 220-kV-Netz einspeisen, erhöhte vor allem im Grossraum Zürich mangels genügender Transformationskapazität das Risiko für Stromunterbrüche.

Swissgrid, verantwortlich für den stabilen und sicheren Betrieb des Übertragungsnetzes, registrierte denn auch einen deutlichen Anstieg an Verletzungen der Sicherheitsregel, was mit einem erhöhten Risiko für Überbelastungen und schliesslich Unterbrüchen gleichzusetzen ist. Verbrauch und Produktion müssen im Stromnetz stets im Gleichgewicht sein. Abweichungen werden im Inland ausnahmslos durch Speicherkraftwerke reguliert, die flexibel im Betrieb sind. Doch diese «Versicherung» war gefährdet, weil selbst bei optimaler Ausnutzung der Importkapazität die Speicherseen – als Kompensation der Reaktorausfälle – im Frühling leer gewesen wären.

So prüfte Swissgrid zusammen mit den Behörden, der Strombranche und benachbarten Netzbetreibern rund 50 technische Massnahmen, die das Netz betrafen. Zwanzig davon wurden umgesetzt. Weiter vereinbarte Swissgrid unter anderem mit ausgewählten inländischen Kraftwerken die Reservierung von Strommengen, die eingespeist worden wären, falls Transformatoren an die Grenzen stiessen und inländischer Strom notwendig würde. Die Erfahrungen aus dem Winter 2015/16 haben Schwächen in der Schweizer Stromversorgung aufgedeckt, die eigentlich nicht mehr auftreten dürften. Der Bundesrat hatte im März 2009 im Sachplan Übertragungsleitungen 39 Projekte vorgesehen. Von den geplanten Projekten sind bis dato nur 3 realisiert worden. Komplizierte Bewilligungsverfahren und Einsprachen blockierten laut Swissgrid, die das Übertragungsnetz 2013 übernommen hat, die Ausführungen.

Netzbetreiber hat reagiert

Dass es schneller gehen kann, wenn Druck aufgesetzt wird, zeigt der neue Transformator, der in Beznau nach nur einem guten Jahr voraussichtlich im März 2017 in Betrieb genommen wird und die Versorgungssicherheit im Grossraum Zürich erhöht. «Normalerweise ist mit drei Jahren zu rechnen», sagt Irene Fischbach von Swissgrid.

Der Netzbetreiber hat nach dem letzten Winter reagiert und die Prioritätenliste des Netzausbauplanes 2025 teilweise neu sortiert. Dieser Ausbau käme auch bei einem Ja der Atomausstiegsinitiative dem Stromnetz zugute. Die Anpassung Beznau reicht jedoch nicht. Um das zentrale Mittelland vor Stromunterbrüchen zu schützen, brauchte es auch eine Netzverstärkung zwischen Basse­court und Mühleberg sowie einen Transformator, um den erwarteten grösseren Stromimport aus Frankreich und Deutschland bewältigen zu können. Zwar gibt es seit 1978 je einen Strang für eine 380-kV- und eine 220-kV-Spannung, bisher wurde aber die Leitung nur mit der niedrigeren Spannung betrieben.

Inzwischen haben sich unter anderem die Grenzwerte für die nicht ionisierende Strahlung verschärft. Das heisst: Es müssen vermutlich auch Masten erhöht werden, um die Vorschriften einzuhalten. «Man kann also nicht einfach einen Schalter umlegen, um die Spannung zu erhöhen, wie manche glauben», sagt Irene Fischbach. Auch der Transformator sei noch nicht installiert worden, da dieser ohne Leitung keine Wirkung habe. Swissgrid hofft nun, dass wie bei Beznau der Ausbau in Mühleberg möglichst rasch zu bewerkstelligen ist.

Infografik: Stromfluss

Wie sich im letzten Winter gezeigt hat, könnte das Übertragungsnetz stark entlastet werden, wenn mehr zusätzlicher inländischer Strom im Mittelland zur Verfügung stünde. Speicherkraftwerke im Wallis wären dafür eine ergiebige Quelle. Nur fehlt es an den entsprechenden Leitungen, um das Angebot zu erhöhen. Dafür müssten die Leitungen aus den 60er- und 70er-Jahren durch das Wallis modernisiert und teilweise neu gebaut werden.

Ein Ja zur Atomausstiegsinitiative könnte die Bewilligungsverfahren beschleunigen. Doch das ist reine Spekulation. Swissgrid ist guter Hoffnung, den Trafo in Mühleberg zusammen mit der verstärkten Leitung Bassecourt–Mühleberg innert nützlicher Frist ans Netz zu bringen. «Wir unternehmen alles Mögliche dafür», sagt Irene Fischbach von Swissgrid. Wenn das nicht gelingt, müsste der Netzbetreiber auf Massnahmen wie im letzten Winter zurückgreifen, falls die Initiative von der Schweizer Bevölkerung angenommen wird. Jedenfalls war die Botschaft von Swissgrid am Parlamentariertreffen nicht falsch: Die Herausforderungen wären mit politischem Willen bewältigbar.

Erstellt: 17.11.2016, 20:34 Uhr

Ein Starkstrommast in Rothenburg. Foto: Sigi Tischler (Keystone)

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