So entkommen wir der Handysucht

Techfirmen nutzen die Schwächen der menschlichen Psyche gezielt aus, damit Nutzer möglichst oft auf ihr Smartphone blicken. Wie man die Kontrolle zurückgewinnt.

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Vor 20 Jahren war es cool, mit einem Nokia-Handy zu telefonieren. Vor zehn Jahren war es cool, mit einem iPhone zu surfen. Heute wird bewundert, wer ein altes Nokia besitzt und auf ein Smartphone verzichtet. Gründer aus dem Silicon Valley warnen vor ihren eigenen Schöpfungen. Einige von ihnen sagen: Smartphones und soziale Medien sind gefährlicher als das Rauchen und zer­stören die Gesellschaft.

Dieser Vergleich ist schräg. Zigaretten verursachen Krebs und verkürzen das Leben, Technik kann Menschen verbinden und das Leben erleichtern. Jede grosse Erfindung wird misstrauisch ­beäugt. Buchdruck, Eisenbahn, Telefon, Fernseher, Internet – sie alle galten als gefährlich. «Eine blosse Belustigung von niederem Charakter, die dem Geist die Zeit stiehlt, sich noblere Fähigkeiten anzueignen», warnte das Magazin «Scientific American» vor 150 Jahren. Gemeint war das Schachspiel.

Schau mich bitte an! Social-Media-Nutzer sehnen sich nach Anerkennung, die in Likes gemessen wird. Bild: Volkan Furuncu (Getty)

Doch Milliarden Menschen tragen heute Smartphones in der Hosentasche mit sich herum. Noch nie war Technik so allgegenwärtig – und mächtige Firmen arbeiten daran, den Rest der Menschheit dazu zu bringen, möglichst oft auf ihr Smartphone zu schauen. Ob Facebook, Instagram oder Snapchat, die Logik ist immer dieselbe: Je mehr Zeit die Nutzer damit verbringen, desto mehr Anzeigen sehen sie, desto mehr Geld verdient das Unternehmen.

Aufmerksamkeit als Ware

Sean Parker gibt das offen zu. Facebooks Gründungspräsident hat das Unternehmen längst verlassen und nennt sich einen «gewissenhaften Verweigerer» sozialer Medien. Apps wie Facebook und Instagram nutzten die Verletzlichkeit der menschlichen Psyche gezielt aus, sagt Parker. Entwickler der Netzwerke fragten sich: «Wie bringen wir sie dazu, so viel Aufmerksamkeit wie möglich zu investieren?» Die Antwort auf diese Frage heisst Dopamin. Das halbe Silicon Valley verdankt seinen Reichtum diesem Botenstoff, Facebook ist ein Staat, erbaut auf einem Molekül. «Dopamin wird ausgeschüttet, wenn Spieler glauben, dass sie eine Glückssträhne haben», sagt Natasha Schüll. Die Kulturwissenschaftlerin hat ein Buch über Spielautomaten geschrieben und sieht Parallelen zur Tech-Branche: «Facebook, Twitter und andere Unternehmen nutzen ähnliche Methoden, um Nutzer möglichst lange in ihren Apps zu halten.»

Spielsüchtige sehnen sich nach dem Jackpot, der in Euro ausgeschüttet wird. Social-Media-Nutzer sehnen sich nach Anerkennung, die in Likes gemessen wird. Beide Ereignisse sind nicht planbar. «Diese variablen, zufälligen Ver­stärkungen sind der wichtigste Grund, warum Menschen immer wieder ihre Geräte in die Hand nehmen», sagt der Psychologe Mark Griffiths, der in Nottingham zu Suchtverhalten forscht.

Bilder: Die Handysüchtigen sind überall

Aufmerksamkeit ist zu einer Ware geworden, und die wertvollsten Konzerne der Welt kämpfen darum. Sie lassen dabei nichts unversucht: Signalrot ziehen Benachrichtigungen die Blicke der Nutzer auf sich. Facebook und Instagram haben soziale Interaktion quantifiziert. Jeder kann sich messen und vergleichen. Wer zu wenig Likes sammelt, muss mehr Selfies posten. Snapchat belohnt Mitglieder, wenn sie sich ununterbrochen Nachrichten schicken. Youtube und Netflix reihen automatisch Video an Video. Je mehr Zeit man investiert, desto besser werden die Vorschläge. Kein Newsfeed ist jemals leer, der nächste Beitrag ist immer nur einen Wisch entfernt. Wer die Facebook-App ein paar Tage lang nicht öffnet, erhält besorgte E-Mails: «Seit deiner letzten Anmeldung ist viel passiert. Hier sind einige ungelesene Benachrichtigungen.»

«Das ist gefährlich. Das gibt den Entwicklern ungeheure Macht über die Menschheit.»Konferenzteilnehmer

1997 präsentierte der Verhaltensforscher B. J. Fogg die Ergebnisse eines Experiments, das er mit seinen Studenten in Stanford durchgeführt hatte. Er zeigte, dass Computer menschliches Verhalten manipulieren können, wenn sie die richtigen Trigger und Belohnungen zum richtigen Zeitpunkt einsetzen. Die Teilnehmer der Konferenz reagierten gemischt. «Das ist gefährlich. Das gibt den Entwicklern ungeheure Macht über die Menschheit», sagten die einen. «Das ist grossartig. Das könnte Milliarden wert sein», sagten die anderen.

20 Jahre später steht fest, dass die zweite Gruppe definitiv recht gehabt hat. Fogg trägt den Spitznamen «Millionärsmacher». Etliche Gründer aus dem Valley sind durch seine Schule gegangen, viele sind reich geworden. Ob die Befürchtungen der ersten Gruppe ebenfalls Realität werden, hängt nicht zuletzt von den Nutzern selbst ab. Die sind den Verlockungen der digitalen Welt keineswegs hilflos ausgeliefert. Es geht nicht darum, Smartphones gar nicht mehr zu verwenden – sondern smarter.

Tricks gegen Smartphone-Sucht

Für jede Verführungsstrategie gibt es eine Gegenmassnahme: Wer der Wirkung der Signalfarbe Rot entgehen will, sollte das Display schwarz-weiss schalten. Um selbst den Rhythmus zu bestimmen, in dem man Apps öffnet, kann man Push-Nachrichten deaktivieren. Viele Menschen haben soziale Medien auf ihren Startbildschirmen platziert und steuern sie unbewusst an. Wenn Facebook und Twitter in einem separaten Ordner auf der zweiten Seite liegen, wird aus der Übersprungshandlung ein bewusster Akt. Wem all das nicht hilft, der kann mit speziellen Programmen Zeitlimits für andere Apps setzen und sich etwa nur noch 20 Minuten Instagram pro Tag erlauben.

Catherine Price kennt weitere Tipps. Sie hat ein Buch für Menschen geschrieben, die ihr Verhältnis zu ihrem Smartphone ändern wollen. Neben konkreten Ratschlägen – analoge Wecker kaufen, Ladegeräte aus Schlafzimmer verbannen – hält sie unter anderem fest: Der Vorsatz, weniger Zeit mit dem Smartphone zu verbringen, fühle sich an wie eine Diät. Niemand verzichtet gern darauf. Stattdessen solle man sich bewusst machen, dass dann mehr Zeit für andere Dinge bleibt, die einem wichtig sind. Geholfen habe ihr auch der Gedanke an die eigene Vergänglichkeit: «Ärgern sich Menschen auf dem Sterbebett, dass sie nicht mehr Zeit auf Facebook verbracht haben? Du hast nur ein Leben. Wie viele Stunden davon willst du mit deinem Smartphone verbringen?»

Erstellt: 04.06.2018, 18:28 Uhr

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Fürs Leben braucht es echte Kontakte

Während Wissenschafter und Ärzte diskutieren, ob es tatsächlich eine Internetsucht gibt, machen sie bereits weitere beunruhigende Entdeckungen: Die Dauernutzung der digitalen Geräte kann mit Depressionen und Ängstlichkeit einhergehen. Mehrere Studien haben einen solchen Zusammenhang gezeigt. Auch eine Umfrage des Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters deutet auf das Phänomen hin: Während etwa acht Prozent aller befragten Jugendlichen depressive Züge offenbarten, war unter den Teenagern mit problematischem Mediengebrauch etwa jeder Dritte betroffen. Nur lässt sich aus solchen Beobachtungen nicht ersehen, was Ursache und was Wirkung ist.

Aus der praktischen Erfahrung heraus hält Rainer Thomasius, Direktor des Zentrums und Autor der Studie, beide Richtungen für möglich. Oft haben junge Menschen bereits seelische Probleme oder eine Veranlagung für depressive Verstimmungen und Ängstlichkeit, wenn sie in die Onlinewelt abtauchen. Wer sich aber permanent hinter dem Bildschirm versteckt, riskiert die Isolation im echten Leben. In der Studie gaben immerhin acht Prozent der Jugendlichen an, ihre Kontakte ausschliesslich über soziale Medien zu pflegen. Psychologen gehen aber davon aus, dass Jugendliche die altmodischen analogen Erfahrungen brauchen, um auch schwierige Situationen zu meistern: reale Kontakte knüpfen, spontan kommunizieren und soziale Unsicherheiten abbauen, Nähe und Distanz regulieren. Wenn dieses Rüstzeug fehlt, könnten Ängste und Depressionen noch verstärkt werden, sagt Tagrid Leménager, Leiterin der Arbeitsgruppe Verhaltenssüchte am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. (B. U.)

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