Genialer Trick für Rollstuhlfahrer

Ein tschechischer Familienbetrieb hat ein Auto erfunden, das gleich mehrere Probleme von Behinderten löst.

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Viele Männer haben als Jungs davon geträumt, ihr eigenes Auto zu bauen. Die meisten sind aus dieser Phase herausgewachsen oder haben sich mit einem Gokart begnügt. Nicht so Ladislav Brázdil und seine beiden Söhne – sie setzten alles daran, diesen Traum zu verwirklichen. Elbee Mobility heisst ihr Familienbetrieb in Loštice, einer Kleinstadt im Olomouc-Bezirk von Nordmähren in der Tschechischen Republik. Hier stellen sie den Elbee her – und peilen den Weltmarkt an.

Der Elbee ist ein komisches Auto. Die Türe ist vorne, und man steigt nicht ein, sondern fährt mit dem Rollstuhl rückwärts direkt hinein und wieder hinaus. Das Konzept ist einzigartig und hat den Brázdils 2015 einen Platz unter den «Top-100-Glanzideen» von Zentral- und Osteuropa eingetragen.

Elbee Mobility ist ein Ableger der tschechischen Leichtbauwerke in Loštice, die ursprünglich mit Autos überhaupt nichts zu tun hatten, sondern alte Maschinen aufmöbelten. Brázdil senior errichtete die Werke auf dem Gelände eines ehemaligen Landwirtschaftskollektivs und beschäftigt heute rund 200 Leute, die einen Jahresumsatz von umgerechnet 14 Millionen Franken erwirtschaften.

Die grosse Chance

Brázdil hatte die in Konkurs geratene Farm nach der Samtenen Revolution Ende 1989 zusammen mit einem Geschäftspartner gekauft. Seine grosse Chance kam 2003, als er seinen Geschäftspartner auszahlen konnte. Er beschloss, fortan in moderne und zuverlässigere Technologien zu investieren.

Als ihn ein Entwicklungskonstrukteur wegen einer Idee konsultierte, ergab sich für Brázdil senior die Gelegenheit, sein eigenes Produkt zu entwickeln: einen Behinderten-Kleinwagen für den Stadtverkehr. «Das war der zündende Moment», beschreibt er dieses erste Treffen. «Wir würden einerseits als Engineering-Bude ein einzigartiges Bauteil entwickeln und andererseits damit unsere eigene Entwicklung zur Produktionsfirma finanzieren.»

Natürlich war der Weg bis zum Endprodukt lang. Mit dem Entscheid, ein Fahrzeug mit stirnseitiger Türe zu bauen, kam die technische Herausforderung, sowohl Kühler wie Lenkradvorrichtung so anzuheben, dass der Rollstuhlbenutzer hineinfahren kann.

Der direkte Zugang war das Kernprinzip des ganzen Projekts. Denn normale rollstuhlgängige Fahrzeuge lösen ein wichtiges Problem nicht – wohin mit dem Rollstuhl? Haben Rollstuhlfahrer nicht genug Kraft, ihn selbst zu verstauen, brauchen sie Hilfe.

Nie mehr rückwärts parkieren

Der Hauptvorteil des Elbee ist, dass ihn der Fahrer mit der Stirnseite nach vorn zum Trottoir parkieren kann. Wenn Rollstuhlfahrer nur von hinten ins Auto gelangen können, müssen sie rückseitig ans Trottoir parkieren, was sowieso nicht einfach ist und gar unmöglich für alle, die den Hals nur beschränkt bewegen können. Beim stirnseitigen Parkieren sehen die Fahrer genau, wo sie parkieren und die Rampe ausfahren müssen, um sicher aufs Trottoir zu gelangen.

Ein Fahrzeug muss natürlich als strassentauglich bescheinigt und für den Verkehr zugelassen werden. Die offizielle Zulassung für die Tschechische Republik kam 2010, und zwar für ein Fahrzeug mit Zweitaktmotor, das bis zu 80 Stundenkilometer schnell fährt. Drei Jahre später wurde der Elbee für die gesamte Eurozone zugelassen. Das erste Modell kam 2014 auf den Markt.

Der erste Kunde war František Trunda aus Brünn, der beide Beine verloren hatte. Das Auto gab ihm neue Unabhängigkeit. «Es hat mein Leben verändert», sagt er. «Ich kann jetzt jederzeit aufs Land fahren oder meinen Bruder besuchen gehen. Ich muss nicht warten, bis jemand Zeit hat, mit mir zu fahren.»

Aufgebrauchte Behindertengelder

Mittlerweile kurven schon viele Elbees auf Europas Strassen herum, vorwiegend in Frankreich, Italien, der Schweiz und dem Vereinigten Königsreich. Allerdings ist der Preis des Fahrzeugs ein Faktor, der vor allem im tschechischen Markt die Zukunft von Elbee Mobility infrage stellen könnte. Er liegt derzeit bei fast 25'000 Franken. Zwar kann der effektive Kaufpreis um bis zwei Drittel sinken, wenn diverse Zuschüsse und Behindertengelder zum Tragen kommen. Aber für Rollstuhlfahrer ist es meist immer noch billiger, einen herkömmlichen Wagen modifizieren zu lassen, und viele von ihnen haben sämtliche Zuschüsse bereits dafür beansprucht.

Das Elbee-Auto bei der Rehacare-Messe in Düsseldorf. Quelle: Elbee Mobility

Das Projekt hat den Familienbetrieb bisher 200 Millionen Kronen gekostet; 8 Millionen Franken. Immerhin haben andere Investoren bereits Interesse an einer Weiterentwicklung bezeugt, etwa als Serienproduktion oder mit einer Joysticksteuerung.

«Wir produzieren hier etwas sehr Emotionales», sagt Ladislav Brázdil Junior, «und das bestärkt uns darin, weiterzumachen. Wir hörten schon von Kunden, dass sie dank Elbee überhaupt erst lernen zu fahren, oder dass sie neue Kraft und Fähigkeiten entwickeln. Auf eine kleine Weise geben wir ihnen ihr Leben zurück.»

Erstellt: 23.06.2017, 22:05 Uhr

Initiator:
Ladislav Brázdil (Foto: Ludek Perina, Mafra)

Projekt:
Elbee Mobility, Tschechien

Website:
www.elbeemobility.com

Autoren:
Jana Klímová und Magdaléna Fajtová, «Respekt»

Übersetzung:
Rosemarie Graffagnini

Elbee

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