Von wegen Digitalisierung vernichtet Jobs!

Schwarzmalerei sei das, wenn man beim aktuellen Tech-Schub Millionen Arbeitsplätze für tot erkläre. Fachleute zeigen alternative Szenarien auf.

Schnell, aber ideenlos: Roboterarme bei der Konstruktion eines Daihatsu-Wagens. Foto: Kiyoshi Ota (Getty Images)

Schnell, aber ideenlos: Roboterarme bei der Konstruktion eines Daihatsu-Wagens. Foto: Kiyoshi Ota (Getty Images)

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Etwa 5 Millionen Jobs. So viele sollen in den 15 wichtigsten Industrie- und Schwellenländern bis Ende 2020 verloren gehen. Das prognostizierte eine Studie, die am Weltwirtschaftsforum in Davos veröffentlicht wurde. Auch andere Untersuchungen gehen davon aus, dass die «vierte industrielle Revolution», manchmal auch Industrie 4.0 genannt, zu deutlich mehr Arbeitsplatzverlusten als neuen Beschäftigungsmöglichkeiten führen wird. Doch die Vorhersagen sind umstritten. Viele Experten sehen den Trend nicht bestätigt und prognostizieren sogar das Gegenteil.

So mahnt Professor Detlef Zühlke, Forschungsbereichsleiter am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Kaiserslautern: «Wir müssen nicht alles vernetzen, wenn der gleiche Mehrwert auch mit einfachen Mitteln zu erreichen ist.» Zühlke, der selbst seit vielen Jahren die Forschung auf dem Gebiet der innovativen Fabriksysteme geprägt hat, erinnert an den Hype der späten 80er-Jahre: «Schon damals wurde die vollautomatische Fabrik ausgerufen. In den 90er-Jahren kam dann der Katzenjammer.» Die Technologien hätten sich als zu unreif, die Realisierungskosten als zu hoch und die Komplexität als nicht mehr beherrschbar erwiesen. Zühlke ist der Meinung, dass der Mensch in den komplexen Produktionsabläufen immer involviert sein muss, denn die heutigen automatisierten Prozesse basieren auf Regeln und erwartetem Verhalten: «Unvorhersehbare Prozesse können von den Maschinen nicht beurteilt werden», sagt er. Doch in der Praxis würden genau solche Herausforderungen immer wieder auftreten.

Spezielle Kundenwünsche

Inzwischen kommt es in bestimmten Bereichen der Industrieproduktion zu einem Umdenken. Bei den Autobauern Toyota und Daimler wird die Automatisierung heruntergefahren, und der Mensch steht wieder im Zentrum des Arbeitsprozesses. Auch Audi setzt auf die Kooperation von Mensch und Maschine. Die Gründe: Erstens fehlen den Firmen die Kreativität und Innovationskraft, die aus der menschlichen Arbeit hervorgehen, und zweitens müssen viele produzierende Unternehmen oft schnell und flexibel auf Trends und Kundenwünsche reagieren: «Wir haben erkannt, dass die Vollautomatisierung an ihre Grenzen stösst. Deshalb fahren wir den Automatisierungsgrad zurück. Damit gewinnen wir deutlich an Flexibilität und können so die Wünsche unserer Kunden noch individueller umsetzen», sagt Markus Schäfer, der die weltweite Produktion und Logistik bei Mercedes-Benz Cars verantwortet. Während Mercedes-Benz noch in den 70er-Jahren die meisten Kundenwünsche bei Personenwagen mit drei Grundmodellen abgedeckt hat, sind es heute rund zehnmal so viele. So laufen im Werk in Sindelfingen praktisch nie zwei identische Fahrzeuge der S-Klasse vom Band. Deshalb ist für Daimler die Flexibilität seiner Mitarbeiter auch so wichtig, denn mit purer Robotermontage können derart unterschiedliche Fahrzeuge nicht gebaut werden.

Natürlich setzt auch Daimler weiterhin auf die Kraft und Ausdauer der Roboter, aber unter der Federführung des Menschen. Es geht Daimler dabei um eine Kooperation von Mensch und Maschine. Darin liegen laut Markus Schäfer auch die Chancen für die Beschäftigten. Einerseits können durch die Digitalisierung und den Einsatz von Robotern körperlich belastende Tätigkeiten künftig entfallen, auf der anderen Seite kommt dem Menschen in der Industrie der Zukunft eine eher steuernde und überwachende Funktion zu. Damit werden die Jobs interessanter und qualifizierter, und es bieten sich neue Möglichkeiten für ein ergonomischeres und altersgerechtes Arbeiten.

Bei Toyota in Japan ist dieser Prozess schon länger im Gange. Schon 2014 erklärte der Technische Direktor Mitsuru Kawai in einer Rede vor Angestellten von Toyota, dass der Konzern dabei sei, 100 Arbeitsbereiche zu schaffen, in denen Roboter durch Menschen ersetzt würden. Wie kann so etwas im technikverliebten Japan sein? «Wir müssen solider werden und uns auf die Ursprünge besinnen, wir müssen unsere manuellen Fähigkeiten verbessern und weiterentwickeln und uns dabei nicht von Maschinen abhängig machen», sagte Mitsuru Kawai. Er erzählte aus seiner Lehrlingszeit, in der erfahrene Meister «Götter» genannt wurden. Diese «Götter», auf Japanisch «Kami-Sama», erleben derzeit bei Toyota ein Comeback. Denn langfristig führt Roboterarbeit zu einem Verlust von Handwerkern und Meistern, die den Produktionsprozess verstehen.

Der Hintergrund ist eine einfache Wahrheit – Menschen sind kreativ und schaffen Innovationen, Maschinen nicht. Die Führung des japanischen Konzerns hatte erkannt, dass zu früheren Zeiten viele Innovationen aus der Arbeiterschaft kamen, also von Menschen, die tagtäglich mit den Dingen beschäftigt waren. Mit den menschenleeren Roboterfabriken versiegte diese wichtige Quelle der Produktentwicklung. Der zweite Grund liegt in einer neuen Ausrichtung des Marketings bei Toyota. Mehr Qualität und Effizienz, aber weniger Wachstum, das ist der Slogan, den Toyotas Präsident Akio Toyoda sich auf die Fahnen geschrieben hat. Längst haben die Manager erkannt, dass Roboterfabriken in Japan keine bessere Qualität herstellen können als gleichartige Fabrikhallen beispielsweise in China.

Der kritischste Punkt der vollautomatischen Vernetzung ist allerdings der Sicherheitsaspekt. Dabei geht es nicht nur um die gesteigerte Verletzlichkeit durch Cyberangriffe. Theoretisch sollen sämtliche Produktionsdetails in Cloudsystemen abgelegt werden. Dabei dürfte es gerade bei europäischen Firmen einiges Unbehagen geben, dass sensible Betriebsgeheimnisse, die relevant für die Wettbewerbsfähigkeit sind, auf irgendwelchen Servern in den USA landen.

Keine Diagnose-Maschinen

Nicht nur beim Maschinen- und Autobau sagen Studien einen Abbau von Stellen voraus. Die Studie «The Future of Employment» der englischen University of Oxford hat schon 2013 einzelne Berufe nach der Wahrscheinlichkeit ihrer Automatisierung bewertet. Doch wird der Kunde Dienstleistungsroboter für die Pflege, Selbstbedienungskassen im Supermarkt, von Algorithmen geschriebene Texte für die Zeitung und maschinengenerierte medizinische Diagnosen auch wirklich akzeptieren? «In vielen Bereichen wie etwa in der Medizin oder in Geschäften wäre heute schon deutlich mehr Automatisierung möglich. Allerdings wird diese schlicht nicht akzeptiert», sagt Uli Meyer von der TU München. Der Soziologe beschäftigt sich am «Munich Center for Technology in Society» mit Dynamik und Ethik in der Industrie 4.0.

Viele Menschen wollten einen Arzt aus Fleisch und Blut und keine Maschine, selbst wenn diese ähnlich gute oder bessere Diagnosen stellen würde. Meyer hält den derzeitigen Ansatz, der sich fast ausschliesslich damit beschäftigt, welche und wie viele Jobs theoretisch wegfallen könnten, für zu kurz gegriffen. «Vielmehr sollte man in Diskussionen und Studien herausfinden, was eigentlich gesellschaftlich gewollt ist.» Und dann gibt es noch die Frage nach der Haftung. Was ist, wenn der intelligente, selbst lernende Montageroboter eigenständig eine Fehlentscheidung getroffen hat? «Maschinen können natürlich nur schwer zur Verantwortung gezogen werden. Es gibt allerdings Modelle, die Maschinen als sogenannte E-Persons definieren, juristisch wäre das möglich», sagt der Würzburger Jurist und Rechtsphilosoph Eric Hilgendorf. Er leitet die Forschungsstelle Robot-Recht an der Universität Würzburg. In einem solchen Fall müsste man der Maschine ein Vermögen zuordnen. So könnte sie selbst in Haftung genommen werden. Die Grundidee ist, dass Maschinen vom Hersteller mit einem Vermögen ausgestattet oder mit einer Pflichtversicherung versichert werden.

Fernab aller rechtlichen Probleme: Natürlich gibt es auch Jobs, bei denen die meisten Menschen froh sein werden, sie nicht mehr machen zu müssen. Routineaufgaben am Fliessband, schweres Heben in Lagerhallen oder gesundheitlich belastende Arbeiten, beispielsweise bei der Ernte. «Zudem entstehen natürlich auch viele neue Jobs. Alles andere wäre auch verwunderlich. Schliesslich hat die Einführung des Autos auch keine Arbeitslosenwelle ausgelöst, nur weil weniger Hufschmiede und Stallburschen benötigt wurden», sagt Uli Meyer von der TU München.

Spannender und gesünder Dass die Arbeitswelt immer wieder mal vor grossen Umwälzungen steht, ist nichts Neues. Bislang galt allerdings: Jede Stufe der Automatisierung brachte neue Jobs auf einer «höheren Entwicklungsstufe» hervor, die zudem meist spannender und weniger gesundheitsschädlich waren als die alten Berufe. Noch vor 200 Jahren arbeiteten etwa 70 Prozent der US-Amerikaner auf einer Farm – heute sind es noch 1 Prozent. Man darf gespannt sein, welche neuen Jobs uns die Industrie 4.0 und die Robotisierung bescheren werden.

Erstellt: 28.03.2017, 09:54 Uhr

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