Ihre Erfindung liegt immer noch auf dem Mond

Der heute 80-jährige Physiker Jürg Meister hat das erste Experiment auf dem Mond mitentwickelt: «Dort liegen Stative, die ich in meinen Händen hielt.»

Vor 50 Jahren fand die erste bemannte Mondlandung statt. Mit dabei war ein Experiment, das an der Universität Bern entwickelt wurde. Video: Jan Derrer

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Als er sah, wie die Flammen aus den Motoren schlugen, hörte er noch nichts. Erst Sekunden später bewegten sich die Grashalme vor ihm – die Schockfront. Dann war es unfassbar und auf eine besondere Weise laut. «Es klang, als ob in einer riesigen Bratpfanne Spiegeleier brutzelten», sagt Jürg Meister. «Die tiefen Frequenzen drückten mir auf den Magen, mein Hemd vibrierte.»

Meister hat drei Starts der Mondrakete miterlebt. Der heute 80-Jährige war dabei, als an der Universität Bern das Sonnenwindexperiment entwickelt wurde – eine Vorrichtung, mit der sich Teilchen einfangen lassen. Und er war es, der das Experiment im Handgepäck in die USA brachte – eine aufgerollte Folie, verborgen in einem fünfteiligen, zusammengeschobenen Stativ.

Astronaut Edwin Aldrin steht neben dem von Meister mitentwickelten Sonnensegel: Mehrere Stative befinden sich immer noch auf dem Mond.

Das Sonnenwindsegel war das einzige nicht amerikanische Experiment an Bord von Apollo 11. Ersonnen hatte es ein Team um Professor Johannes Geiss, den damaligen Leiter des Physikalischen Instituts. Die Folie machte ihn berühmt. Sie war vom Astronauten Buzz Aldrin, dem zweiten Mann auf dem Mond, noch vor der amerikanischen Flagge aufgepflanzt worden. Geiss ist heute über 90-jährig und lebt bei Bern. Den Medien steht er aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr zur Verfügung.

Der gebürtige Deutsche verfügte über sehr gute Beziehungen zur US-Weltraumbehörde Nasa. Als bei Apollo11 ein Experiment ausfiel und im Werkzeuggestell der Mondfähre ein Platz frei wurde, war Bern zur Stelle. Eine Alufolie auf dem Mond in den Sonnenwind stellen und wieder zurückbringen: «Das war eine wahnsinnig schöne und einfache Idee», sagt Jürg Meister. Die Teilchen prallen darauf und bleiben stecken. Wird die Folie geschmolzen, lässt sich bestimmen, was gefangen wurde.

«Freude an unserem Segel»

Was simpel klingt, war doch kompliziert. Meister und seine Kollegen mussten zuerst klären, mit welcher Wahrscheinlichkeit verschiedene Teilchen im Segel stecken bleiben oder abprallen. Das fanden sie mit einem selbst entwickelten Sonnenwindsimulator heraus. Knifflig war es schliesslich, die Limite von einem Pfund, also 454 Gramm, einzuhalten. «Das war eine Knacknuss», sagt Meister und lacht: Hätten die Amerikaner ebenfalls das metrische System gekannt, «wäre die Vorgabe garantiert ein Kilogramm gewesen».

«Ich hoffte einfach, die kommen heil zurück»: Physiker Jürg Meister hat die Apollo-Missionen intensiv mitverfolgt. Foto: Adrian Moser

So aber mussten die Physiker und Mechaniker der Universität Bern «viel Hirnschmalz verbrennen». Meister erinnert sich an Daniel Germann, so hiess einer der Mechaniker: Der habe einmal über Nacht ein superfeines Gewinde auf eine hauchdünne Hülse gedreht. «Am Tag davor hatte das niemand für möglich gehalten.»

Das Sonnenwindsegel funktioniert wie ein Fensterrollo, das sich von selbst aufrollt. Nach Gebrauch wird das Stativ von der Rolle gelöst und zurückgelassen. Um die Vorrichtung zu testen, kam Astronaut Don Lind nach Bern. Er wusste, was sich mit den klobigen Handschuhen greifen lässt und wie weit sich im Raumanzug die Arme ausbreiten lassen. «Er gab uns Anweisungen, die wir penibel genau umsetzten», sagt Meister. So rauten sie Griffflächen auf und färbten Bestandteile rot ein. «Lind hatte Freude an unserem Segel – wie an einem schönen Spielzeug.»

Antworten auf grosse Fragen

Als Aldrin es auf dem Mond aufstellte, war auch Meister vor einem Fernsehgerät. «Wir hatten es Hunderte Male ausprobiert. Wir wussten, dass es klappen wird.» Leicht angespannt sei er höchstens wegen der Astronauten gewesen. «Ich hoffte einfach, die kommen heil zurück.»

Bildstrecke: Mit einer einfachen Folie hoch hinaus

Das Experiment war erfolgreich. Bei vier weiteren Missionen wurde es wiederholt – mit immer längeren Expositions­zeiten. Auf grosse Fragen gab es plötzlich Antworten. So stellte sich heraus, dass der Anteil des schweren Wasserstoffs auf der Sonne nicht gleich gross war wie auf der Erde und auf Meteoriten. Diese Erkenntnis half, die Entstehung des Sonnensystems besser zu verstehen.

Meister verbirgt seine Bewunderung für das Apolloprojekt nicht. Wenn man bedenke, sinniert er, wie riesig die Saturn-Rakete war, was während der Mission alles verbrannt, abgestossen und zurückgelassen wurde und wie wenig schliesslich auf die Erde zurückkehrte – «es war eine Gewaltleistung». Nur schon die Motoren mit ihrem gigantischen Schub. «Das war typisch für die Amerikaner», sagt Meister, «sie schreckten vor nichts zurück, mochte das Problem noch so gross sein.»

Schon als Schüler von Physik begeistert

Der Kontakt zur Nasa erlaubte es dem jungen Doktor der Physik, nach 1970 sechs Jahre an der Rice-Universität in Texas zu arbeiten. Dort wertete er Daten eines anderen Apollo-Experiments aus. Nach der Rückkehr an die Universität Bern wechselte er bald in die Munitionsfabrik Thun und zog mit der Familie nach Steffisburg. Statt mit dünnen Folien beschäftigte er sich mit panzerbrechender Munition. «Da geht alles so schnell – die Mechanik, die ich gelernt hatte, konnte ich praktisch vergessen.»

Meister, der in Köniz aufwuchs, war schon als Schüler von Physik begeistert. «Die Formeln nahm ich auf wie Sirup.» Sputnik, Raketen, die Mondprogramme, «überhaupt alles, was geflogen ist», hat ihn in den Bann gezogen. Das ist heute, wo er längst Grossvater ist, nicht anders. Nur sind es nicht mehr Raketen, denen sein grösstes Interesse gilt, sondern Vögel und Schwalbenschwänze. Zusammen mit seiner Frau züchtet er diese Schmetterlinge. «Die Natur ist etwas vom Faszinierendsten», sagt er.

«Ein paar haben den Kick»

Und der Mond? Immer wenn er ihn anschaue, werde ihm bewusst, dass dort oben die fünf zurückgelassenen Stative liegen. «Zu wissen, dass ich sie in meinen Händen hielt, ist schon besonders.» Dass Menschen den Mond betreten wollten und es getan haben, «das war gerechtfertigt», sagt er. Weitere bemannte Weltraummissionen beurteilt er aber kritisch. Von Weltraumtourismus hält er ohnehin nichts: «Ein paar haben den Kick, aber alle anderen leiden unter dem CO2-Ausstoss.» Und die Eroberung ferner Lebensräume? «Da kann ich nur lachen», sagt Meister. «Man muss sich diese Distanzen nur vorstellen. Das wird man nie hinkriegen.»

Erstellt: 21.03.2019, 20:35 Uhr

Der Sonnenwind

In den frühen 1950er-Jahren war Astrophysikern aufgrund theo­retischer Überlegungen und der Beobachtung von Kometenschweifen klar geworden, dass ununterbrochen ein Teilchenstrom von der Sonne ausgehen muss. Einfache Messgeräte auf den ersten russischen und amerikanischen Raumsonden, welche die irdische Magnetosphäre verliessen, bestätigten diesen Sonnenwind. Er besteht zur Hauptsache aus Elektronen und Protonen (ionisierter Wasserstoff). Weiter enthält er ionisierte, also elektrisch geladene Atomkerne anderer Elemente.

Der Sonnenwind ist nicht zu verwechseln mit dem Sonnenlicht, das sich mit Lichtgeschwindigkeit ausbreitet und die Erde damit in einer Sekunde sieben Mal umkreisen könnte. Der Sonnenwind ist mit einer Geschwindigkeit von
ein paar Hundert Kilometern pro Sekunde viel langsamer. Für Astronauten stellt er keine Gefahr dar; das zeigt sich daran, dass er sich bereits mit einer dünnen Alufolie abschirmen lässt.

Das Sonnenwindexperiment wurde nach der Premiere mit Apollo 11 viermal wiederholt. (db)

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